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Russland: Inder als Ersatz für Arbeiter aus Zentralasien?

Evgeniy Dyuk | Murali Krishnan
24. Januar 2026

Die russischen Behörden wollen dieses Jahr Zehntausende indische Arbeiter anwerben und so dem Arbeitskräftemangel im Land begegnen. Warum hat sich Moskau für Inder entschieden und welche Jobs warten auf sie in Russland?

Plakat mit Wladimir Putin und Narendra Modi während des Besuchs des russischen Präsidenten in Indien im Dezember 2025
Plakat mit den Portraits von Wladimir Putin und Narendra Modi während des Besuchs des russischen Präsidenten in Indien im Dezember 2025Bild: Adnan Abidi/REUTERS

Mindestens 40.000 indische Staatsbürger werden voraussichtlich im Jahr 2026 als Arbeitskräfte nach Russland kommen. Das sagte der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti Boris Titow, Sonderbeauftragter des russischen Präsidenten Wladimir Putin für die Beziehungen zu internationalen Organisationen im Bereich der nachhaltigen Entwicklung. Bereits Ende 2025 arbeiteten in Russland laut dem indischen Botschafter in Moskau, Vinay Kumar, der sich auch gegenüber der Agentur äußerte, zwischen 70.000 und 80.000 indische Staatsbürger.

Auslöser für die Migration von Indien nach Russland ist das im Dezember 2025 bei einem Treffen in Neu-Delhi vom indischen Premierminister Narendra Modi und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin unterzeichnete Abkommen zur Arbeitskräftemobilität. Das Dokument sieht eine Quote für rund 71.800 indische Staatsbürger für das Jahr 2026 vor.

"Indien will Arbeitslose 'exportieren'"

Wie die DW herausgefunden hat, zeigen Statistiken zum Grenzübertritt, dass die Zahl indischer Staatsbürger, die nach Russland einreisen, zunimmt. So passierten im ersten Quartal 2025 rund 32.000 Personen die Grenze, im zweiten 36.000 und im dritten 63.000.

Indische Arbeitskräfte werden laut indischen Experten über offizielle und inoffizielle Agenturen angeworben, und diese sind maßgeblich dafür verantwortlich, ob die Inder vollständige und korrekte Informationen über ihren künftigen Job erhalten. Die Löhne für gering qualifizierte indische Arbeitskräfte in Russland liegen umgerechnet zwischen 475 und 950 Euro pro Monat, was deutlich mehr ist als in ihrem Heimatland.

Im Dezember tauchten ganze Gruppen indischer Arbeiter in den Straßen von St. Petersburg auf. Sie erzählten dem lokalen Webportal "Fontanka", Monatslöhne von rund 100.000 Rubel (umgerechnet 1000 Euro), kostenlose Unterkünfte und Verpflegung zu erhalten sowie Russischkurse zu besuchen. Laut Angaben der Stadtverwaltung sind etwa 3000 arbeitssuchende indische Staatsbürger nach St. Petersburg gekommen.

Ein indischer Diplomat, der ungenannt bleiben will, erklärte im Gespräch mit der DW, dass das Arbeitskräfte-Abkommen auch für Indien von Vorteil sei. "Russland braucht Arbeitskräfte und Indien will Arbeitslose 'exportieren'", so der Diplomat.

Statt zur Arbeit zum Kriegseinsatz?

Laut dem indischen Diplomaten sei ein formelles Abkommen erforderlich gewesen, um die indische Migration nach Russland zu legalisieren, die schon länger "informell und chaotisch" verlaufen sei. Dies habe in der Vergangenheit dazu geführt, dass Inder oft Opfer von Betrug geworden waren. Beispielsweise hätten Inder unter Vortäuschung falscher Tatsachen Verträge mit der russischen Armee unterschrieben und seien so zum Kriegseinsatz in der Ukraine geschickt worden, berichtet der Diplomat.

Inder, die in den Krieg gegen die Ukraine ziehen sollten, und in ihre Heimat zurückgekehrt sindBild: privat

Seit Beginn des russischen Einmarsches in die gesamte Ukraine im Februar 2022 haben 126 Inder laut offiziellen Angaben Verträge mit der russischen Armee unterzeichnet. Mindestens zwölf indische Staatsbürger sind auf russischer Seite gefallen, 96 sind dem indischen Außenministerium zufolge in ihre Heimat zurückgekehrt.

Im Jahr 2024 sprach der indische Premierminister Narendra Modi bei einem Besuch in Moskau mit Wladimir Putin über die Rückführung von Indern, die bereits Verträge mit der russischen Armee unterzeichnet hatten, und auch darüber, dass neue Anwerbungen in die Armee verhindert werden müssten.

Was sind die Barrieren für indische Menschen in Russland?

