Russland: Der Mythos der deutschen Masseneinwanderung
30. Januar 2026
Videos von Deutschen, die auf der Suche nach "traditionellen Werten" in Russland landen, erreichen auf TikTok und YouTube Hunderttausende. Die neuen Einwohner Russlands werden ins Staatsfernsehen eingeladen und die Kreml-Medien sprechen von einer angeblichen Masseneinwanderung von Ausländern nach Russland.
Ein Dekret "zur humanitären Unterstützung von Personen, die traditionelle russische spirituelle und moralische Werte teilen", hatte Wladimir Putin im August 2024 unterzeichnet. Seitdem kommen solche Ausländer schnell an Aufenthaltsgenehmigungen - ohne Quoten, Russischprüfungen oder nachgewiesene Kenntnisse der russischen Geschichte. Im Dezember 2025 unterzeichnete Putin ein weiteres Dekret zur Anwerbung von Ausländern, die etwa in Kultur oder Sport erfolgreich waren.
Deutsche werden gerne präsentiert
Besonders breit berichten die Staatssender über Einwanderer ohne russische Wurzeln. Gegenstand vieler Berichte zu diesem Thema sind deshalb Remo Kirsch und seine Frau Birgit, die aus Potsdam in die Region Nischni Nowgorod gezogen sind.
Im Gespräch mit der DW zu den Gründen für seinen Umzug beklagt Remo Kirsch einen Werteverfall im Westen und spricht sich gegen die dortige "Gender- und LGBT-Politik" aus, ohne genau erklären zu können, wie ihn dies persönlich betrifft. "Wir wollen in Frieden und auf dem Land leben, in Behaglichkeit, und nicht Teil dieses Systems sein", so Kirsch. In Frieden leben wollen, aber in ein Land ziehen, das Krieg führt? Darin sieht er keinen Widerspruch.
Staatsbürgerschaft per Eilverfahren
Im Jahr 2021 verkaufte Remo Kirsch sein Bauunternehmen in Deutschland und erwarb mehrere Hektar Land in der Region Nischni Nowgorod, um dort ein Öko-Dorf mit acht Häusern für Einwanderer wie ihn selbst zu errichten und Landwirtschaft zu betreiben.
Seine Nähe zu den russischen Behörden ist nicht zu übersehen. Vor kurzem wurde er zum Berater des Gouverneurs der Region Nischni Nowgorod ernannt und erhielt in einem Eilverfahren per Dekret von Wladimir Putin die russische Staatsbürgerschaft.
Deutsche Medien berichten, Kirsch sei Teil eines Propaganda-Netzwerks, das ein positives Russlandbild verbreiten solle. Er selbst beteuert jedoch, er schildere unvoreingenommen die Realität und erhalte dafür keine Vergütung. Die Staatsbürgerschaft, räumt Kirsch ein, könnte jedoch eine Art "Belohnung" sein.
Auch der deutsche Koch Maksim Schitnikow erhielt schnell einen russischen Pass. Im April 2025 bat er während einer Videokonferenz Wladimir Putin persönlich darum und war nur einen Monat später russischer Bürger. Normalerweise dauert solch ein Verfahren mehrere Jahre.
Schitnikow verließ Deutschland 2023 wegen der "nicht traditionellen Werte" und im Interesse seiner Kinder, wie er sagt. Allerdings hatte er in Deutschland auch geschäftliche Probleme. Er war Mitinhaber des Essener Cateringunternehmens Schwarze Rose Gastronomie GmbH, das 2015 vom Gerichtsvollzieher aufgrund von Schulden geschlossen und 2021 in einem Insolvenzverfahren aufgelöst wurde.
Narrativ brutaler deutscher Jugendämter
Die meisten Menschen, die aus Deutschland nach Russland ziehen, haben jedoch eine russische Vergangenheit. Sie sind laut einer Studie im Kindesalter als Aussiedler und Spätaussiedler, also als Zuwanderer deutscher Abstammung, aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen. Diese Studie hat das Komitee "Bürgerhilfe" erhoben, eine russische Wohltätigkeitsorganisation, die Flüchtlingen und Migranten hilft.
Zu der erwähnten Gruppe gehört Katharina Minich aus dem westdeutschen Minden. Die als Krankenschwester arbeitende Mutter zog 2016 nach Russland, weil das deutsche Jugendamt ihr die beiden Töchter weggenommen haben soll. Eine von ihnen, Alina, sei in Deutschland geblieben, während die andere, Melissa, nach Russland "gerettet" werden konnte.
Die Geschichte der Familie wurde in russischen Medien breit thematisiert. Später stellte sich heraus, dass Melissa nach Deutschland zurück wollte, sobald sie volljährig war. Das russische Portal "Fontanka" berichtete, wie Journalisten Melissa während einer TV-Talkshow anriefen, in der Katharina Minich saß. Melissa warf live zugeschaltet ihren Eltern vor, sie und ihre Geschwister geschlagen zu haben. Und sie sagte, dass sie "niemals bei ihrem Vater und ihrer Mutter leben wird und sie auch nicht sehen will".
Wie Konstantin Troizkij von der Organisation "Bürgerhilfe" erklärt, verbreiten russischen Medien das Narrativ brutaler deutscher Jugendämter, die Kinder aus wohlhabenden Familien reißen. Dabei würden die Statistiken belegen, dass der Entzug elterlicher Rechte pro tausend Kinder in Russland häufiger vorkomme als in Deutschland.
