Rolando Villazon - Tenor mit Hirn
2. Februar 2005
Manuel Brug
Wenn Sie nicht singen, stricheln Sie Cartoons. Wussten Sie, dass Caruso auch Karikaturen verfertigt hat?Rolando Villazón
Na klar. Noch etwas, das uns verbindet: Tenor und Karikaturist. Notfalls kann ich mich, wenn es mit dem ersten Beruf doch nicht klappen sollte, also am Montmartre niederlassen und Touristen zeichnen. Sehr beruhigend. Im Ernst: Caruso war Tenor und hat gemalt, ich mache dasselbe – aber auf weitere Vergleiche zum Thema Tenor will ich mich nicht einlassen.MB
Doch, noch einer: Caruso wurde verklagt, weil er angeblich im New Yorker Zoo einer Frau in den Hintern gekniffen hat. Könnte Ihnen das auch passieren?RV
Nein, denn meine Familie passt auf, dass ich keine Dummheiten mache. Deshalb ist meine Frau meist auf meinen Reisen dabei. Das geht augenblicklich noch prima, denn unsere beiden Söhne, Dario und Matteo, sind zwei und ein halbes Jahr alt. Die werden also augenblicklich als Kofferkids groß. Hoffentlich glauben sie nicht, ihr Vater sei Zirkusartist.MB
Ist es so viel anders, was Sie machen?RV
Eigentlich nicht. Nur trete ich immer garantiert ohne Netz und doppelten Boden auf. Das ist alles ehrliche Arbeit, Tenor-Arbeit natürlich.MB
Womit wir wieder am Anfang wären. Sie wiederholen sich. Das kleine Tenor-Hirn ist offenbar kein Witz.RV
Hören Sie mal, da muss ich aber gewaltig viele Noten, Regieanweisungen und Vertragsbedingungen hineinstopfen. Gerade beispielsweise den Don José, den ich in Berlin unter Barenboim zum ersten Mal gesungen habe. Wollen Sie mal hören? (Singt "La Fleur, que tu m’avais jetée".)MB
Ist ja gut, danke, danke. Sie können also auch Französisch! O. k., Sie sind ein Tenor mit ein wenig mehr Hirn, Sie haben ja heute schon mehr Rollen gesungen als mancher anderer C-Besitzer. Trotzdem: Ist Tenor-Sein, abend-, gar lebensfüllend?RV
Für mich nicht. Ich singe wahnsinnig gern, habe sogar am Tenor-Sein Spaß, aber ich lasse mein Leben nicht von den beiden winzigen Muskeln da drinnen fremd bestimmen. Und ich quäle meine Mitmenschen nicht 24 Stunden lang mit Tenor-Allüren.MB
Wie lange denn?RV
Höchstens zehn Minuten vor Vorstellungsbeginn. Also: Ich liebe es, Tenor, mehr aber noch Darsteller zu sein. Ich will immer auf die Bühne.MB
War das schon immer so?RV
Ja, immer. Ich bin einfach sehr extrovertiert. Wirkliches Lampenfieber kenne ich nicht. Höchstens professionelle Anspannung, ein bisschen Grummeln im Bauch.MB
Bei Ihrem Gesicht könnte es auch noch einen anderen Zweitberuf geben: der mexikanische Mr. Bean, sogar mit Dauerwelle.RV
Das ist Naturlocke! Außerdem singt Mr. Bean nicht Tenor. Dem habe ich überhaupt das Sprechen verboten, damit man uns nicht dauernd verwechselt.MB
Können Sie sich noch erinnern, wann sie das erste Mal eine Opernstimme hörten?RV
Nein, aber ich weiß natürlich, dass es ein Tenor war – und er hieß Plácido Domingo. Ich hörte nur Tenöre und war immer Tenor, obwohl ich erst relativ spät ein professioneller Tenor geworden bin. In Mexiko ist das schließlich nicht so einfach.MB
Andererseits sind fast alle singenden Mexikaner Tenöre. Gibt es dafür eine Tradition?RV
In Mexiko gibt es überhaupt keine Tradition für klassische Musik. Aber in der Folklore, in den Mariachi-Kapellen singen meistens die Männer, Machismo – ist doch klar!MB
Sie haben eine prominenten Rivalen aus Mexiko, Ramón Vargas ...RV
Er ist kein Rivale, eher ein Freund. Zwar kein sehr enger, denn wir sehen uns in unseren parallel geschalteten Tenor-Umlaufbahnen kaum, aber wenn doch, tauschen wir immer Erfahrungen aus. Als ich noch ein Student war, habe ich sogar bei ihm in Mexiko eine Meisterklasse besucht. Er war auch bei meinem ersten Nemorino in einer Schlussprobe und hat nur gute Dinge gesagt. Da meinte ich:"O. k., Ramón, und jetzt sage mir das, was ich nicht so gern hören mag." Auch das hat er getan. Bei meinem Met-Debüt war er die erste Besetzung. So treffen wir doch ab und zu aufeinander. Er ist sehr kollegial, und wir können wunderbar zusammen lachen.
