Rosa von Praunheim ist tot
17. Dezember 2025
Selten war er leise. Über fünf Jahrzehnte lang hat er das deutsche Kino aufgemischt, über 100 Filme gedreht und die queere Bewegung geprägt - unbequem, bunt, wütend, manchmal verletzend, immer wach. Rosa von Praunheim hinterlässt ein Werk, das bleibt.
In seinen frühen Jahren war von Praunheim, mit bürgerlichem Namen Holger Radtke, einer der lautesten Aktivisten der Schwulenbewegung in Deutschland. Er kämpfte für Sichtbarkeit, forderte Veränderungen - notfalls mit brachialen Mitteln. Legendär und bis heute umstritten blieb, wie er 1991 in einer Livesendung die deutschen TV-Stars Hape Kerkeling und Alfred Biolek öffentlich outete - ohne ihr Einverständnis. Es war ein Akt, der damals wie ein Paukenschlag wirkte: radikal gedacht als politisches Statement, aber schmerzhaft für die Betroffenen. Diese Episode zeigt, wie kompromisslos er manchmal war - und wie sehr er daran glaubte, dass Offenheit der einzig richtige Weg ist, um voranzukommen. Seine Kritiker warfen ihm Grenzüberschreitung vor, seine Unterstützer bewunderten seinen Mut. Von Praunheim bewegte sich immer dazwischen.
Sein letzter Film: "Satanische Sau"
Bis ins hohe Alter arbeitete er weiter - drehte Filme, schrieb Bücher, inszenierte Theaterstücke. Sein spätes Werk "Satanische Sau" (2025) wurde zu einem Vermächtnisfilm: autobiografisch, experimentell, wie ein Blick zurück und zugleich ein Abschied. Von Praunheim nannte den Film "ein Gedicht - und zwar ein sehr experimentelles". Auf die Frage, warum er ihn gedreht habe, antwortete er nüchtern: "Ich mache ständig Filme und Theaterstücke, es gibt also keinen bestimmten Grund. Ich mache es einfach, um kreativ zu sein."
In dem Interview, das die DW im Dezember 2025 mit Rosa von Praunheim führte, sprach der Filmemacher offen über das Sterben. "Es ist das Ende meines Lebens, und bald werde ich sterben. Ich habe einen Gehirntumor und nicht mehr viel Zeit zu leben." Worte ohne Pathos, fast sanft. "Ich freue mich darauf, zu sterben. Es ist ein wunderbares Gefühl, sich auszuruhen, nicht ständig herumzulaufen und einen Film nach dem anderen zu drehen. Ich bin froh, wenn ich meinen Frieden finde."
Fixpunkt der LGBTQ+-Bewegung
Wer ihn kannte, wusste: Von Praunheim liebte den Widerspruch. Laut in der Kunst, leise in der Selbstbeschreibung. Gefragt, was er am Filmemachen gemocht hat, sagte er trocken: "Eigentlich nichts. Es ist immer voller Anspannung und Angst, etwas falsch zu machen."
Hinter dem Enfant terrible stand ein Mensch, der zweifelte - und trotzdem weitermachte.
Mit dem Filmdrama "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (1971) wurde er ein Fixpunkt der LGBTQ+-Bewegung, machte das schwule Leben sichtbar und stieß Debatten an. Seine Filme rüttelten auf, brachen Tabus, zwangen zur Auseinandersetzung. Im Alter wurde er ruhiger. "Als ich jung war, war ich radikal. Jetzt bin ich schon lange nicht mehr so stark in der Schwulen- und Politikszene engagiert. Ich mache meine Kunst, und das war's."
Der Gesellschaft den Mittelfinger zeigen
Und Kunst musste für ihn nicht unbedingt experimentell sein: "Ich denke, queeres Kino kann wie jedes andere Kino sein, ganz individuell. Es gibt Hunderte von Möglichkeiten, es zu machen. Aber queeres Kino sollte auch radikal sein und der Gesellschaft den Mittelfinger zeigen."
Diese Haltung prägte sein Werk - und viele, die nach ihm kamen. Für die Zukunft der LGBTQ+-Community wünschte er sich "Frieden und Gerechtigkeit". Und er wusste, dass das auch im 21. Jahrhundert ein hartes Stück Arbeit bleibt: "Viele Menschen sind nicht sehr fortschrittlich und wollen, dass alles so bleibt, wie es war. Veränderungen machen sie verrückt, deshalb hassen sie alles, was nicht der 'Norm' entspricht."
Queerness zum Ausdruck bringen
Für ihn war klar, dass es nur einen Weg gibt, um die Gesellschaft toleranter zu machen: "Seine Queerness zum Ausdruck bringen und die feministische Bewegung unterstützen. Es ist gut, wenn man eine Gruppe von Menschen hat, die sich gegenseitig unterstützen."
Dass sein letzter Film "Satanische Sau" Beachtung finden würde, hatte er nicht erwartet. "Ich dachte, dass die Leute es nicht verstehen würden, und es freut mich, dass es einigen gefällt."
Nun ist Rosa von Praunheim gegangen, mit 83 Jahren an einem Hirntumor gestorben. Erst wenige Tage vor seinem Tod haben er und sein langjähriger Partner Oliver Sechting sich das Ja-Wort gegeben.
Es ist ein stiller Abschied von einem lauten Leben. Rosa von Praunheim hat provoziert, inspiriert, verletzt, geheilt. Er hat Türen aufgestoßen, wo andere keine sahen. Und er hat gezeigt, dass Kunst ein Werkzeug sein kann - für Freiheit, für Sichtbarkeit, für Veränderung.