Rheingau Musik Festival: Wenn Frauen Trompete spielen
23. Juni 2026
Wenn man Luciennne Renaudin Vary fragt, ob Frauen anders Trompete spielen als Männer, dann kommt erst einmal ein vehementes "Nein". Die französische Trompeterin fasziniert und berührt mit ihrem einfühlsamen Spiel, egal ob laut oder leise. So auch beim Eröffnungswochenende des Rheingau Musik Festivals, bei dem sie mit dem Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks (HR) das Konzert für Trompete und Orchester des armenischen Komponisten Alexander Arutjunjan (1920 - 2012) spielte.
"Es gibt nicht so viele Trompetenkonzerte, und ich liebe es sehr", sagt Vary im Interview mit der DW. Das Konzert des Armeniers bedient ein breites Klangspektrum von armenischer Volksmusik bis hin zu jazzigen Elementen. Für den französischen Orchesterleiter Alain Altinoglu, selbst armenischer Herkunft, ist es ein Herzensstück. "Es gibt sehr hohe und tiefe Töne und auch schöne lyrische Momente. Vor allen Dingen dieser Dialog zwischen dem Orchester und der Trompete war 1950 noch etwas Neues."
Die Trompete war lange ein Männerinstrument
Seit sie acht Jahre alt ist, spielt Lucienne Renaudin Vary Trompete. "Die Trompete ist meine Stimme. Ich habe mich in den Klang verliebt." Neben der klassischen Musik hat sie auch ein eigenes Jazzquintett, weil sie sich nicht zwischen Jazz und Klassik entscheiden konnte. Als Trompeterin ist Lucienne Renaudin Vary in der klassischen Musik zwar nicht die einzige, aber doch eine von wenigen. Eine Studie des Deutschen Musikinformationszentrums von 2021 zeigt den Gender-Gap deutlich und besagt, dass nur rund fünf Prozent der Frauen im Orchester Trompete, Tuba, Posaune oder Schlagzeug spielen.
Schon in der Barockmusik gab es viele Kompositionen mit Pauken und Trompeten. Kraftvolle Stücke, in denen die Trompeten natürlich nur von Männern gespielt wurden. Dass Männer auch heute oft mit mehr Kraft arbeiten, kann Lucienne Renaudin Vary bestätigen. "Weil sie so erzogen sind. Männer müssen kraftvoll sein und nur fortissimo spielen." Das sei eine falsche Erziehung und es sei an der Zeit alte Strukturen aufzubrechen, meint sie. "Das braucht Zeit. Nicht so viele Frauen spielen Trompete, aber es werden mehr."
Musikpreis für das Orchester des Hessischen Rundfunks
Ob Mann oder Frau: Für Dirigent Alain Altinoglu ist das keine Frage des Geschlechts. "Der Klang der Trompete muss aus der Seele kommen", das mache den Unterschied, sagt er. "Was ich fühle, wenn Lucienne die Trompete nimmt, dann ist es, als würde sie selbst singen. Ihre innere Stimme hört man durch ihr Trompetenspiel und deshalb berührt es uns so."
Neben Alexander Arutjunjans Trompetenkonzert gab es am Eröffnungsabend des Rheingau Musik Festivalsein breites Musikprogramm: Das HR-Sinfonieorchester, das das Festival jedes Jahr eröffnet, spielte die bekannten "Polowetzer Tänze" von Alexander Borodin mit orientalischen Elementen. Standing Ovations gab es für Edward Elgars "Enigma Variationen", bei denen jede musikalische Variation Menschen aus dem Umfeld des Komponisten mit verschiedenen Charaktereigenschaften spiegeln soll. Von pompösen Orchesterklängen über aufgewühlte Paukenschläge bis zu zarten oder hüpfenden Streicherklängen ist alles dabei. "Es wirkt einfach, aber es ist sehr schwer zu spielen. Es gibt da sehr viele kleine Fallen", sagt Altinoglu. Zu den Fallen gehört nicht zuletzt der Hall der Kirche - das Konzert wird traditionell in der Basilika Kloster Eberbach bei Wiesbaden gegeben.
Die Musiker und Musikerinnen des HR-Sinfonieorchesters wurden am Eröffnungsabend mit dem Rheingau Musik Preis ausgezeichnet. Nach Veranstalterangaben ist dies einer der höchst dotierten Musikpreise in Deutschland. Das Orchester mit Sitz in Frankfurt gastiert im In- und Ausland und hat sich bereits einen Namen über die deutschen Grenzen hinweg gemacht.
Die Suche nach neuen Talenten
Das Rheingau Musik Festival gehört zu den größten Festivals in Europa für klassische Musik sowie Jazz und Unterhaltungsmusik. Es ist bekannt dafür, junge Talente aufzuspüren und zu fördern. Lucienne Renaudin Vary gehört in diesem Jahr zu den Fokuskünstlern beim Festival - in insgesamt fünf Konzerten schlägt sie die Brücke zwischen Jazz und Klassik .
Programmdirektor Timo Buckow beobachtet den Musikmarkt seit Jahren. "Der Markt verändert sich wahnsinnig rasant und man muss bei der Suche am Puls der Zeit sein", erläutert Buckow im Gespräch mit der DW. Heute würden andere Entscheidungskriterien außerhalb der Kunst eine Rolle spielen, wie etwa der Social-Media-Auftritt. "Es ist wichtig, wie sich die Nachwuchskünstler bei Social Media präsentieren, wie ihre Bühnenpräsenz ist und auch, was sie anziehen." Der diesjährige Residenzkünstler, der Japaner Hayato Sumio, ist für ihn ein Paradebeispiel. "Den könnte man auch in die Vogue setzen mit den neusten Fotos zu seiner neuen Chopin-CD."
Doch dann begeistert auch noch etwas ganz Anderes, und das hat Lucienne Renaudin Vary. "Sie begeistert mich mit ihrer Natürlichkeit. Das Publikum spürt ihre Authentizität", sagt Buckow. Da sei nicht nur das virtuos Strahlende. "Der Klang hinterlässt etwas, das man schwer in Worte fassen kann, weil es einfach ein Gefühl ist, und das bleibt den Leuten im Gedächtnis."