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Literatur

"2019 ist von 1930 nicht sehr weit entfernt"

Sabine Peschel
14. April 2019

Ruth Weiss flüchtete als Kind vor den Nazis und fand im Südafrika der Apartheid ein neues Zuhause. Mit dem 6. Band ihrer Saga um die jüdische Familie Löw ist die 94-Jährige nun auf Lesetour. Die DW traf sie zum Gespräch.

Deutschland Ruth Weiss
Bild: picture-alliance/dpa/A. Keuch

Frau Weiss, soeben ist der neue Band Ihrer großen Familiensaga erschienen: die Löws in Deutschland, eine über 350 Jahre hinweg erzählte jüdische Familiengeschichte. Dieses Buch führt bis in das Jahr 2015: Neo-Nazis, der Tod einer Asylbewerberin - was wollten Sie mit der Geschichte Pippas, der Urenkelin des deutschen Juden Adolph Löw, erzählen?

Dass es zwischen der Generation heute und dem, was in der Vergangenheit geschehen ist, einen großen Bruch gibt. Seit Beginn des Nationalsozialismus sind zwar noch keine hundert Jahre vergangen, aber es ist trotzdem eine lange Zeit. Die Nachfahren sind wie die Hauptfigur in meinem Roman. Sie zieht in ein ererbtes Haus ein, ohne sich irgendwelche Gedanken zu machen, wem das Haus vorher gehört hat. Erst durch einen Brand erhält sie den Impuls, doch nachzuforschen. So wird sie zum ersten Mal mit der Geschichte ihrer Familie konfrontiert.

Geht es dabei auch um Versöhnung?

Ja, es geht um Versöhnung. Das Verständnis kommt durch die privaten Geschichten und nicht durch die große Politik.

Werden Sie Ihre Erzählung noch weiterführen?

Es kommt auf den Verlag an. Ich hatte meinen Romanzyklus am Anfang eigentlich nicht als eine Familiensaga konzipiert. Nachdem ich im Ruhestand war, bin ich in Fürth gewesen, wo ich geboren wurde, und habe angefangen, jüdische Geschichte der Vergangenheit zu lesen, so ab dem 17. Jahrhundert. Da habe ich entdeckt, dass in dieser Gegend die obdachlosen Juden in der damaligen Zeit ein riesiges Problem hatten: Sie durften nicht länger als 72 Stunden an einem Ort bleiben. So wanderten sie von einer jüdischen Gemeinde zur anderen. Doch durch die Vielfalt der Besitztümer der Herrschenden, und weil sie bei jedem Grenzübertritt etwas zahlen mussten, war das eine enorme Belastung für diese armen Menschen. Ich fing an, meine Geschichte zu schreiben, und der Verlag wünschte sich dann nach dem ersten Band eine Fortsetzung.

Die Löws – Nachspiel. Band 6 der jüdischen Familiensaga

Sie absolvieren auf dieser Lesereise ein strammes Programm: Am Vormittag eine Lesung in der Schule, am Nachmittag ein ausführliches Interview, abends noch einmal Lesung und Gespräch. Warum ist es Ihnen immer noch so wichtig, Ihre persönliche Geschichte und Geschichten in Romanform zu erzählen?

Ich bin ja keine Überlebende eines Lagers. Ich bin eine Überlebende, die das enorme Glück gehabt hat zu emigrieren, und auch das Glück, dass ich selber schreiben konnte. Das bedeutet, dass ich die Fähigkeit erlernt habe, das, was damals war - was ja wirklich sehr lange her ist - zu kommunizieren. Ich glaube, dass das vor allem für Jugendliche wichtig ist. Solange ich es kann, möchte ich das weiter tun. 

Wie reagieren die Jugendlichen allgemein?

Erstaunlich interessiert. In den Tagen, in denen ich auf Lesetour war, hatten wir keine Störungen. Keiner ist aufgestanden, hat sich entfernt oder daneben benommen, im Gegenteil. Es gab dieses Mal ungewöhnlich viele Fragen. Ich glaube, das hat mit der augenblicklichen politischen Situation zu tun, dass es heute auch Flüchtlinge gibt, noch viel mehr als zu meiner Zeit.

