Der Mann, der den Tanga erfand
18. August 2025
Dieser Tage sieht man ihn überall: Er ragt aus Hüfthosen hervor als wäre es 2008, glitzert unter transparenten Strandkleidern hervor oder entblößt braungebrannte Pobacken am Strand.
Richtig, die Rede ist vom Tanga, der gerade sein Comeback feiert - dank dem Revival der Mode aus den 2000er-Jahren, als er omnipräsent war. Was viele über ihn nicht wissen: Seine Erfindung war ein politisches Statement und sein Schöpfer ein schwuler Mann.
Juli 1974: der letzte Sommer des Nacktbadens in Los Angeles
Aber der Reihe nach. Im Jahre 1974 verwandelte sich der beliebte Venice Beach in Los Angeles einen Sommer lang in ein Meer aus entblößten Hinterteilen.
"Alle waren nackt", erinnert sich ein Rettungsschwimmer in der US-amerikanischen Zeitung "LA Times". Wie es dazu kam, weiß keiner so genau. Sicher ist, dass der FKK-Hype in die Zeit der Hippies fiel, die sich wohl darüber freuten, dass Nacktheit noch nicht explizit verboten war.
Doch der nackte Sommertraum sollte nicht lange anhalten: Erst kam die Presse, dann die Polizei. Nachdem das Nacktbaden Schlagzeilen gemacht hatte, verbot Los Angeles es kurzerhand ganz.
Was das mit dem Tanga zu tun hat? Rudi Gernreich, ein österreichischer Designer, der in LA lebte, rebellierte gegen das Verbot. Und zwar auf seine Weise. Als Antwort auf die Zensur des nackten Körpers kreierte Gernreich ein winziges Stück Stoff für alle Geschlechter, das nur das Nötigste verdeckte.
Dabei ging es dem Designer nicht darum, Körper zu sexualisieren. Im Gegenteil: "Die Befreiung des Körpers wird die Gesellschaft von ihrem sexuellen Komplex heilen", soll er gesagt haben. Es war nicht das erste Mal, dass er mit Mode Tabus brach.
Karriere in LA
Gernreich wurde am 8. August 1922 in Wien geboren. In Los Angeles fand er 1938 eine neue Heimat, weil der damals 16-jährige Sohn jüdischer Eltern mit seiner Mutter vor den Nazis fliehen musste. Sein Vater hatte sich kurz vorher das Leben genommen. Während seine Mutter Backwaren von Tür zu Tür verkaufte, suchte sich auch der junge Rudi ein Job, um die Familienkasse aufzubessern: Er wusch Leichname in Vorbereitung für deren Autopsie.
"Ich muss lachen, wenn Leute mir sagen, dass meine Kleidung so körperbewusst ist, als hätte ich Anatomie studiert. Und wie ich Anatomie studiert habe", sagte Gernreich in einem Essay in Moffitts und Claxtons "The Rudi Gernreich Book".
Tatsächlich studierte Gernreich später nicht Anatomie, sondern Kunst, arbeitete als Kostümdesigner und als Tänzer. In seinen Entwürfen erkennt man stets seine Faszination für Körper jeden Geschlechts.
"Männlich oder weiblich, alle werden sich gleich anziehen"
In einer Zeit, in der Homosexualität in den USA noch unter Strafe stand, lebte Gernreich schon offen als schwuler Mann. Er war Mitgründer der Mattachine Society, eine der ersten Organisationen für LGBTQIA+-Rechte in den USA.
Was wir heute als queer bezeichnen, lebte Gernreich schon damals. Für ihn war die Zukunft der Mode unisex: "Kleidung wird nicht mehr als männlich oder weiblich identifiziert werden", sagte er bereits in den 1970er-Jahren voraus. "Winter oder Sommer, männlich oder weiblich, alle werden sich gleich anziehen." Für die Expo in Osaka 1970 entwarf er eine ganze unisex-Kollektion, seine Models - weiblich wie männlich - waren ungeschminkt, kahlrasiert und enthaart.
Schluss mit Korsette und Sanduhr-Silhouette: Free the nipple
Gernreichs Mode brach auch mit den Schönheitsidealen der 1950er-Jahre, die Frauenkörper in enge Korsette zwangen. Spätestens 1964 wurde er einer breiten Öffentlichkeit bekannt, als er seinen berüchtigten Oben-Ohne-Badeanzug präsentierte: den Monokini. Der damals wie heute als skandalös wahrgenommene Badeanzug entblößte die Brust bis auf zwei Stoffstreifen gänzlich - quasi ein Tanga für den Busen.
Denn Gernreich fand, Frauen sollten genauso wie Männer ihre Nippel zeigen dürfen - und vor allem sollten sie selbst darüber entscheiden dürfen. "Ich mag es nicht, Frauen vorzuschreiben, was sie tragen sollen", sagte er 1966 in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFP.
Wie er wohl auf die heutige Zeit blicken würde, in der Instagram weibliche Nippel zensiert und öffentliche Nacktheit nach wie vor vielerorts ein Problem ist? Gernreich war in jedem Fall ein Mann, der seiner Zeit voraus war.