Fließt Geld von RT an Blogger und NGOs?
Viele der Eingewanderten berichten gerne in sozialen Medien über ihr neues Leben, auch auf Deutsch. Die Videos der Bloggerin Lisa Graf über ihr Leben in Russland erreichen Hunderttausende. Journalisten des in Lettland ansässigen russischsprachigen Portals "Vaschnyje Istorii" (IStories) fanden heraus, dass Lisa, wie einige andere ausländische Blogger, nicht auf eigene Faust durch Russland reist. Sie wird zu Pressereisen eingeladen, die von der Staatsduma-Abgeordneten Maria Butina organisiert werden.
Butina ist das Gesicht und Gründerin der Stiftung "Willkommen in Russland", zu deren Partnern gemeinnützige Organisation gehören. Darunter auch solche, die sich speziell mit Deutschland befassen, wie etwa Martin Held mit seiner NGO "Mein Russland". Sie bieten Informationen zur Umsiedlung an, veranstalten Russischkurse und Reisen nach Russland. Auf der Website von "Mein Russland" heißt es, es seien mehr als 170.000 Anfragen zum Umzug nach Russland eingegangen.
Journalisten des Portals "Vaschnyje Istorii" sowie der österreichischen Zeitung "Der Standard" zufolge werden Held und seine NGO von "Russia Today" (RT) finanziert, dem Auslandssender des russischen Staates. Dasselbe gilt für viele andere Blogger und Projekte, die über den Umzug von Menschen nach Russland berichten. Die Journalisten vermuten, Held könnte fast eine halbe Million Euro von RT erhalten haben.
Auf Anfrage der DW betont Martin Held in einer schriftlichen Antwort: "Weder ich persönlich noch eines meiner Unternehmen oder Projekte haben jemals Gelder, Vorteile oder sonstige Vergünstigungen von staatlichen Stellen der Russischen Föderation, insbesondere von RT, erhalten. 'Mein Russland' ist kein politisches Projekt."
Was lockt Menschen nach Russland?
Zu den Partnern von Maria Butinas Stiftung gehören ferner Anatolij Bubliks Organisation "Put Domoj" ("Weg nach Hause") und Jakob Pinnekers Personalvermittlungsagentur "OKA", die ausländische Fachkräfte für Russland rekrutiert.
Die Website von "Put Domoj" enthält Ratschläge zu Umzug und Geldtransfer, aber auch Artikel wie "Wird es in Europa Konzentrationslager für Russen geben?" Die Organisation bezeichnet sich als ehrenamtliches, patriotisches Projekt, arbeitet aber offenbar mit der Regierung zusammen. Bublik hat in vielen Interviews über seine Kooperation mit "Rossotrudnitschestwo" gesprochen, einer Agentur für internationale humanitäre Zusammenarbeit, die auch Fragen im Ausland lebender Mitbürger beantwortet. Mit der DW sprechen will Bublik nicht.
Auch "OKA" arbeitet in Nischni Nowgorod eng mit den regionalen Behörden zusammen. Auf der Website der Agentur werden auf die Frage "Warum sollten Sie nach Russland ziehen?" Karrierechancen, riesige Agrarflächen und sogar Surfsport versprochen. Über Russlands Krieg gegen die Ukraine oder Repressionen gegen Andersdenkende gibt es hingegen kein Wort.
Trotz der Fälle, in denen Ausländer wegen angeblicher Anti-Kriegsaktivitäten in Russland festgenommen und inhaftiert wurden, hätten Menschen keine Angst, nach Russland zu reisen, sagt Jakob Pinneker im DW-Gespräch. Diejenigen, mit denen "OKA" zusammenarbeite, würden "keine politischen Motive" verfolgen. "Die Menschen kommen hierher, um sich ein eigenes Leben aufzubauen, Karriere zu machen, Häuser zu kaufen und ihre Kinder großzuziehen."
Die Möglichkeit, zum Militärdienst eingezogen und an die Front geschickt zu werden, bereite ihnen kaum Sorgen, meint Pinneker. "Solche Fragen gibt es, aber sie betreffen derzeit hauptsächlich russische Staatsbürger. Ich selbst habe letztes Jahr die Staatsbürgerschaft erhalten. Mich betrifft es also. Die meisten Menschen sehen das aber ganz gelassen. Sie wissen, dass die russische Staatsbürgerschaft mit gewissen Verpflichtungen einhergeht."
Was sagen die Migrationszahlen?
Pinneker zufolge hat seine Agentur im ersten Jahr seit ihrer Gründung 91 Personen nach Russland vermittelt. Laut Statistik des russischen Innenministeriums sind bis August 2025 insgesamt 369 deutsche Staatsbürger im Rahmen des "Dekrets über traditionelle Werte" nach Russland umgesiedelt.
Auch Experten der Organisation "Bürgerhilfe" haben sich diese Zahlen angesehen. Laut Konstantin Troizkij verbreiten russische Propaganda-Medien das Narrativ, deutsche Staatsbürger würden massenhaft nach Russland auswandern. Tatsächlich handele es sich dabei jedoch nur um einige Hundert Fälle.
Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk