Rhetorik-Experte sieht bei Merz "gewisse Unprofessionalität"
24. Juni 2026
Gut ein Jahr nach Amtsantritt steckt Bundeskanzler Friedrich Merz im Umfragetief. Warum? Liegt das auch an seiner Kommunikation? Beobachtungen und Analysen von Olaf Kramer, Professor für Rhetorik und Wissenskommunikation an der Universität Tübingen.
DW: Herr Professor Kramer, Friedrich Merz ist seit Mai 2025 deutscher Bundeskanzler. Seine Beliebtheitswerte gehen fast kontinuierlich zurück. Dabei gilt Merz eigentlich als sehr guter Redner. Wie können Sie sich das erklären?
Professor Olaf Kramer: Rhetorischer Erfolg hängt ja immer an vielen Faktoren. Das eine ist, in einer Rede gut argumentieren zu können. Das andere ist, auch in der Lage zu sein, Menschen emotional zu erreichen, und auch selbst in der Lage zu sein, so etwas wie Vertrauen und Glaubwürdigkeit aufzubauen. Man könnte das aus der antiken Rhetorik entwickeln und sagen, es geht immer um Logos, Ethos und Pathos.
Merz wurde früher immer als sehr guter Redner wahrgenommen. Er ist auch jemand, von dem ich sage, er kann gut argumentieren. Was ihm aber relativ wenig gelingt, ist, Menschen auch emotional anzusprechen, empathisch zu sein. Das ist etwas, das in der Kanzlerrolle eine große Rolle spielt. Aus der Position des Oppositionsführers heraus reicht es, zu argumentieren und argumentative Spitzen zu setzen. Vom Kanzler würde man aber emotionale Ansprache und eine gewisse Empathie erwarten. Das fällt ihm offensichtlich schwer.
Er ist ein Beispiel dafür, dass gute Worte das eine sind, den Worten aber auch Taten folgen müssen. Wir kennen bei Merz eine rhetorisch knackige Ankündigungsrhetorik: Es werden starke Maßnahmen angekündigt, Reformen werden immer wieder neu sehr stark vertreten. Dann folgen aber nicht die entsprechenden politischen Handlungen.
Das ist ein Auseinanderdriften, das Menschen wahrnehmen. Es ist im Wahlkampf viel versprochen worden, es ist in den Ankündigungen am Anfang der Regierungszeit viel versprochen worden. Das hat sich nicht eingelöst. Dieser Widerspruch zwischen den Worten und den Taten ist etwas, was das Vertrauen in einen Redner sehr nachhaltig schädigen kann.
Vor einigen Wochen hat Friedrich Merz den niedrigsten Beliebtheitswert seines Vorgängers Olaf Scholz noch unterboten. Dessen Vorgängerin Angela Merkel startete mit sehr hohem Vertrauen und verlor dann. Aber sie verlor längst nicht so deutlich wie die beiden nachfolgenden Männer. Olaf Scholz startete ähnlich und verlor dann krass. Nun Friedrich Merz. Liegt das am Amt des Bundeskanzlers, an der Amtsführung?
Wichtig ist: Man muss auch präsidiale Reden halten. Denn wenn man Kanzler ist, ist man ja Kanzler der Deutschen und nicht mehr nur wie ein Oppositionsführer der Vertreter der eigenen Partei. Dieser Rollenwechsel muss stattfinden.
Insofern ist es auch Aufgabe eines Kanzlers, eine versöhnende Rhetorik zu haben, die in der Lage ist, Brücken zu bauen. In der Forschung nennt man das heute auch "bridging rhetoric".
Welche Fehler sehen Sie bei Scholz und Merz?
Bei Olaf Scholz trat irgendwann eine Phase ein, in der fast Kommunikationsverweigerung stattfand. In bestimmten Phasen seiner Regentschaft hat er im Grunde sehr wenig kommuniziert. Das hat die Menschen irritiert.
Bei Friedrich Merz sehen wir nicht diese Form von Kommunikationsverweigerung. Aber wir erleben dieses Auseinanderdriften zwischen Ankündigungen und Versprechungen auf der einen Seite und der real umgesetzten Politik auf der anderen Seite. Und wir erleben immer wieder irritierende Szenen, in denen es dem Kanzler nicht gelingt, anwesende Zuhörer und Gesprächspartner emotional anzusprechen.
Manchmal ploppen bei Merz fast nebenbei Anmerkungen auf, die dann die mediale Rezeption einer Rede prägen, seien es Bewertungen der USA, Brasiliens oder auch die Äußerung zu Migration als Problem im Stadtbild. Wie wichtig sind Schlüsselbegriffe für eine politische Rede bei diesem Kanzler?
Naivität ist vielleicht ein zu großes Wort. Aber man merkt immer mal wieder eine gewisse Unprofessionalität. Da scheint Merz nicht zu reflektieren, dass Äußerungen, die er aus der Position des Kanzlers tätigt, eine andere Relevanz haben und andere Folgen haben können als das, was er früher als Privatmann von sich geben konnte.
Dazu gehört, wie die Stadtbild-Äußerung zeigte, auch so etwas wie ein Fischen im Trüben. Diese Äußerung zeichnet sich ja rhetorisch dadurch aus, dass sie gar nicht genau sagt, worum es geht. Dadurch, dass sie so uneindeutig ist, erlaubt sie Assoziationen, wie sie die rechtsextremen Parteien gerne bedienen. Solche Äußerungen machen dann in einer Form Karriere, wie es in einem professionell geführten Bundeskanzleramt nicht passieren sollte.
Können Sie Beispiele für hervorragende politische Reden nennen?
Ich könnte eine Rede nennen von jemandem, von dem man die vielleicht gar nicht erwarten sollte. Ich habe sie gerade vor ein paar Wochen noch einmal in der Vorlesung analysiert. Die Zeitenwende-Rede von Olaf Scholz vom 27. Februar 2022 ist ein Beispiel für eine sehr gelungene politische Rede. Es ist ihm mit diesem Begriff der Zeitenwende gelungen, politische Orientierung zu schaffen.
Bei Scholz war das Tragische die unmittelbar nach diesem guten Auftritt einsetzende Kommunikationsverweigerung, mit der er sich irgendwie komplett zurückgezogen und die Menschen alleingelassen hat. Da folgte die Verfallsgeschichte dieser Kanzlerschaft.
Bei Angela Merkel war die erste Fernsehansprache in der Corona-Krise ein großartiges Beispiel für politische Redekunst. Denn sie hat auf der einen Seite eine rationale Orientierung der Politik angestrebt und es auf der anderen Seite geschafft, die Menschen emotional anzusprechen.
Olaf Kramer (55) forscht zu den Themen Wissenschaftskommunikation, digitale Rhetorik und politische Kommunikation. Er ist Professor für Rhetorik und Wissenskommunikation an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen.
Das Interview führte Christoph Strack.