Russland: Wie Studenten mit Tricks zur Armee gelockt werden
23. März 2026
Das russische Verteidigungsministerium rekrutiert Studierende für die sogenannten Drohnen-Truppen direkt an den Hochschulen. Ihnen werden ein einjähriger Vertrag, ein Einsatz in sicherer Entfernung von der Front in der Ukraine, etwa fünf Millionen Rubel (rund 50.000 Euro) und ein kostenloses Studium nach dem Einsatz in der Armee versprochen.
Beobachter warnen jedoch, dass Studenten in die Irre geführt werden und die Rekrutierung in unbefristeten Verträgen endet. Im schlimmsten Fall müssten die Studenten an die Front, mit der Gefahr, dort verwundet oder getötet zu werden.
Laut Informationen auf den Webseiten von Hochschulen und Berichten von Studenten in Telegram-Kanälen organisieren Universitäten Treffen mit Vertretern der Einberufungsstellen und Militärausbildungszentren, bei denen Studierende über die Vorteile von Verträgen mit dem Verteidigungsministerium informiert werden.
Wie das russischsprachige Portal "Echo" berichtet, sind mindestens 70 Bildungseinrichtungen in 23 russischen Regionen, darunter auch auf der annektierten ukrainischen Halbinsel Krim, an der Rekrutierung beteiligt. Knapp die Hälfte davon befindet sich in St. Petersburg und Moskau, der Rest verstreut in zahlreichen Orten in Russland.
Auftrag zur Agitation unter Studenten
Wie Jurij (Name geändert), Mitarbeiter einer Moskauer Universität, der DW berichtete, wurden die Leiter verschiedener Hochschulen zu einem Treffen mit dem russischen Vizepremier Dmitrij Tschernyschenko, zuständig für Bildung und Wissenschaft, einbestellt. Sie seien angewiesen worden, an ihren Hochschulen die Werbung von Studierenden für den Dienst in den Drohnen-Truppen zu organisieren.
"Es gibt kein einheitliches Schema für die Agitation, jede Hochschule hat ein eigenes", so Juri. Ihm zufolge führen Vertreter der Einberufungsstellen, Veteranen der "speziellen Militäroperation" - wie in Russland der Krieg gegen die Ukraine genannt wird - und Universitäts-Mitarbeiter Gruppengespräche mit Studierenden.
In einigen Regionen verschicken die dortigen Bildungsministerien Leitlinien, wie Hochschulen die Werbung organisieren sollen. Darüber hinaus haben Hochschulverwaltungen E-Mails verschickt, in denen Studierenden Verträge mit dem Verteidigungsministerium angeboten werden, berichtete im Februar das russischsprachige Investigativportal The Insider.
Laut der unabhängigen Medienplattform "T-invariant" wird an vielen Hochschulen für die Drohnen-Truppen geworben, auch an solchen, die nichts mit der Entwicklung oder dem Einsatz von Drohnen zu tun haben. Zunächst lag der Fokus nur auf großen technischen Universitäten und Militärlehrstühlen, berichtet "T-invariant". Doch seit Januar würden auch in anderen Hochschulen Studenten und Studentinnen ins Visier geraten, denen aufgrund schwacher Leistungen der Ausschluss von der Hochschule drohe - gerade jene würden nun angesprochen.
"Meinen Beobachtungen nach wurde für jede Hochschule eine Quote festgelegt - zwischen 0,5 und 2 Prozent der gesamten Studentenschaft", sagt Jurij. Er fügt hinzu, dass die Leitung einer Universität, sollte sie die Vorgaben nicht erfüllen, in den Verdacht geraten könnte, illoyal zu sein. "In diesem Fall riskiert der Rektor oder Vizerektor seine Position", betont Jurij. Unterdessen sei die Durchfallquote an seiner Universität in letzter Zeit stark gestiegen. "So etwas gab es früher nicht. Die Studenten fallen massenhaft durch. Früher konnte ein Dozent einen Studenten in der Prüfung noch retten, aber jetzt sitzen da zwei Prüfer", sagt er. Studenten, denen ein Ausschluss drohe, würden nun vor die Wahl gestellt, entweder einen Vertrag mit der Armee zu unterzeichnen und in den Drohnen-Truppen zu dienen oder Wehrdienst zu leisten.
Werden Studenten in die Irre geführt?
Im Werbematerial, das an Hochschulen verbreitet wird, wird behauptet, Studenten könnten einen Einjahresvertrag unterzeichnen und anschließend ins Zivilleben zurückkehren. Artjom Klyga, Rechtsanwalt von der "Bewegung für Kriegsdienstverweigerung" betont jedoch, das Gerede von Kurzzeitverträgen bei den Drohnen-Truppen stehe nicht im Einklang mit den geltenden Gesetzen. Der Jurist der zivilgesellschaftlichen Organisation, die russische Kriegsdienstverweigerer unterstützt und in Russland als "ausländischer Agent" eingestuft ist, erklärt, dass der Vertrag, den Studierende unterzeichnen, faktisch unbefristet sei - bis Präsident Wladimir Putin die Teilmobilmachung beendet. Dies würden Gerichtsurteile bestätigen, in denen unterstrichen werde, dass die Verträge unbefristet seien, so Klyga.
