Russischer Angriff: Was im Tschernobyl-Museum vernichtet ist
3. Juni 2026
Das Nationale Tschernobyl-Museum in Kyjiw wurde in der Nacht vom 23. auf den 24. Mai durch massiven russischen Beschuss schwer beschädigt. Es befindet sich in einer ehemaligen Feuerwache aus dem 19. Jahrhundert, die eng mit der Katastrophe im Atomkraftwerk Tschernobyl und den heldenhaften Liquidatoren verbunden ist. Zum Zeitpunkt der Katastrophe im April 1986 war dort die Zentrale der Feuerwehr für die Region Kyjiw untergebracht. Sie trug die Hauptlast der Löscharbeiten im brennenden Atomkraftwerk.
Das Museum untersteht dem Innenministerium der Ukraine. Es wurde erst vor kurzem nach einer umfassenden Renovierung und Erneuerung der Ausstellung anlässlich des 40. Jahrestages der Katastrophe von Tschernobyl wiedereröffnet.
Als beim russischen Angriff eine Rakete ein Nachbargebäude traf, wurde das historische Gebäude des Tschernobyl-Museums schwer beschädigt. Die DW hat mit der Museumsdirektorin Witalina Martynowska über die verlorenen Exponate, den Zustand des historischen Gebäudes und die Pläne zum Wiederaufbau gesprochen.
DW: Frau Martynowska, welche konkreten Schäden hat das Museum beim jüngsten massiven russischen Angriff auf Kyjiw erlitten?
Witalina Martynowska: Am 24. Mai traf eine Rakete ein Nachbargebäude. Da es so nah ist, war unser Gebäude von dem Einschlag und der daraus resultierenden Druckwelle betroffen, was erhebliche Schäden verursachte. Unser Dach wurde zerstört. Das dritte, also oberste Stockwerk ist praktisch verschwunden. Dort befanden sich Unterrichtsräume für Kunst sowie eine Museumswerkstatt. Auch die Decken zwischen dem dritten und zweiten Obergeschoss sind eingestürzt, wodurch die zweite Ausstellungshalle zerstört und ein Teil der Exponate unwiederbringlich vernichtet wurde.
Was wurde am stärksten beschädigt?
Der Ausstellungsbereich, der der Geschichte der Stadt Tschernobyl, der Ethnografie Polesiens (historische Landschaft im nördlichen Grenzgebiet der Ukraine sowie in den benachbarten Ländern - Belarus, Russland und Polen) und der Evakuierung der Bevölkerung aus der Sperrzone gewidmet war.
Zu den verloren gegangenen Exponaten gehören gerade Gegenstände aus dem ethnografischen Teil der Sammlung, darunter religiöse Objekte, alte Bibeln und Ikonen. Es waren Gegenstände, die von den ersten wissenschaftlichen Expeditionen in die Sperrzone nach der Atomkatastrophe ins Museum gebracht wurden. Nach ersten Schätzungen sind etwa 40 Prozent der Exponate verloren gegangen.
Sehen Sie in diesem Angriff einen Versuch Russlands, das ukrainische Gedächtnis und die ukrainische Identität auszulöschen?
Selbstverständlich. Unser Museum beherbergte die größte Sammlung von Artefakten im Zusammenhang mit der Atomkatastrophe: persönliche Gegenstände der Liquidatoren, freigegebene Dokumente. Vor 40 Jahren verschleierte der Feind die Wahrheit und brachte unzählige Menschen in Gefahr, obwohl er genau wusste, was in der Sperrzone geschah und wie die radioaktive Lage war. Nun, 40 Jahre später, unternahm er diesen Beschuss - im Wissen, dass das Museum restauriert, die Exponate neu präsentiert und viele Fakten in einem neuen Licht dargestellt werden.
Besitzen Sie digitale Kopien der verloren gegangenen Exponate?
Wir verfügen über zahlreiche digitale Kopien, doch die Digitalisierung von Museumssammlungen ist ein sehr langwieriges Verfahren. Ich glaube, dass es derzeit in der Ukraine kein einziges Museum mit einer vollständig digitalisierten Sammlung gibt. Die vorhandenen digitalen Kopien sind jetzt von sehr großem Wert. Leider sind aber nicht alle Objekte digitalisiert.
Ist der Schaden am Gebäude selbst kritisch? Wie sicher ist es derzeit, sich im Museum aufzuhalten?
Dies ist ein denkmalgeschütztes Gebäude. Kein einziger Raum ist unbeschädigt geblieben. Seit 2024 liefen hier Renovierungsarbeiten. Wir wissen ungefähr, wie lange man für die Renovierung eines solchen Gebäudes braucht, aber jetzt wird man nicht einfach renovieren müssen, sondern es müssen die tragenden Konstruktionen wiederhergestellt werden. Spezialisten wurden hinzugezogen, um eine umfassende technische Bewertung durchzuführen. Es wird ein entsprechender Bericht erstellt, in dem die durch den Beschuss verursachten Schäden und Zerstörungen bewertet werden. Danach werden wir wissen, wie wir weiter vorgehen sollen.
Ist es möglich, das Museum so wieder aufzubauen, wie es vor der Bombardierung war? Wird man die ursprüngliche Ausstellung wiederherstellen können, oder wird es eine neu konzipierte Fläche sein?
Ehrlich gesagt, das kann man jetzt noch nicht sagen. Unsere oberste Priorität ist vorerst, den technischen Zustand des Gebäudes zu beurteilen. Ich glaube nicht, dass es eine exakte Nachbildung des Zustands vor dem Beschuss geben wird, obwohl die aktuelle Ausstellung sehr modern, interaktiv und multimedial war. Gleichzeitig denke ich, dass das Museum nach seiner Wiederherstellung sogar noch stärker und moderner ausfallen könnte.
Was ist mit den geretteten Exponaten geschehen?
Wir konnten alle Gegenstände aus den Lagerräumen evakuieren. Rund 60 Prozent der Ausstellungsstücke konnten gerettet werden. Einige Exponate wurden beschädigt und wir werden Experten des Restaurierungszentrums mit der Begutachtung ihres Zustands beauftragen.
Was hat Sie persönlich am meisten betroffen, als Sie das Gebäude nach dem Einschlag sahen?
Ich kam sehr früh dorthin. Man hatte mich gegen fünf Uhr morgens informiert, und innerhalb von 20 Minuten war ich da. Als ich das brennende Gebäude sah, hatte ich noch gehofft, es würde nur das Dach brennen. Ich hatte noch keinen Zugang zum Innenhof und konnte deshalb die tatsächlichen Schäden nicht sehen. Die Hoffnung, es könnte noch alles gerettet werden, dauerte bei mir aber nur 30 Minuten an. Als mir das ganze Ausmaß klar wurde, stand ich buchstäblich minutenlang wie angewurzelt da. Danach musste ich mich zusammenreißen.
Als Direktorin kann ich es mir nicht leisten, jetzt einfach aufzugeben, denn meine Kolleginnen und Kollegen setzen Erwartungen in mich. Einige von ihnen arbeiten seit über 20 Jahren im Museum. Deshalb werden wir weitermachen - der Menschen wegen, um die Erinnerung lebendig zu halten, und um zu verhindern, dass diese Unmenschen glauben, sie könnten unsere Geschichte auslöschen. Ich bin zuversichtlich, dass wir in einem Jahr oder anderthalb Jahren die Türen des Museums wieder öffnen können.
Das Gespräch führte Lilia Rzheutska