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Gesellschaft

Start-up von der Schulbank

Anja Koch
3. September 2018

Yasipi ist 17 und hat einen Traum: Ruandas Landwirtschaft revolutionieren - mit ihrem selbst entwickelten Roboter. Sie steht für viele junge Ruander, die ihr Land verbessern wollen. Nicht alle haben gleiche Chancen.

Yasipi  Casmir Kigalli Ruanda
Bild: privat

Voller Stolz blickt Yasipi Casmir auf ihren Roboter. Beobachtet, wie er sich um 180 Grad dreht, dann entlang einer Schiene ein paar Zentimeter nach oben rattert und sich dort wieder im Kreis dreht. Vertibot, wie die 17-Jährige den Roboter getauft hat, steht auf einem Schulhof in Ruandas Hauptstadt Kigali, die Nachmittagssonne brennt. Kniehoch ist das Gerät, gebaut aus grauen Legosteinen und von Yasipi selbst programmiert. Bald schon soll Vertibot Ruandas Bauern vertikale Landwirtschaft ermöglichen - also das Anbauen und Ernten von Obst und Gemüse in mehreren Ebenen übereinander. "Ich wollte eine Lösung dafür finden, wie Bauern auch in den höher gelegenen Etagen säen und ernten können, an den Stellen, die nicht so leicht zugänglich sind."

Noch gibt es gar keine vertikale Landwirtschaft in Ruanda, und der Roboter Vertibot ist bislang nur ein Prototyp. Aber das stört Yasipi Casmir nicht, sie will vorausdenken, einen Schritt weiter sein. Die passenden Statistiken hat sie längst verinnerlicht: Dass Ruanda so dicht besiedelt ist wie kaum ein anderes Land in Afrika, dass die Anbauflächen knapp sind, gleichzeitig aber rund 80 Prozent aller Einwohner von Einkünften aus der Landwirtschaft abhängen. "Unsere Bevölkerung wächst ja weiter", sagt Yasipi, "und wir müssen alle mindestens drei Mal am Tag essen."

Hochhäuser in Ruandas Hauptstadt Kigali: Hier könnten vertikale Gärten entstehenBild: DW/A.Koch

Mit 17 eine eigene Visitenkarte? Nichts Besonderes in Kigali

Die junge Frau mit den raspelkurzen Haaren ist es gewohnt, ihr Projekt vor kritischen Ohren zu verteidigen. Sie ist Mitglied der African Union Youth for Change - einer privaten Initiative, die Jugendliche mit Mentoren aus der Wirtschaft oder Informatikstudenten aus den USA zusammenbringt. Um aufgenommen zu werden, müssen die Jugendlichen ein konkretes Projekt vor einer Jury präsentieren. Mehr als 200 Schüler aus Ruanda machen mittlerweile mit.

Die Botschaft: Ruanda setzt auf seine junge Generation, sie soll das Land voranbringen. Viele Jugendliche haben dies verinnerlicht, zücken schon zur Schulzeit eigene Visitenkarten. Auch Yasipi hat so ein Kärtchen, "CEO" und "Co-Founder" prangt darauf in großen Buchstaben. Macht das selbstbewusst oder erzeugt das Druck? Yasipi beschreibt es mit einer Mischung aus Überzeugung und Pflichtbewusstsein: "Wenn ich sehe, was in der Welt alles schief läuft, dann denke ich, dass ich keine Zeit habe, zu relaxen, mich zurückzulehnen. Wenn ich helfen kann und dafür einen Teil meiner Freizeit aufgeben muss - dann ist das so."

Viele Jugendliche in Kigali haben Ideen, wie sie ihr Land weiterentwickeln könntenBild: DW/A.Koch

Schlechte Entwicklungsmöglichkeiten auf dem Land

Yasipi weiß auch, dass sie Glück hat, weil sie in Kigali zur Schule geht - wo sie mit einem Laptop arbeiten kann und WLAN ständig verfügbar ist. Verlässt man die Hauptstadt mit ihren ausgebauten, asphaltierten Straßen und fährt durch die hügelige Landschaft Ruandas, wird schnell klar: Abseits der Ballungsgebiete haben viele Menschen nicht einmal einen eigenen Strom- und Wasseranschluss.

Gerade in den Schulen auf dem Land wird im Schichtbetrieb gelehrt, anders wäre es nicht möglich, alle Kinder zu unterrichten. Viele Lehrmaterialien sind veraltet und manche Lehrer überfordert. Vor knapp zehn Jahren hat die Regierung einen abrupten Wechsel der Unterrichtssprache verordnet: Statt auf Französisch wird seitdem auf Englisch gelehrt. "Im Durchschnitt besucht jedes Kind in Ruanda etwa 3,8 Jahre die Schule", sagt Andrew Mold von der UN-Wirtschaftskommission für Afrika. Immerhin: Zehn Jahre zuvor waren es nur 2,8 Jahre.

Unterricht in einer Schule auf dem Land in RuanaBild: DW/A. Koch

Nächstes Ziel: Studieren und ein Vorbild sein

Auch für Yasipi ist es nicht immer leicht. Ihre Eltern halten die Familie mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Ob sie Yasipi den Besuch einer Universität bezahlen können, ist ungewiss. Yasipi aber glaubt daran, dass sie es schafft, wenn sie hart genug arbeitet: "Ich versuche damit auch ein Vorbild zu sein, eine Inspiration für Jugendliche mit wenig Geld. Ich selbst habe ja auch nicht viel, ich hatte niemanden, zu dem ich aufschauen oder an dem ich mich orientieren konnte. Vielleicht sehen andere an mir, dass es Möglichkeiten gibt, sich weiterzuentwickeln."

In wenigen Monaten schließt Yasipi die Schule ab. Nach den Prüfungen will sie sich wieder mehr um den Roboter kümmern - damit aus dem Prototyp aus Legosteinen bald ein richtiges, einsatzbereites Gerät wird, das Ruanda voranbringt

Die Recherche in Ruanda wurde durch die Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen unterstützt.

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