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Gesellschaft

Jung, weiblich, orthodox

Tessa Clara Walther
22. August 2019

Sie ist eine der ersten Frauen, die erfolgreich dafür gekämpft haben, als orthodoxe Jüdin in Israel zur Rabbinerin geweiht zu werden. Doch Rachel Rosenbluth will noch mehr erreichen.

Religions for Peace Konferenz - Rachel Rosenbluth
Bild: DW/T. Walther

Im Publikum ist sie leicht zu erkennen: Rachel Rosenbluth trägt ein buntes Blumenkleid und Sandalen. Die junge Frau sitzt inmitten von hunderten schick gekleideter Männer und Frauen aus mehr als 100 Ländern. Sie verfolgen die Podiumsdiskussion "Frauen als Friedensstifterinnen" bei der Weltkonferenz "Religions for Peace” in Lindau am Bodensee. Meherzia Labidi-Maïza ist eine der Sprecherinnen auf der Bühne. Die tunesische Politikerin begrüßt die Zuschauer: “Salam aleikum”, sagt sie mit offenen Armen. Sie trägt Kopftuch, genauso wie Layla Alkhafaji, ehemalige Abgeordnete aus dem Irak. Auch jeweils eine Politikerin aus Bahrain und Ägypten sind gekommen, moderiert wird die Veranstaltung von einer evangelischen Bischöfin aus Deutschland. Schnell zeigt sich: Die Frauen auf der Bühne kommen aus unterschiedlichen Ländern, teilen aber oft die gleichen Probleme.

"Frauen sind nicht da, um zu folgen, Frauen sind Friedensstifterinnen. Frauen können kritisieren, ihre Religion neu interpretieren, weil Gott sich an Frauen genauso wendet wie an Männer!", sagt Meherzia Labidi-Maïza. Rachel Rosenbluth klatscht begeistert. Sie sagt: "Ich habe wenige weibliche Vorbilder. Und dann sehe ich diese Frauen und fühle ihre Energie und Leidenschaft, ihre Stärke und die Hindernisse, die sie überwinden mussten, und ich fühle mich zugehörig." Sie freut sich über weibliche Vorbilder, die für Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau kämpfen, leitende politische oder religiöse Positionen einnehmen und sich von patriarchalischen Strukturen nicht abhalten lassen.

Hinein in den "Boy's Club”

Was die junge Israelin in den Frauen sucht, daran arbeitet sie selbst auch schon. Die 29-Jährige ist vor ein paar Tagen Rabbinerin geworden. Nächste Woche wird sie als eine der ersten Frauen in ihrer orthodoxen jüdischen Gemeinde in Israel geweiht, berichtet sie. Ein wichtiger Moment sei das, denn "weibliche Stimmen sind [im Judentum] so lange Zeit nicht berücksichtigt worden, dadurch ist eine Ungleichheit entstanden. Das will ich ändern. Ich will die Balance herstellen.” Das sei keine leichte Aufgabe, denn ihre Ausbildung fühle sich oft so an, als sei sie in den "Boy's Club” eingebrochen. Trotzdem sieht sie Fortschritte, denn "dass Frauen im orthodoxen Judentum geweiht werden, das war noch vor fünf Jahren unvorstellbar”.

Diskussion über "Frauen als Friedensstifterinnen" bei der Weltkonferenz Religions for PeaceBild: DW/T. Walther

Viele der hier am Bodensee vertretenen 17 Religionen beschäftigen sich mit Gender-Fragen, oft dominieren noch Männer. Auch bei den Teilnehmern in Lindau sind Frauen unterrepräsentiert. Die Marburger Wissenschaftlerin Edith Franke erläutert: "Für mich als Religionswissenschaftlerin sind Religionen ja nicht vom Himmel gefallen. Religiöse Texte und Rituale werden von Menschen aufgeschrieben, erdacht und gelebt. Da spiegeln sich die Werte von patriarchalischen Kulturen wider, in denen religiöse Vorstellungen entwickelt wurden.” Oft gebe es den Impuls, Frauen in Schach zu halten und ihre Wirkungskraft einzugrenzen. Dabei zeigten religionshistorische Studien durchaus, dass Frauen zum Beispiel schon in den Anfängen des Islam als religiöse Autoritäten gewirkt hätten oder in der jüdisch-christlichen Tradition als Prophetinnen auftraten.

Religion: Kriegswaffe oder Instrument des Friedens

Alte Machtverhältnisse will Rachel Rosenbluth aufbrechen, nicht nur als Rabbinerin, sondern auch als Friedensstifterin. Sie ist seit fünf Jahren Koordinatorin des Programms "Solidarity of Nations”, einer Nichtregierungsorganisation (NGO), die sich für den Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinensern einsetzt. Die NGO lädt junge Menschen aus der ganzen Welt ein, für fünf Monate in den Nahen Osten zu kommen, um dort palästinensische Hirten zu begleiten oder zwischen jüdischen Siedlern und arabischen Nachbarn zu vermitteln. Die junge Rabbinerin lehnt die Interpretation, Religion als Kriegswaffe zu nutzen, klar ab: "Für mich ist Religion vielmehr ein Werkzeug, das mehr Integrität und Mitgefühl in der Welt schaffen kann.” Religion und Spiritualität könnten eine Basis bilden, um für gegenseitiges Verständnis zu sorgen.

"Mit Distanz und Vernunft betrachtet muss man sagen: Die Religion ist immer nur so gut oder so schlecht, wie die Menschen, die sie leben”, sagt Religionswissenschaftlerin Franke. Alles hänge davon ab, wie die Menschen ihre Religion interpretieren. Für Rabbinerin Rosenbluth ist das im Judentum der klare Auftrag, die Welt ein Stück besser zu machen. Ihr Ziel ist es, eines Tages ein interreligiöses Zentrum zu eröffnen, einen Ort, an dem Menschen sich austauschen, meditieren, tanzen und ihren Glauben weiter ausbauen können - für eine ganzheitliche Auseinandersetzung mit ihrer Religion, auf intellektueller, spiritueller aber auch emotionaler Ebene.

Die Podiumsdiskussion geht zu Ende, Rachel Rosenbluth springt auf und läuft nach vorn, unterhält sich noch lange mit den Frauen vor der Bühne. Als sie auf Meherzia Labidi-Maïza zugeht, nimmt diese ihre Hand und hält sie lange in ihrer. Die beiden Frauen schauen sich in die Augen und die Worte der tunesischen Politikerin klingen nach: “Wir haben schon so viel gelitten, und wir werden weiter leiden. Aber wir werden an unser Ziel kommen.”

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