Sie sind in einem Dorf in der Nähe von Nürnberg aufgewachsen. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde Ihrer Familie und Ihnen das Leben unerträglich gemacht. Sie zogen nach Fürth und gingen dann dort in die jüdische Realschule. Wie erinnern Sie sich an Ihre Schulzeit?

Die Jahre in dem Dorf mit der Dorfschule waren sehr schön. Wir Kinder waren völlig integriert. Meine Eltern gehörten natürlich nicht zum Dorf. Es gab eine Siedlung, dort haben wir gewohnt. Wir waren die einzigen Juden. Neben uns wohnte der Lehrer. Was wir nicht wussten war, dass er Mitglied der NSDAP war. 1933 war der Einfluss  der Nazis so groß, dass selbst im Dorf die Umstellung sehr schnell geschah.

Nürnberg - die Stadt, in der die Nationalsozialisten ihre Reichsparteitage abhieltenBild: picture-alliance / dpa

Mit zwölf Jahren, 1936, emigrierten Sie mit Ihrer Familie nach Südafrika. Wieso gerade Südafrika?

Mein Vater hatte im April 1933 seine Arbeit verloren. Er hatte Familienangehörige, die schon Anfang des 20. Jahrhunderts nach Südafrika ausgewandert waren. Verwandte dort waren bereit, für ihn zu bürgen. Südafrika war damals noch offen für Immigranten, Weiße waren gefragt. Jedenfalls bis man merkte, dass wir zwar die richtige Hautfarbe, aber die falsche Religion hatten.

Sie arbeiteten zunächst in einem Rechtsanwaltsbüro, dann in der Buchhandlung Ihres ersten Mannes, des Journalisten Hans Weiss, bei einer Versicherung und in London in einem Verlag. Wie kamen Sie zum Journalismus?

Durch den Paternalismus. Weiss war Journalist beim Berliner Tageblatt gewesen, und ich arbeitete in einer Versicherungsgesellschaft. Ich konnte nicht studieren, es gab kein Geld. Ich habe also sofort nach meinem Schulabschluss angefangen zu arbeiten. Hans Weiss war ab den Fünfzigerjahren Korrespondent für das südliche Afrika für die Deutsche Presseagentur. Als er anfing, gab es noch die VWD (Vereinigte Wirtschaftsdienste), die den Wirtschaftsteil verantworteten. Weil ich nun einen ziemlich hohen Posten im Versicherungswesen und somit etwas mit Wirtschaft zu tun hatte, meinte Hans, mach doch du das. Also habe ich - unter seinem Namen - zuerst nur die Wirtschaftsgeschichten geschrieben. 

Südafrika war zwar damals ganz interessant für deutsche und englische Medien, aber nicht genug, um wirklich große Berichte zu machen. Das bedeutete, dass er sich auch in anderen afrikanischen Ländern umsehen musste. Das hat mein lieber Hans ein paar Mal gemacht, und dann hat er gesagt: "Du, ich denke, du kannst das besser machen." Da bin ich also schon sehr früh in Afrika gereist, noch zur Kolonialzeit, und das war mein Glück. Als die Versicherungsgesellschaft, für die ich eigentlich arbeitete, der Nationalen Partei sehr nahe kam, wollte ich nicht mehr dort bleiben. Und dachte dann, ich versuche es mal mit dem Journalismus.

Wie war das für Sie, als Sie zum ersten Mal wieder nach Deutschland kamen?

Ich bin wegen meiner Schwiegereltern, die überlebt haben, schon 1950 zum ersten Mal wieder hier gewesen, das war ungewöhnlich für deutsche Juden. Das bedeutete, dass ich Deutschland zu einer Zeit kennengelernt habe, wo die Zerstörungen des Krieges überall sichtbar waren. Eine niederschmetternde Zeit. Bei meinen Begegnungen mit Deutschen der damaligen Zeit habe ich viele 'Widerstandskämpfer' kennengelernt. Es war ganz klar, dass die Deutschen mit ihrer jüngsten Vergangenheit noch nicht richtig umgehen konnten. Aber dadurch, dass wir sehr früh für deutsche Medien gearbeitet haben, konnten wir die deutsche Politik ziemlich nahe verfolgen. Was, wie ich schon sagte, für deutsche Juden in der Emigration gewöhnlich nicht der Fall war. Noch in den Siebzigerjahren, als ich in Köln bei der Deutschen Welle arbeitete, hat meine Schwester mich nicht besucht. Wir trafen uns in der Schweiz.