MB
Das tun Sie doch mit jedem!RV
Nein, nur mit Interviewern ... Ich will mich doch verkaufen.MB
Verkaufen Sie sich gern?RV
Ich habe keine Probleme mit der PR-Arbeit. Die gehörte immer zum Sängergeschäft. Heute sind die Anforderungen vielleicht etwas größer, aber wenn man schon, wie ich, im Genuss eines Exklusivertrages bei einer der wenigen großen Firmen ist, dann hat man auch etwas dafür zu tun und darf nicht nur auf die Schecks warten. Außerdem gebe ich gerne Interviews. Ich rede gerne über mich und höre mich gern reden. Das ist doch klar.MB
Sind Sie ein normaler Mensch?RV
Natürlich nicht, wir Sänger sind Einhörner, keine Pferde. Ich finde das blöd, wenn Kollegen immer so tun, als ob da die Bühnenfigur ist, die sie an- und ausknipsen können. Dieser Beruf ist etwas Besonderes, aber dazu gehört es auch, eine öffentliche Person zu sein. Ich singe schließlich nicht nur unter der Dusche – was ich oft tue – sondern vor Publikum und Kritikern, die brauche ich für meinen Job. Wir sind ein ziemlich einzigartiger Berufsstand.MB
Haben Sie Vorbilder?RV
(Seufzt.) Kein sehr originelles: Einer, der seine Grenzen immer weiter geschoben hat, ist natürlich Plácido Domingo. Dafür bewundere ich ihn auch grenzenlos. So einen wie ihn hat es in der Geschichte des Singens noch nie gegeben. Er gehört eigentlich später mal ausgestopft in ein Museum.MB
Noch ein Ehren-Mexikaner! Sie sind aber patriotisch.RV
Viva Mexico!MB
Zurück zu Vargas. Er ist kein Rivale, ist er ein Vorbild?RV
Ramón ist zehn Jahre länger im Geschäft als ich, hat eine ähnliche Stimme, da kann ich natürlich schauen, wohin er sich entwickelt, was für Rollen er ausprobiert, wo man vorsichtig sein soll. Ein Anführer ist er aber nicht.MB
Mit dem Don José waren aber Sie der Erste.RV
Stimmt. Dafür konnte ich bei ihm sehen, dass der Don Carlo, den ich unlängst in Amsterdam unter Chailly erstmals gesungen habe, durchaus eine lyrische Partie ist. Wie auch der José. Der singt fast nur Piano und Mezzoforte und das nie dick orchestriert. Gegenüber Roméo und Des Grieux ist es sogar eine kurze Partie. Außerdem kommt es immer darauf an, wie man die Rolle anlegt und wer der Dirigent ist. Vielleicht ist die dramatische Tradition für diese Rollen falsch. Man muss hierbei nicht schreien. Man muss aber auch aufpassen, dass man sich nicht in den emotionalen Ausbrüchen dieser Figur verfängt und schon vor dem vierten Akt vokal tot ist. Schwieriger ist für mich Puccini. Da hat man wirklich meist das ganze Orchester gegen sich, besonders im dritten "Bohème"-Akt.MB
Trotzdem muss Vargas seit Don Carlo im Augenblick auffällig oft pausieren. Übernimmt er sich?RV
Wer bin ich, das zu sagen? Jede Stimme ist anders, mit den Ratschlägen ist es da immer schwer. Man muss aber auch seine Grenzen austesten. Bequemlichkeit, kein Mut zum Risiko, das finde ich langweilig. Risiko eingehen bedeutet die Gefahr, einen Fehler zu machen. Dann muss man Konsequenzen ziehen, das ist wichtig, sonst schadet es wirklich. Acht Aufführungen in einer falschen Rolle zerstören keine Karriere, aber Niederlagen können oft sehr lehrreich sein. Wir erleiden sie leider immer im ziemlich grellen Scheinwerferlicht. Große, neue Rollen irgendwo ganz weit weg ausprobieren ist kaum möglich. Anderseits ist natürlich unter Beobachtung auch ein echter Kitzel da. Und dafür werfe ich mich euch doch zum Fraß vor: damit mein Adrenalinspiegel steigt, aber auch der der Zuschauer.MB
Spiel mir das Lied vom Stimmtod?RV
