Russland - eine Provinz von Rom?
21. März 2002Moskau, 19.3.2002, NESAWISSIMAJA GASETA, russ., Walerij Pawlowitsh Goregljad
Der Mönch Filofej brachte einst Iwan III. den imperialen Leitsatz bei: "Rom ist zweimal untergegangen, das Dritte Rom steht, ein viertes soll es nicht geben."
Wie auch immer sich die Staatsmacht seither verändert hat, wo auch immer die russische Hauptstadt lag, wer auch immer den Thron beherrschte (...) - Moskau bleib für alle das Dritte Rom, das bis in alle Ewigkeit bestehen bleiben sollte. Die Schmach der Weltrevolution und des Friedens von Brest brachte eine vorübergehende Abkehr von dieser Idee. An ihre Stelle trat die sozialistische Ideologie, die Rückständigkeit, die auf ihren "Sieg" folgte, die Perestrojka (...).
In all der Zeit ließ man in Europa, in Amerika die verwurzelten ideologischen Grundlagen der russischen Zivilisation in Ruhe. Die kommunistische Ideologie wurde natürlich von allen mit Füßen getreten. Das konfessionelle Leben tastete keiner an. Die russisch-orthodoxe Kirche existierte, soweit sie konnte, beteiligte sich an internationalen ökumenischen Veranstaltungen, lud ausländische Gäste zum 1000. Jahrestag der Christianisierung der Rus ein - und keiner stellte ihre Existenz in Frage.
Die revolutionären Ereignisse von 1991 haben diese Situation grundsätzlich verändert. Plötzlich begann das religiöse Leben in Russland die ganze Welt zu interessieren. Die russisch-orthodoxe Kirche erwies sich teilweise zur eigenen Überraschung als eines der zentralen Glieder des Konfliktes, der von einigen Historikern als "Kampf um das sowjetische Erbe" bezeichnet wird.
Die letzten 12 Jahre, das heißt praktisch die gesamte Zeit des Patriarchats von Aleksij II., lebt die russisch-orthodoxe Kirche unter der ständigen Gefahr eines Papst-Besuchs in Russland. Das Patriarchat, das diesen Besuch aus objektiven Gründen nicht billigen kann (denn das Verhältnis zwischen der orthodoxen und der katholischen Kirche, unter anderem in der Ukraine, ist nicht geklärt), ist zum Gegenstand böswilliger Kritik der "demokratischen" Massenmedien geworden, die die für die Kirche unumstößliche Tatsache, dass "eine Kathedrale kein Parlament ist und die Kirche kein politischer Verband, sondern der Leib Christi", wie ein moderner Geistlicher schrieb, nicht im geringsten interessiert. Allmählich erinnert dies alles an eine Art "demokratische" Hexenverfolgung...
Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz, jetzt Apostolischer Administrator und künftig erster katholischer Metropolit von "ganz Russland" in der Geschichte, spricht unentwegt von schwesterlichen Beziehungen zwischen der orthodoxen und der katholischen Kirche und wirft dem Moskauer Patriarchat lautstark "unfamiliäre" Schritte vor.
Wenn es aber zwei Kirchen gibt, die angeblich Schwestern sind, warum hilft dann die finanziell stärkere Kirche nicht ihrer Schwesterkirche, die sich in Not befindet? Zumal es Möglichkeiten dafür allem Anschein nach gibt.
Vor unseren Augen schießen in Russland Kirchen und katholische Kathedralen an Orten aus dem Boden, wo es historisch gesehen keine Katholiken gegeben hat - beispielsweise auf Sachalin, wo für den Bau einer solchen Einrichtung Schätzungen zufolge etwa vier Millionen Dollar verwendet wurden. In Moskau tauchte innerhalb weniger Jahre praktisch aus dem Nichts die Kirche der Unbefleckten Empfängnis auf, finanziert nicht aus der Kollekte von zwanzig bis dreißig polnischen alten Frauen und jener dreitausend Menschen, die sich vor kurzem zur Internet-Messe des Papstes versammelt haben. Und alte Frauen gibt es auf Sachalin ohnehin nicht! (...)
Warum muss sich die Hilfe für die Schwesterkirche darauf beschränken, ihr die Kinder wegzunehmen? Du, Schwester, du bist arm und dumm, her mit deinem Elternrecht!...
Und genau das ist es, was das Moskauer Patriarchat beunruhigt. Er nennt es Proselytenmacherei.
Und seine Methoden im Katholizismus, insbesondere bei den Jesuiten, sind äußerst ausgeklügelt. Wer immer Zeuge einer ökumenischen Versammlung war, mit Vertretern verschiedener Konfessionen, weiß sehr gut, dass nach zwei beziehungsweise drei Jesuiten-Ansprachen unabhängig von der Zusammensetzung des Auditoriums am Schluss alle im Chor das lateinische Te Deum oder das Ave Maria anstimmen. Und wenn inmitten von Moskau katholische Nonnen auftauchen, die Russisch mit einem starken Akzent sprechen, was sie nicht daran hindert, ihre Aufgabe wahrzunehmen, nämlich den Weg zur Kirche zu weisen, wo die meisten Besucher nicht halbassimilierte Polen und das katholische diplomatische Corps sind, sondern unsere gewöhnlichen Jungen und Mädchen, dann drängt sich zwangsläufig nicht nur der Gedanke auf, dass dies nicht der schlechteste Ausweg aus dem ideologischen Vakuum ist, in dem sich Russland befindet, sondern auch die Überlegung, welche Folgen die Unfehlbarkeit des Papstes für das Land haben könnte, falls die finanzielle Abhängigkeit vom Westen mit der Zeit geringer werden sollte und das Instrumentarium der Handelskriege unwirksam wird, um Russland "seinen Platz im System" zu erklären. (...)
Bislang gelingt dies ganz gut. Zu Beginn der neunziger Jahre hörten alle mit den "jungen Reformern" an der Spitze entrückt den Ratschlägen von Jeffrey Sax zu, und nun rät der bekannte amerikanische Sowjetologe und Ideengeber nicht nur eines einzigen amerikanischen Präsidenten zur Zeit des Kalten Krieges, Zbigniew Brzezinski, Russland mit einem freundlichen Lächeln, sich in die Arme der USA zu begeben.
In demselben Geist flüstert Erzbischof Kondrusiewicz der russisch-orthodoxen Kirche ein - ihr habt doch Eparchien außerhalb eures kanonischen Gebiets (Russland), sowohl in Amerika, in Europa und sogar im katholischen Frankreich. Aber die orthodoxen Geistlichen in Frankreich gehen nicht von Schule zu Schule und setzen sich nicht zum Ziel, die konfessionelle Zugehörigkeit des Staates zu ändern; von Beginn der Existenz russisch-orthodoxer Kirchengemeinden im Ausland hatten sie es im Wesentlichen nur mit Russischsprachigen zu tun - mit Emigranten und ihren Nachfahren, mit Botschaftsangehörigen, mit russischen Touristen...(...)
Warum es also auf Sachalin eine katholische Kathedrale gibt, wo mit Müh und Not gerade die wenigen Nachfahren der Zwangssiedler, die nach der Niederschlagung des polnischen Aufstands dorthin gebracht wurden, historisch zu den Katholiken gezählt werden können, ist unverständlich.
Und wenn man an die Westukraine denkt, wo die orthodoxe Lemberger Eparchie infolge des Drucks der heutigen Unierten praktisch nicht mehr existiert? Wenn man an Weißrussland denkt, wo man noch gar nicht so lange her, vor sechs bis sieben Jahren, einem orthodoxen Erzpriester "mit den Fäusten" erklären wollte, wo sein historischer Platz ist?
Denken wir einmal nach: Was wird der Katholizismus im Vergleich zur Orthodoxie Russland an Neuem bringen? Was hat er den "traditionell katholischen" Ländern gebracht außer dem Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes, der unwirksamen Sozialenzyklika des Zweiten Vatikanischen Konzils und der ständigen Abtreibungsdiskussion? Was wird Russland gewinnen, wenn es zu einer weiteren Provinz des Apostolischen Stuhls wird? Und überhaupt - was, wenn man sich die Tendenzen im religiösen Leben Russlands in den letzten Jahren insgesamt ansieht?
Zu Zeiten der Sowjetherrschaft war alles mehr oder weniger klar: Katholiken gibt es in Litauen, Protestanten in Lettland und Estland, Orthodoxe, Muslime, Juden und Buddhisten - alle dort, wo sie hingehören, und sogar für die Pfingstler, die Adventisten und Baptisten fand sich eine offizielle Nische.
Die Ruhe, die Idylle und die Glückseligkeit hatten 1992 ein Ende. Einmal waren es einige Volksabgeordnete (wir wollen Entschlafene nicht beim Namen nennen), die (insbesondere bei ihren Auslandsreisen) die These verbreiteten, die russisch-orthodoxe Kirche sei das letzte Bollwerk des Totalitarismus, das so schnell wie möglich beseitigt werden müsse. Dann, gleichsam als Antwort auf diese "guten Wünsche", kamen Sektenangehörige aller Couleur nach Russland, darunter auch Nichtchristen (wie die Mormonen).
Das Land, das unter der Last der Auslandsverschuldung dabei war, die Grundlagen der eigenen Staatlichkeit zu verlieren, hat diesen Zufluss gesetzlich untermauert. Unsere demokratische konfessionelle Gesetzgebung erwies sich als liberaler als die Gesetze europäischer Länder (...).
In Russland lebend, sind wir Zeuge der beginnenden Verwässerung der russischen kulturellen Traditionen. Und es hat einer der Versuche begonnen, Russland konfessionell in einzelne kleine Enklaven einzuteilen, von denen jede dem eigenen Gott zu huldigen hat. (...) Aber es ist wohl kaum anzunehmen, dass der Papst, ein Pole, der den größten Teil seines Lebens in Nachbarschaft zu Russland verbrachte, so naiv ist und nicht weiß, dass die Rus schon wesentlich früher getauft wurde als seine Heimat Polen! (...)
Auf dem russischen Thron saßen auch Deutsche, die gegenüber der orthodoxen Kirche eine recht strenge Politik betrieben (denken wir beispielsweise an die Säkularisierung unter Katharina II.). Aber die einzige Grenze, die sie niemals überschritten, war die kulturelle Identität des russischen Volkes, und die Orthodoxen wurden in diesem Zusammenhang stets als Bollwerk betrachtet, an dem alle scheiterten, die diese kulturelle Identität antasteten. Russland hat niemals jemanden "mit Feuer und Schwert" christianisiert. (...) Es hat Häretiker nicht verbrannt (daher braucht es sich auch nicht für "Übergriffe" im Mittelalter zu entschuldigen, wie es der jetzige Papst tun musste). Es war für jede Art der Zusammenarbeit offen, wenn diese Zusammenarbeit von gegenseitigem Vorteil war. Und auch jetzt ist der Staat bestrebt, den in Russland traditionellen Konfessionen die gleichen Entwicklungsbedingungen zuzusichern: den Orthodoxen, den Muslimen, den Buddhisten, den Juden und anderen.
Und Russland hat auf jegliche Einmischungsversuche - militärischer oder geistiger Art - stets sehr heftig, schützend reagiert. Und diejenigen, die den Hauptschlag führten - Aleksandr Newskij, Dmitrij Donskoj, Minin und Poscharskij, Suworow, Kutusow, Uschakow, Schukow und viele andere - sie sind heute Nationalhelden und Heilige. (...)
Ist der eine oder andere Zweig der Volkswirtschaft gefährdet, ist die Zeit für Zollprotektionismus da.
Ist das nationale Selbstverständnis in Gefahr, kommt die Zeit des kulturellen Protektionismus.
Vor kurzem hörte ich sehr richtige Worte: Echte Wahrheit, an der auch nur ein Prozent Unwahrheit ist, ist bereits eine Lüge. Möge das eine oder andere religiöse Konzept als die endgültige Wahrheit angesehen werden. Wenn es aber für Russland stillschweigend neue Versuche mitbringt, von außen politischen Druck auszuüben und der Unterminierung des nationalen Selbstverständnisses dient, dann wird seine Wahrheit wohl kaum als absolut unumstößlich betrachtet werden können.
Walerij Pawlowitsch Goregljad ist Erster Vizevorsitzender des Föderationsrates der Föderalen Versammlung der Russischen Föderation. (TS)