Nach Putin-Kritik: Russischer Blogger landet in Psychiatrie
21. März 2026
Es geht alles sehr schnell und nach nur zwei Tagen rätseln die einen über die plötzliche politische Erleuchtung eines Verwirrten und die anderen über die ungewöhnlich harte Strafe.
Am 17. März veröffentlicht das ehemalige Mitglied der Öffentlichen Kammer Russlands, der Jurist Ilja Remeslo einen Aufsehen erregenden Post in seinem Telegram-Kanal. Darin bezeichnet er den Krieg gegen die Ukraine als "völlig ausweglos", beklagt Internetzensur und kritisiert fehlende Meinungsfreiheit. Präsident Putin sei zu lange an der Macht und plane womöglich "mindestens 150 Jahre auf dem Thron zu sitzen." Putins Presskonferenzen bezeichnet Remeslo als "Zirkus" und kommt zum Entschluss, dass der Kreml-Herrscher kein legitimer Präsident sei: "Putin muss zurücktreten und als Kriegsverbrecher und Dieb vor Gericht gestellt werden."
Am nächsten Tag legt Remeslo nach, stellt neue Videos ins Netz, die beweisen sollen, dass er noch in Russland lebe. Er sei bereit, jetzt in den Knast zu gehen, um später, nach Putins Ende als Held zu leben.
Die Videos schlagen hohe Wellen und bringen Ilja Remeslo schon am übernächsten Morgen in die städtische psychiatrische Klinik Nummer drei von Sankt-Petersburg. Auf welchem Wege - bleibt unbekannt. Der Kontakt zum Blogger bricht ab und alle rätseln: Was war das?
Vom Z-Blogger zum Regimekritiker?
Zwar gibt es in Russland immer mal wieder Fälle von öffentlichem Aufbegehren gegen das System. Aber Ilja Remeslo galt als Gegenteil eines Regime-Kritikers. Er war einer der bekanntesten so genannten Z-Blogger. So werden in Russland Hurra-Patrioten genannt, die den Krieg gegen die Ukraine feiern und gegen Andersdenkende vorgehen. Der russischen Öffentlichkeit wurde Remeslo durch seinen Kampf gegen den prominenten Oppositionspolitiker Alexey Nawalny bekannt. Der Blogger initiierte diverse Kampagnen gegen Nawalny, die zur Verhaftung und Verurteilung des Poltikers führten.
In einem Interview behauptet Remeslo am Tag nach der Veröffentlichung seiner Videos, er habe freiwillig gehandelt. Der Blogger räumt jedoch ein, dass sein plötzlicher Seitenwechsel widersprüchlich wirken könnte. Dies sei aber auf eine innere Entwicklung und eine neue "Lebensaufgabe" zurückzuführen. Seine früheren Kampagnen gegen die Opposition entsprächen nicht mehr seinen heutigen Ansichten. Die Entscheidung, mit der derzeitigen russischen Führung ins Gericht zu gehen, sei seit 2023 gereift - als der Anführer der russischen Privat-Armee Jewgenij Prigoschin den Aufstand gegen den Kreml wagte und scheiterte. Remeslo sei sich der Risiken seiner Aktion bewusst, schließe aber eine Flucht uns Ausland aus. Er hoffe auf eine politische Veränderungen im Laufe des Jahres 2026.
Welche Gründe hatte der Blogger für seinen Sinneswandel?
Remeslos neue "Lebensaufgabe" kommt weder bei seinen ehemaligen Mitstreitern noch bei der Opposition an. "Ich bin zutiefst schockiert", reagiert Apti Alaudinow, der Kommandant einer tschetschenischen Kampftruppe in der Ukraine, mit der Remeslo zuvor zusammengearbeitet hatte. Alaudinow gibt zu, dass er Remeslo für vernünftig und loyal gehalten habe, weshalb er nicht ausschließe, dass man ihn zu solchen Äußerungen gezwungen haben könnte.
Russlands bekanntester Propagandist Wladimir Solowjow erklärt den Vorfall als "Zusammenbruch" vor dem Hintergrund des Krieges und stellt fest, dass bei manchen "die Nerven nicht halten". Andere regierungsfreundliche Portale erklären Remeslos Putin-Kritik als Versuch, Russland zu destabilisieren. Manche sehen einen geschickten Schachzug, ein Experiment, das "jemandem nützen müsste".
Der auf russische Propaganda spezialisierte Forscher Iwan Filippow bezeichnet Remeslo im Gespräch mit der DW als "Mittäter beim Mord an Alexej Nawalny" und vermutet, dass der Blogger "niemals etwas einfach so und niemals umsonst tut". Seine Äußerungen über Putin als "Kriegsverbrecher" und "Dieb" bezeichnet Filippow selbst nach den Maßstäben des russischen Systems als beispiellos und räumt ein, dass sie zur Verhaftung von Remeslo geführt haben könnten.
Politikwissenschaftler Abbas Galljamow bringt Remeslos vermeintlichen Sinneswandel mit einer allgemeinen Dynamik in Russland in Verbindung: "Eine Bewegung in diese Richtung findet sowohl im Medienbereich als auch in der Gesellschaft insgesamt statt". Galjamow erklärt im DW-Interview die Tendenz wegen Kriegsmüdigkeit, wirtschaftlichen Problemen und sinkendem Vertrauen in die Regierung.
Breites Spektrum an Reaktionen in Russland
Abbamows Kollege Dmitrij Oreschkin geht auf die Reaktion der Behörden ein. Gegenüber der Deutschen Welle vermutet er, dass Remeslo in die Psychiatrie gezwungen wurde: "Die Behörden mussten zwangsläufig hart reagieren. Wenn man ihn nicht zum Helden machen will, muss man ihn irgendwie kränken oder brechen. Wenn er aus der Bahn geraten ist und in Hysterie verfallen ist - muss man ihn irgendwie isolieren." Oreschkin verweist auf den traurigen Ruf der Psychiatrie-Klinik Nummer drei von Sankt-Petersburg als Einrichtung der Strafpsychiatrie zu Sowjetzeiten. Aussagekräftig ist Oreschkins Meinung nach das breite Spektrum der öffentlichen Reaktionen in seiner Heimat: von hysterisch bis hoffnungslos und aggressiv. Russland befinde sich in einem Zustand der politischen "drogenhaften Schläfrigkeit", wenn schon solche Ausbrüche in sozialen Medien als großes politisches Ereignis wahrgenommen würden.