Auch der Duma-Abgeordnete Andrej Kartapolow erklärte im Interview mit dem russischen Portal "Daily Storm", dass Studenten einen "vollwertigen Vertrag" unterzeichnen. Daher sei der Vertrag mit den "Drohnen-Truppen" kein eigenes Studentenprogramm, sondern ein Standardvertrag, so Klyga.
Zudem garantieren die russischen Gesetze keinen ausschließlichen Dienst bei den Drohnen-Truppen. Der Jurist weist darauf hin, dass eine Zuweisung erst nach Vertragsunterzeichnung erfolgt. "Wenn man einen Vertrag unterschreibt und die Anforderungen nicht erfüllt, bedeutet das keine Kündigung des Vertrages oder Entlassung aus dem Wehrdienst. Man wird lediglich per Befehl des Kommandeurs in eine andere Truppe und auf eine andere militärische Position versetzt", erläutert Klyga.
Was halten die Studenten von der Werbung?
In studentischen Telegram-Kanälen werden die Versprechungen der Behörden mit Skepsis betrachtet. In einem Chat wurde die Audioaufnahme geteilt, in der ein Vertreter des Militärausbildungszentrums einer Moskauer Universität den Studierenden, die schwache Leistungen erbringen oder gesundheitliche Probleme haben, vorschlägt, Urlaubssemester zu beantragen und einen Einjahresvertrag mit dem Verteidigungsministerium zu unterzeichnen. Das sei eine Möglichkeit, "Kraft zu tanken" und im Abstand von 20 Kilometern von der Frontlinie "weiter zu lernen".
Er rief die Studenten auf, die Verträge schnell zu unterzeichnen, um noch aufgenommen zu werden. Zudem lockte er mit Stipendien und Vergünstigungen nach einer Rückkehr aus der Armee an die Universität.
"Ich würde den Versprechungen des Mannes, dass es sich um eine bestimmte Militäreinheit handelt, nicht viel Glauben schenken. Darüber hat er nicht zu entscheiden und man wird ihn nicht zur Rechenschaft ziehen, wenn jemand versetzt wird", schreibt ein Chatteilnehmer. Ein anderer erinnert an die Geschichte zweier Vertragssoldaten und Drohnenpiloten mit den Rufnamen "Goodwin" (Sergej Grizaj) und "Ernest" (Dmitrij Lysakowskij). Nach einem internen Streit mit dem Kommando wurde ihre Drohnen-Einheit aufgelöst. Beide Vertragssoldaten wurden an die Front geschickt, wo sie bald darauf umkamen. Auch Jurij - der anonyme Mitarbeiter einer Universität in Moskau - mahnt, dem Agitationsmaterial nicht zu trauen. Er merkt an, dass auch Frauen rekrutiert werden: "Sie werden wahrscheinlich als Sanitäterinnen eingesetzt."
Studenten werden an die Front geschickt
Der Bewegung "Idite Lesom" (Geht durch den Wald) liegen Berichte über solche gebrochenen Versprechen vor. Die Organisation ist in Georgien ansässig und hilft Deserteuren aus Russland. In den Berichten erzählen Studenten des Petrowskij College in St. Petersburg von ihren Verträgen mit dem russischen Verteidigungsministerium. Ihnen sei ein Einsatz in einer Militäreinrichtung in St. Petersburg und Arbeit an militärischem Gerät versprochen worden. Doch schnell sei ihnen mitgeteilt worden, dass sie als Drohnenpiloten an die Front müssten.
Ähnlich erging es einem Vertragssoldaten, der Anfang Januar mit der DW sprach und namentlich nicht genannt werden wollte. Im DW-Gespräch berichtete er, bei Vertragsunterzeichnung sei ihm ein Einsatz im Kommandostab zugesichert worden, was zunächst auch geschah. Nach einigen Monaten sei er jedoch unerwartet zur Minenräumung zu den Pioniertruppen versetzt worden. Ende Januar brach der Kontakt zu ihm ab. Inzwischen ist bekannt, dass er in der Region Charkiw ums Leben kam.
Künftig persönliche Gespräche mit Studenten?
Jurij sagt, an seiner Universität kenne er bislang keinen Studenten, der einen Vertrag unterzeichnet hat. Er befürchtet aber, dass sich nur wenige Studenten der rechtlichen Folgen der Verträge bewusst seien. Jurij, der sie in Gesprächen über die Möglichkeiten der Verträge informieren muss, versucht, sie zumindest indirekt vor den Risiken zu warnen. Einigen von ihnen sei aber klar, so Jurij, dass kein Geld der Welt eine Behinderung oder den Verlust des Lebens aufwiegen könne. Offene Gespräche könnten für die Dozenten riskant sein, sagt Jurij und betont: "Manche Studenten könnten die Universitätsleitung informieren."
Er denkt, dass sich die Rekrutierungsbemühungen bald verändern werden, dass es statt allgemeiner Versammlungen Einzelgespräche mit Studenten in Rekrutierungsstellen der Armee geben wird. Dort werde man versuchen, sie zum Vertragsabschluss zu bewegen, so Jurij. Bis vor Kurzem versuchte er, sich aus all dem herauszuhalten und sich auf seine akademische Arbeit zu konzentrieren. "Bis zu einem gewissen Punkt konnte ich mich von diesem Krieg fernhalten. Aber jetzt verwandeln sich die Universitäten in Kasernen. Meine humanistische Weltsicht erlaubt es mir nicht, meine eigenen Studenten dorthin zu schicken", sagt er.
Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk