Russland braucht Bajkonur nicht mehr
26. Februar 2002Moskau, 26.2.2002, NESAWISSIMAJA GASETA, russ., Wassilina Wassiljewa
Der Stolz der sowjetischen Raumfahrt – das Raumfahrtzentrum Bajkonur – wird heute weder von Russland noch von Kasachstan gebraucht. Die Epoche der Weltraumwettbewerbe und -rekorde endet mit wirtschaftlichem Trott, und die Berechnungen der russischen Wirtschaftswissenschaftler zeugen davon, dass es besser ist etwas kleines, aber eigenes zu besitzen.
Nach dem Zerfall der UdSSR stand das Raumfahrtzentrum Bajkonur unter der Jurisdiktion Kasachstans. Vor über sieben Jahren unterzeichnete Russland mit dem kasachischen Staat ein Abkommen über die 20jährige Pacht dieses mächtigen Militärobjektes. In dem Abkommen verpflichtete sich Russland, Kasachstan jährlich 115 Millionen Dollar auszuzahlen. Die russische Seite verpflichtete sich des Weiteren, den Unterhalt des Raumfahrtstädtchens Bajkonur sowie die Maßnahmen zu finanzieren, die auf die Verbesserung der Umweltsituation in den Territorien gerichtet sind, die an das Raumfahrtzentrum angrenzen. Den Russen ist es jedoch ungeachtet des hohen Pachtzinses nicht gelungen, das Raumfahrtzentrum - wie in alten Zeiten – wirtschaftlich zu nutzen. Kasachstan verletzte in den letzten Jahren mehrmals den bilateralen Vertrag über den Pachtzins, stoppte den Start von Raketen von Bajkonur. Grund: Havarien der "Proton"-Raketenträger, für deren Folgen Russland, "das der Republik Umweltschäden" zugefügt hat, Entschädigungen zahlte, die den Pachtzins um ein Mehrfaches übersteigen.
Heute spricht Russland immer öfter davon, ein eigenes Raumfahrtzentrum zu errichten: allmählich, bis 2005, sollen alle Raketen, die von Bajkonur hätten starten sollen, vom russischen Raketenstartplatz Plesezk ins All geschossen werden. Mit den Modernisierungsarbeiten ist bereits begonnen worden. Der stellvertretende Verteidigungsminister der Russischen Föderation, Aleksandr Kossowan, erklärte, "im Jahr 2005 müssen alle Raketen vom russischen Raumfahrtzentrum starten".
Auch der russische Präsident, Wladimir Putin, gab das Ende Januar öffentlich bekannt. Im Zusammenhang damit hat die Regierung der Russischen Föderation vorgesehen, für den Ausbau des Raketenstartplatzes Plesezk etwa fünf Milliarden Rubel (167 Millionen Dollar) bereitzustellen. Die Berechnungen zeigen, dass die Schaffung eines völlig selbständigen, von anderen Staaten nicht abhängigen Raumfahrtzentrums unter finanziellen Gesichtspunkten dem Pachtzins von Bajkonur für etwa anderthalb Jahre entspricht.
Es stellt sich heraus, dass das Raumfahrtzentrum Bajkonur wirtschaftlich gesehen für Russland ein äußerst unvorteilhaftes Objekt ist. Aller Wahrscheinlichkeit nach war ein so langfristiger Vertrag hauptsächlich aus Prestigegründen unterzeichnet worden. Das weltbekannte Raumfahrtzentrum sollte, indem es sich weiterhin in den Händen Moskaus befindet, die militärische und Weltraummacht des Landes symbolisieren.
Was den Nachbarstaat angeht, so braucht die kasachische Seite nicht nur diese Probleme nicht, sie sind für sie auch etwas ungewöhnliches. Informell war Bajkonur all die Jahre ein russisches Städtchen, das durch Finanzen aus dem Haushalt Bestandsschutz hatte.
In den sieben Jahren lebte die Bevölkerung Kasachstans auf Kosten der Russischen Föderation ausgezeichnet in Bajkonur. Vertreter der Stammvölker Kasachstans, die mit allen Mitteln versuchten, in die Stadt mit Sonderregime zu gelangen, zogen eigenmächtig in Wohnungen ein, in denen sie anschließend dank den Mitteln aus Moskau jahrelang unentgeltlich lebten.
Die Doppelherrschaft dauert im Raumfahrtzentrum seit vielen Jahren an. Für die Einhaltung der Gesetze und der Ordnung sorgen Mitarbeiter der russischen Miliz und der kasachischen Polizei, Mitarbeiter von zwei Kraftfahrzeuginspektionen, zwei Gerichte, drei Staatsanwaltschaften, Abteilungen des Föderalen Sicherheitsdienstes Russlands und des Komitees für nationale Sicherheit Kasachstans, zwei Militärkommissariate, sogar zwei Währungen sind im Umlauf. Außerdem werden der Leiter des Raumfahrtzentrums und der Bürgermeister der Stadt gemäß dem Vertrag über den Pachtzins gleich von zwei Präsidenten ernannt: dem russischen und dem kasachischen.
Bei der letzten Sitzung der gemeinsamen Unterkommission für das Raumfahrtzentrum Bajkonur, die letzte Woche in Moskau stattgefunden hat, wurde unter anderen sozialen Fragen zum ersten Mal die Möglichkeit erörtert, touristische Reisen nach Bajkonur zu organisieren. Sollte es gelingen, diesen Gedanken umzusetzen, so ist nicht ausgeschlossen, das Astana, sobald Russland die hiesigen Steppen verlassen haben wird, die materiellen Folgen dieses Schrittes dank neugierigen ausländischen Touristen minimieren wird. (lr)