Nein, so weit würde ich nie gehen. Aber es gibt schließlich das smarte Risiko. Bei Carlo und Don José habe ich zum Beispiel weitere Verträge für diese Partien noch nicht unterzeichnet, weil ich wirklich erst sehen wollte, wie sie mir liegen. Carlo liegt mir, jetzt weiß ich es. Deshalb wird der nächste Carlo folgen, aber erst in vier Jahren. Don José funktioniert auch wunderbar, aber ich werde ihn nie an der Bastille-Oper oder in der Met singen. Und "Bajazzo" werde ich nicht einmal ausprobieren. Denn der wäre ein dummes Risiko.MB
Aber insgesamt doch: Lebe lieber ungewöhnlich?RV
Nicht einmal das kann man planen. Mein Met-Debüt in "Traviata" war für mich eine wunderbare Sache, aber ich war eben die Zweitbesetzung, es hat nur die Agenten interessiert. Dafür war der Rodolfo mit Mikrofon in Bregenz eine Riesenmediensache – und auch bei meinem ersten Hoffmann in Covent Garden waren schon vorher alle verrückt.MB
Stichwort Exklusiv-Vertrag: Der gilt aber nur für Recitals am laufenden Meter. Villazón, Vargas, Calleja, Alvaro – alle singen auf CD dieselben Arien.RV
Und klingen doch sehr unterschiedlich. Diese Sammlungen sind unsere Visitenkarten. Und so wie auch im realen Leben die Auswahl an Farbe, Papier und Schrifttypen begrenzt ist, so haben eben auch wir unser Repertoire. Dafür beleben wir als Konkurrenten auf gute Art das Tenor-Geschäft. Aber Operneinspielungen wagt eben keiner mehr. Und jede Firma hütet ihre sorgsam und mit viel Geld und Mühe aufgebauten Exklusiv-Künstler. Was sollen wir zudem bei der erdrückenden Konkurrenz von Gesamteinspielungen akustisch noch wirklich Neues zu sagen haben? Und nur eine Einspielung, damit die – noch – relativ überschaubare Villazón-Gemeide neues Tenorfutter hat, dafür kann ich das Geld anderer Leute eben heute nicht mehr ausgeben.MB
Ist die DVD für Sie eine Alternative, wo Sie doch so jung, begabt und gut aussehend sind?RV
Und wie! Da sieht man mich auch, was ja wirklich nicht ohne ist, ich kann, glaube ich, ganz gut spielen. Oper ist schließlich auch Theater. Da finde ich Audioaufnahmen immer ein wenig kastriert, die Wahrnehmung wird nur auf das Singen gelenkt, ich will aber auch als spielender Künstler und nicht nur als Stimmbesitzer gelten.MB
Das tun Sie, keine Angst. Aber was machen dann die Stimmbesitzer?RV
Abnehmen. Aber Vorsicht, nicht jede sieht dann auch aus wie Anna Netrebko. Anderseits, was soll jemand tun, der wirklich wunderbar singt? Unsere durchvisualisierte Welt kann schon ziemlich grausam sein. Dabei hat doch Oper immer auch mit Vorstellung zu tun, ist niemals real. Also muss der Regisseur eben auch Fantasie entwickeln, dass wir ihm eine fette Mimì oder Traviata glauben. Nur singende Models wird es nie geben. Aber auch ein Dicker muss spielen können, singende Opernkartoffeln sind immer komisch.MB
Was sind Ihre DVD-Pläne?RV
Die passen zu meiner neuen CD. Ich gehe nämlich jetzt französisch fremd! Aber nur mit zwei Männern, mit Gounod und Massenet. Also kein Gemischtwarenladen. Dafür sehr exotisch. Ich habe extra Arien aus "La Reine de Saba", "Polyeucte", "Grisélidis", "Roma" und "Le Mage" gelernt. Das werden Sie nicht mal mit mir auf DVD zu sehen kriegen. Dafür aber den Des Grieux. Ich singe ihn in einer neuen Inszenierung samt TV-Aufzeichnung in der Regie von David McVicar in Barcelona. Wobei meine Bühnenpartnerin – wie in CD-Szene – Natalie Dessay sein wird. Also ganz bestimmt keine singende Kartoffel.MB
Noch mal Hand aufs Tenor-Herz: Wollen Sie wirklich keine klitzekleine Gesamtaufnahme?!RV
Ich habe doch schon zwei: Unter Barenboim war ich der Steuermann im "Fliegenden Holländer", und gerade habe ich unter Pappano mit Plácido den jungen Seemann im "Tristan" eingespielt. Ich bin wohl der einzige Mexikaner mit einer nautischen Wagner-Diskographie. Andererseits, Lohengrin, Parsifal oder Stolzing würden mich schon reizen. Doch das ist Zukunftsmusik.MB
