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KatastropheTürkei

"Rettungsphase" nach Erdbeben bald vorbei

14. Februar 2023

Die Einsätze zur Rettung von Erdbebenopfern in der Türkei und Syrien gehen langsam ihrem Ende entgegen. Mehrere Such- und Bergungsteams kehrten inzwischen nach Deutschland zurück. Vor Ort beginnt die "humanitäre Phase".

Türkei Nurdagi | Rettungsarbeiten nach Erdbeben
Rettungs- und Bergungsarbeiten in Nurdagi (Türkei)Bild: Chris McGrath/Getty Images

"Die Rettungsphase, bei der Menschen lebend aus den Trümmern gezogen und bei der unter Trümmern Verstorbene gefunden werden, neigt sich dem Ende", erklärte UN-Nothilfekoordinator Martin Griffiths im syrischen Katastrophengebiet. Jetzt beginne die "humanitäre Phase", um Betroffene mit Unterkünften, "psychosozial" sowie mit Lebensmitteln, Schulunterricht und "einem Sinn für die Zukunft" zu versorgen.

"Mehr Hilfe schneller in Syrien"

Während seines Besuchs kam Griffiths auch mit Syriens Staatschef Baschar al-Assad zusammen, dessen Regierung mit Verbündeten etwa zwei Drittel des zersplitterten Bürgerkriegslandes kontrolliert. Zur Verbesserung der humanitären Hilfe habe Assad bei dem Treffen die Öffnung von zwei weiteren Grenzübergängen zur Türkei zugesagt, berichtete Griffiths dem UN-Sicherheitsrat.

Trafen sich in Damaskus: Martin Griffiths (l.) und Baschar al-AssadBild: Syrian Presidency/Facebook/AP Photo/picture alliance

UN-Generalsekretär António Guterres begrüßte die Entscheidung Assads: "Die Öffnung dieser Grenzübergänge - zusammen mit der Erleichterung des humanitären Zugangs, der Beschleunigung der Visagenehmigungen und der Erleichterung des Reisens zwischen den Drehkreuzen - wird es ermöglichen, dass mehr Hilfe schneller (in Syrien) eintrifft." Nach Schätzungen der Vereinten Nationen könnten allein in Syrien bis zu 5,3 Millionen Menschen durch das Beben obdachlos geworden sein.

Gut eine Woche nach der Erdbeben-Katastrophe im türkisch-syrischen Grenzgebiet ist die Zahl der Toten auf mehr als 40.000 gestiegen. Alleine in der Türkei liege die Zahl bei 35.418, sagte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am Dienstag nach einer Meldung der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu. Aus Syrien wurden zuletzt 5900 Tote gemeldet. Zehntausende Menschen erlitten Verletzungen.

Zerstörte Gebäude in Harem (Syrien)Bild: Mahmoud Hassano/REUTERS

WHO: Schlimmste Naturkatastrophe seit einem Jahrhundert

Das Europa-Büro der Weltgesundheitsorganisation WHO hat zu umfassender Hilfe für die vielen Erdbebenopfer im türkisch-syrischen Grenzgebiet aufgerufen. WHO-Regionaldirektor Hans Kluge bezeichnete das Beben als schlimmste Naturkatastrophe in der Region sei einem Jahrhundert. Der Bedarf an Hilfe sei riesig und wachse mit jeder Stunde. Rund 26 Millionen Menschen in der Türkei und Syrien bräuchten humanitäre Unterstützung. "Jetzt ist die Zeit für die internationale Gemeinschaft, dieselbe Großzügigkeit zu zeigen, die die Türkei im Laufe der Jahre anderen Nationen weltweit gezeigt hat", sagte Kluge. Das Land beherberge die größte Flüchtlingsbevölkerung der Erde.

Das UN-Kinderhilfswerk UNICEF betonte, von dem Erdbeben seien in der Türkei 4,6 Millionen Kinder und in Syrien rund 2,5 Millionen Kinder betroffen. Es sei zu befürchten, dass durch das Beben am Montag vergangener Woche "viele tausend" Kinder ums Leben gekommen seien, sagte ein UNICEF-Sprecher. Viele der überlebenden Kinder litten nun an Unterkühlung und Atemwegsinfektionen.

CHP-Politiker: "Präsidialsystem hat beim Beben versagt"

Unal Cevikoz, außenpolitischer Sprecher der größten türkischen Oppositionspartei CHP, wies darauf hin, dass fehlerhafte Bauweisen für das Ausmaß der Tragödie verantwortlich seien. "Zunächst einmal wurden die Bauten nicht entsprechend den Erdbebenvorschriften verstärkt. Das ist einer der Gründe, warum viele der Gebäude eingestürzt sind", sagte er der Deutschen Welle. Cevikoz vermutet auch, dass das verwendete Baumaterial wahrscheinlich von schlechter Qualität gewesen sei und dass trotz der Erdbebengefahr auf feuchtem Gelände gebaut werden durfte. Nach Ansicht des Sprechers geschah dies wahrscheinlich aus politischen Gründen.

Der Abgeordnete Unal CevikozBild: Burhan Ozbilici/AP Photo/picture alliance

Cevikoz merkte an, dass die Bauunternehmer, die diese Häuser gebaut hätten, jetzt verhaftet seien. "Aber wenn die Behörden die Erlaubnis zum Bau dieser Häuser auf diesem Gelände gegeben haben, dann denke ich, dass auch die Politiker dafür zur Rechenschaft gezogen werden müssen." In Bezug auf die Rettungsmaßnahmen nannte der Politiker die mangelnde Koordinierung als größte Schwäche der Regierungsarbeit. "Das Präsidialsystem hat versagt, insbesondere bei diesem Erdbeben, weil es an Koordination mangelte und jeder auf Anweisungen des Präsidenten wartete", sagte Cevikoz.

"Bis an den Rand der Erschöpfung"

Einige Such- und Bergungsteams aus Deutschland kehrten inzwischen nach tagelangem Einsatz im türkischen Erdbebengebiet in ihre Heimat zurück. Am Flughafen Köln/Bonn landete am Montagabend ein Flugzeug mit fast 100 Einsatzkräften an Bord, die in der Provinz Hatay eingesetzt waren. Dort konnten sie mehrere Menschen lebend aus Trümmern eingestürzter Häuser befreien.

Rettungskräfte bei der Ankunft am Flughafen Köln/BonnBild: Federico Gambarini/dpa/picture alliance

"Wir sind froh, dass wir in dieser schweren Zeit den Menschen in der Türkei helfen konnten", erklärte Einsatzleiter Steven Bayer in einer gemeinsamen Mitteilung. Und Michael Lesmeister, der Geschäftsführer der Hilfsorganisation I.S.A.R. Germany, unterstrich: "Jeder Einzelne hat in den letzten Tagen teilweise bis an den Rand der Erschöpfung gearbeitet, um Menschen zu retten. Dieses ehrenamtliche Engagement kann einfach nicht genug gewürdigt werden."

kle/hf/wa/ehl (dpa, afp, rtr, DW)

Türkei: Wachsende Verzweiflung nach Erdbeben

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