Rios heilige Nacht
30. Dezember 2013
Die weißen Pappteller wackeln auf den Wellen. Mais und Münzen, Spiegel, Kämme und flackernde Kerzen rutschen hin und her. In den Spiegeln reflektiert der schwache Schein des Mondes. Nur noch wenige Minuten, dann versinken die weißen Pappteller im Meer, die Kerzen erlöschen und die Feuerwerkskörper steigen gen Himmel auf.
Alle Jahre wieder: In Rios heiliger Nacht kommen mehr als zwei Millionen Menschen am Strand von Copacabana zusammen. Während im Wasser nur die Schaumkronen helle Akzente in der Dunkelheit setzen, verwandelt sich die Menschenmenge am Strand in ein weißes Meer unter riesigen Scheinwerfern. Denn die meisten "Cariocas", wie sich die Einwohner Rios nennen, kleiden sich am letzten Tag des Jahres als Zeichen ihrer Sehnsucht nach Frieden weiß.
Afrikanische Götter und katholische Heilige
Die rauschende Silvesternacht an Rios berühmtesten Strand ist nicht nur ein Ausweis für Feuerwerkskunst auf höchstem Niveau. In Brasilien, dem Land mit der größten schwarzen Bevölkerung außerhalb Afrikas, ist die Feier auch der Inbegriff des tief in der einheimischen Kultur verwurzelten Synkretismus, bei dem afrikanische Götter und katholische Heilige gleichermaßen verehrt werden.
In diesem Jahr wird die Neujahrsnacht erstmals zu einem internationalen Ereignis: Das US-amerikanische Fernsehnetzwerk Fox überträgt die religiös aufgeladene Massenfeier in alle lateinamerikanischen Nachbarländer und die USA, und lässt somit den ganzen Kontinent an Rios größtem Spektakel teilhaben.
Schon jetzt ist klar, dass es ein Fest der Superlative wird: In nur 16 Minuten werden insgesamt 24 Tonnen Feuerwerkskörper in den Himmel geschossen. Von Mitternacht an verrichten 50 Pyrotechniker ihre Arbeit im Sekundentakt auf elf fest verankerten Flößen, die in der Bucht von Copacabana, 400 Meter vom Strand entfernt, strategisch positioniert sind.
Schmetterlinge fallen vom Himmel
Das Spektakel ist in diesem Jahr nicht nur eine Hymne auf Rio und seine Einwohner selbst. Es ist zugleich eine Hommage an den Animationsfilm "Rio 2", der im März 2014 in die Kinos kommt, und mit den Augen eines Papageis die tropische Flora und Fauna Brasiliens beschreibt. So werden sich um Mitternacht blaue Lichtkegel wie Vulkane aus dem Meer erheben. Dann erleuchten bunte Schmetterlinge und üppige Blumenkelche die dunkle Nacht.
Der Jahreswechsel wirkt auf Touristen schon jetzt wie ein Magnet. Rund 767.000 Besucher, die meisten aus Argentinien, den USA und anderen brasilianischen Städten, haben in Rio eine Unterkunft gebucht. Nach Angaben des örtlichen Hotel- und Gastronomie-Verbandes (SindRio) sind dies 15.000 Besucher mehr als Silvester 2012. Insbesondere die Belegung von Herbergen und Hostels für ein jüngeres Publikum habe zugenommen.
WM macht neugierig auf Brasilien
"Die WM erhöht das Interesse an Rio", meint der Tourismusbeauftragte der Stadt, Antonio Pedro Figueira de Mello. "Wer nicht zur WM oder zu den Olympischen Spielen kommen kann, besucht häufig schon vorher die Stadt", hat er beobachtet. Nach Angaben von Rios Tourismusbehörde werden zur WM im Juni 2014 in ganz Brasilien rund 600.000 Gäste aus dem Ausland erwartet.
Jedes Jahr hängen in Rio an Silvester Millionen von Menschen dem Traum von einer friedlichen Welt nach. 2013 gab es an der Copacabana zusätzlich die größte Glaubensparty der Welt. Rund zwei Millionen Katholiken aus der ganzen Welt pilgerten zum Weltjugendtag an die Copacabana, um ihren neuen Papst zu feiern und sich in ihrem Glauben zu bestärken.
In der Silvesternacht hingegen setzen sich stets die afrikanischen Gottheiten durch. Um die Meeresgöttin "Iemanjá", in der afrobrasilianischen Religion "Candomblé" eine schöne, aber auch grausame Herrscherin über Leben und Tod, gnädig zu stimmen, werfen die "Cariocas" weiße Rosen und Gladiolen in die Brandung, sie zünden Kerzen an, schicken ihre Opfergaben in Flechtkörben hinaus aufs Meer, und ihre Gedanken und Gebete gen Himmel.
Die guten Wünsche steigen in den vom Feuerwerk grell erleuchteten Himmel auf. Anschließend verlieren sie sich im Taumel von Licht und Live-Musik. Die Copacabana bebt. Es fehlen nur noch 59 Tage bis zum Karneval. 2014 kann beginnen.