Der russische Wirtschaftswissenschaftler Igor Lipsiz weist darauf hin, dass eine der größten Herausforderungen für die meisten indischen Staatsbürger in Russland die Überwindung der Sprachbarriere sei. Die Mehrheit der indischen Arbeitskräfte spräche kein Russisch, während ein erheblicher Teil der russischen Bevölkerung, insbesondere in ländlichen Gebieten, kein Englisch beherrsche. "Man holt Menschen ins Land, mit denen man sich nicht verständigen kann. Das bedeutet, dass sie nur für einfachste Arbeiten wie Schleppen, Putzen und Schneeschaufeln eingesetzt werden können", sagt Lipsiz.

Außerdem schränkten - seiner Meinung nach - kulturelle Unterschiede die Möglichkeiten zur Integration der Inder in die russische Gesellschaft angeblich ein. "Ich denke, man setzt auf Indien, weil man den Zustrom von Muslimen minimieren will. Man geht davon aus, dass hauptsächlich Hindus kommen werden", sagt der russische Wirtschaftswissenschaftler Andrej Jakowlew.

Eine Lösung für den Arbeitskräftemangel in Russland sieht Jakowlew in den indischen Arbeitskräften nicht. "Es fehlen nicht so sehr Straßenreiniger und Hilfskräfte, sondern vielmehr qualifizierte Fachkräfte", betont Lipsiz und fügt hinzu: "Im Moment ist dies im Wesentlichen ein Testlauf. Man versucht herauszufinden, ob diese Menschen zur russischen Wirtschaft passen."

Warum setzt Russland auf Indien?

Nach dem islamistischen Terroranschlag auf die Crocus City Hall am 22. März 2024 mit mindestens 144 Toten, bei dem weite Teile des Konzertsaals in Brand gerieten und Teile des Daches einstürzten, verschärften die russischen Behörden ihre Rhetorik gegenüber Migranten und schränkten deren Zustrom aus zentralasiatischen Ländern ein. Wie Lipsiz anmerkt, leiden die Länder der Region selbst zunehmend unter einem Arbeitskräftemangel. "Bürger zentralasiatischer Staaten werden nun auf andere Arbeitsmärkte, vor allem nach Großbritannien und Südeuropa, abgeworben. Infolgedessen verlangen die Migranten höhere Löhne, was die Beschäftigung für russische Arbeitgeber weniger lukrativ macht", erklärt er.

Treffen von Wladimir Putin und Narendra Modi im Dezember 2025Bild: Grigory Sysoyev/Sputnik/REUTERS

Die Experten, mit denen die DW gesprochen hat, sagen, man habe sich in Russland nicht zufällig für Indien entschieden. Russland wird die Inder wahrscheinlich mit Rupien, also in indischer Währung, bezahlen, die es beim Handel mit Öl erwirtschaftet, vermutet Rajan Kumar, Russlandexperte an der Jawaharlal-Nehru-Universität in Delhi. Der Handelsumsatz zwischen Indien und Russland beläuft sich auf rund 70 Milliarden US-Dollar, wobei Russland jedoch nur Waren im Wert von fünf Milliarden US-Dollar aus Indien kauft. Das bedeutet, dass sich die Rupien in Russland anhäuften, erläutert der Experte. Und diese will Russland sinnvoll verwenden.

"Problem eines stetigen Bevölkerungsrückgangs"

Laut dem russischen Statistikamt "Rosstat" fehlten in Russland im Jahr 2024 insgesamt 2,2 Millionen Arbeitskräfte. Experten der Russischen Akademie der Wissenschaften nannten im Jahr 2023 die Zahl von bis zu 4,8 Millionen. Der Arbeitskräftemangel macht sich in Industrie, Bauwesen, Logistik, Medizin, Handel und IT bemerkbar. Experten betonen jedoch, dass diese Schätzungen nur ungefähre Werte sind.

Laut Andrej Jakowlew wurde der Mangel nicht allein durch den Ukraine-Krieg, die Mobilmachung oder Auswanderung verursacht. Seiner Ansicht nach ist die Anwerbung von Indern nach Russland eine Reaktion des Kremls auf tiefgreifende demografische Entwicklungen. "Krieg, Auswanderung und Mobilmachung spielen eine Rolle und diese Faktoren verschärfen das viel längerfristige Problem eines stetigen Bevölkerungsrückgangs", sagt dazu Igor Lipsiz und betont: "Alle Einschätzungen, was das Defizit von zwei bis fünf Millionen Menschen angeht, basierten auf einer überhitzten Wirtschaft. Jetzt ändert sich die Lage und es beginnt eine Rezession. Unternehmen kürzen Arbeitszeiten und Massenentlassungen sind in diesem Jahr möglich."

Auch indische Experten betrachten die Arbeitskräfte-Initiative mit Vorsicht. Lekha Chakraborty, Professorin am National Institute of Public Finance and Policy in Neu-Delhi, warnt, dass die russische Nachfrage nach Arbeitern durch den Krieg verzerrt und instabil sei. "Eine Normalisierung nach dem Konflikt oder eine Eskalation könnten rasch zu Lohndruck und Entlassungen führen und die Migranten aufgrund von Rückführungs-Hürden und begrenzten Schutzmaßnahmen stranden lassen", sagt sie.

Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk

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