Für einen Tenor Ihrer sich ja ziemlich sonnenklar abzeichnenden Klasse sind Sie übrigens auffällig oft im Regietheater-Wunderland Deutschland tätig, das viele der ganz Großen offenbar meiden ...RV
Ich habe vor allem in Berlin fantastische Möglichkeiten bekommen, bin hier als Künstler wirklich gereift. Schon als ich hier den Macduff in "Macbeth" unter Gielen sang, hat Daniel Barenboim gesagt, dass er mit mir jedes Jahr hier rechnen möchte. Und das ist Wirklichkeit geworden. Die Berliner haben sich frühzeitig ihre Periode in meinem leider immer voller werdenden Terminkalender gesichert, und so war ich hier schon Rodolfo, Nemorino, Alfredo und Don José in Folge. Die sind glücklich – und ich bin es auch, denn die intime Lindenoper kommt meiner Stimme natürlich entgegen. Da muss ich nie forcieren. Die Met ist trotz ihrer guten Akustik schon ein anderes Kaliber. Da muss sich einer wie ich die Auftritte und die Rollen sehr gut überlegen. Als Nächstes singe ich hier in Berlin meinen ersten Cavaradossi, in der alten Inszenierung.MB
Wird Ihr Kalender wirklich immer voller?RV
Nein, er stagniert natürlich. Mehr als 80 Vorstellungen will ich mir nicht zumuten, damit ich mich Ihnen noch lange zumuten kann.MB
Welche neuen Rollen sind geplant?RV
Momentan neben dem Cavaradossi eigentlich nur zwei: Riccardo in "Ballo in Maschera" mit Richard Jones in Amsterdam. Und Lenski in "Eugen Onegin" unter Pappano in Covent Garden. Da muss ich dann sogar Russisch in mein kleines Tenorhirn hineinbekommen.Biographie
Rolando Villazón, 1972 in Mexico City (Mexiko) geboren, begann im Alter von elf Jahren mit dem Musikstudium an der dortigen Espacios-Akademie für Darstellende Künste, an der er auch Schauspiel- und Ballettunterricht erhielt. Der Bariton Arturo Nieto weckte 1990 sein Interesse am Operngesang. Villazón setzte seine Gesangsausbildung am nationalen Musikkonservatorium bei Enrique Jaso fort und gewann zwei nationale mexikanische Gesangswettbewerbe. Danach nahm der Bariton Gabriel Mijares den jungen Tenor unter seine Fittiche.
1999 belegte Villazón den zweiten Platz in Plácido Domingos Operalia-Gesangswettbewerb. Den Start seiner internationalen Karriere feierte er 1999 mit seinem umjubelten Europa-Debüt in Genua als Des Grieux in Massenets "Manon", unmittelbar gefolgt von erfolgreichen Auftritten an einigen der großen Opernhäuser der Welt wie u. a. der Opéra Bastille Paris, der Bayerischen Staatsoper, der Deutschen Oper Berlin, der Hamburgischen Staatsoper, dem Teatro dell’Opera di Roma, der New Yorker Met sowie der Los Angeles Opera, gefeiert in Partien wie Rodolfo, Alfredo, Roméo, Nemorino und Edgardo. Erfolgreiche Auftritte führten Rolando Villazón auch auf renommierte Festivals u. a. nach Bregenz, Antibes und Glyndebourne. Sein erfolgreiches Covent-Garden-Debüt gab er in der Saison 2003/04 in Offenbachs "Les Contes d’Hoffmann", sein Rollendebüt als Don Carlo (Verdi) in einer Inszenierung der Nederlandse Opera Amsterdam unter Riccardo Chailly. Absoluter Höhepunkt war bisher sein Metropolitan-Debüt im Oktober 2003 als Alfredo in Verdis "La Traviata".
Für die Spielzeit 2002/03 lud die Staatsoper Berlin Rolando Villazón zu zwei Neuproduktionen ein: "La Traviata" (unter Daniel Barenboim) und "L’Elisir d’amore". Bei den Salzburger Festspielen 2005 wird er neben Anna Netrebko den Alfredo in "La Traviata" geben.
Villazón lebt mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Söhnen in Paris.
CD-Hinweise
Italienische Opernarien von Cilea, Donizetti, Verdi, Puccini und Mascagni; Münchner Rundfunkorchester, Marcello Viotti
Virgin/EMI CD 5456262
(siehe FF 3/04, S. 87)
Neu am 11.2.2005
Französische Opernarien von Jules Massenet und Charles Gounod; Natalie Dessay, Orchestre Philharmonique de Radio France, Evelino Pidò
Virgin/EMI CD 5457192