Russischer Bildhauer Neiswestny tot
10. August 2016
Auf einer avantgardistischen Kunstausstellung im Moskauer "Haus der Volkskreation" kommt es am 26. November 1962 zum Eklat. Der freie Bildhauer Ernst Neiswestny fordert in einer Rede mehr künstlerische Freiheit, weg von der vorgegebenen Kunstrichtung des Sozialistischen Realismus. Der damalige Parteichef Nikita Chruschtschow reagiert prompt und beschimpfte Neiswestnys Skulpturen als Schund. "Warum verzerrst Du die Gesichter der sowjetischen Menschen", fragt er vorwurfsvoll.
Für den sojwetischen Bildhauer war diese Kontroverse folgenreich. Offizielle Aufträge an ihn wurden gestoppt, sein Atelier gekündigt. Sein Arbeitsmaterial musste er sich illegal beschaffen.
Trotzdem wünschte sich Chruschtschow später, 1971, dass Neiswestny sein Grabmal gestalten solle. In den letzten Lebensjahren des Politikers war es zu einer Art Annäherung zwischen den beiden gekommen. Der Künstler schuf für Chruschtschows Grab eine eindrucksvolle Büste, umrahmt von weißem und schwarzem Marmor.
1976 verließ Neiswestny die Sojewtunion und zog nach Zürich. Seine Ausreise trübte aber sein Verhältnis zu seinem Heimatland nicht. Er wurde weiterhin mit Werken beauftragt: Für die ehemalige Häftlingsstadt Magadan schuf er eine 15 Meter hohe "Maske der Trauer", sie erinnert an die Opfer sowjetischer Repression. Andere Werke stehen im ehemaligen deutschen Konzentrationslager Auschwitz, bei den Vereinten Nationen in Genf oder im Vatikan.
1996 zeichnete Präsident Boris Jelzin ihn mit dem höchsten russischen Staatsorden aus. Präsident Putin zeichnete ihn mit der Ehrenmedaille Russlands für seinen künstlerischen Erfolg aus.
Die letzten Jahrzehnte lebte und arbeitete der Künstler vor allem in New York. Wie russische Medien melden, ist er dort am Dienstag mit 90 Jahren gestorben. Der russische Kulturminister Wladimir Medinski würdigte nach Angaben der Agentur Tass den Bildhauer, er habe "der Kraft und Unzerstörbarkeit des menschlichen Geistes Ausdruck verliehen".
sek/so (dpa/munzinger)