Bis 2003 hatte die Deutsche Welle ihren Sitz in KölnBild: picture-alliance/dpa

Sie arbeiteten von 1975 bis '78 als Chefin vom Dienst in der Afrika-Redaktion der Deutschen Welle. Warum haben Sie das wieder aufgegeben und sind nach London gegangen?

Als ich in London war, habe ich mir lange überlegt, warum ich eigentlich weggegangen war. Ich hatte Rentenanspruch und hätte bis 60 einen sehr schönen, für mich idealen Job gehabt. Aber ich fühlte mich in Deutschland damals nicht sehr wohl. Vom allerersten Moment an, nachdem ich in Köln angekommen war, hatte ich Begegnungen, die mit der Vergangenheit zu tun hatten. 

Ein Beispiel: Es war die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr, wir suchten ein Hotel. Wir fanden eine kleine Pension und unterhielten uns mit der Eigentümerin. Sie erzählte mir dann sofort vom Bankrott einer Bank und sagte: "Das sind ja wieder die Juden". Ich fragte dann meine Kollegen bei der Deutschen Welle nach dieser Bank: Sie hatte mit Juden überhaupt nichts zu tun gehabt. Es war diese Atmosphäre...

Ihr Sohn Alexander ist 1966 in London geboren, nach einer für Sie und das Kind lebensgefährlichen Schwangerschaft. Sie waren damals schon fast 42, und Sie haben ihn allein großgezogen. Ihr zweiter Mann Karl stand als Vater nicht zur Verfügung. Sind Sie stolz auf Ihre Leistung als emanzipierte, berufstätige Frau, als alleinerziehende Mutter?

Das würde ich nicht so ausdrücken. Aber ich möchte etwas anderes dazu sagen. Ich habe durch meine Tätigkeit in der Versicherungsgesellschaft schon sehr früh in einer Männerwelt zu tun gehabt, und das hat sich dann dadurch, dass ich über Wirtschaft gearbeitet habe, weiter fortgeführt. Ich war sehr oft die einzige Frau, und als ich mich entschlossen habe, dass ich aus dieser Beziehung gerne ein Kind haben wollte, war ich arrogant genug, um zu denken, ich werde genug verdienen, um das zu schaffen.

"Wege im harten Gras" - Die südafrikanische Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer schrieb das Vorwort (Nachwort in der 2. erweiterten Auflage) der Autobiografie von Ruth Weiss

Nach Jahrzehnten in verschiedenen Ländern Afrikas - Südafrika, Rhodesien/Zimbabwe, Sambia - und in London sind Sie 2002 nach Deutschland zurückgekehrt. Wo leben Sie jetzt?

Ich lebe inzwischen bei meinem Sohn in Dänemark. Ich bin jetzt nicht mehr die Jüngste, und ich fand, ich müsste doch irgendwie mit anderen Menschen zusammen sein. Irgendwann geht es ja dann zu Ende, und da wollte ich auch ganz gerne mit meinem Sohn und seiner Familie zusammen sein - und das ist nun der Fall.

Sie sind praktizierende Jüdin, deutsche Jüdin. Seit einigen Jahren erhebt der Antisemitismus in Deutschland wieder sein hässliches Haupt. Neonazis brüllen oft ungestraft rassistische Parolen. Was denken Sie, sind Juden in Deutschland wieder in Gefahr?

Das kann ich nicht sagen, weil ich nicht in Deutschland lebe, aber von außen gesehen verstehe ich, wenn Menschen sagen, wir leben wieder mit gepackten Koffern. Das ist ein Ausdruck, den ich in den 1960er und 1970er Jahren von vielen Juden gehört habe. In den Achtzigern und Neunzigerjahren war das einfach kein Thema. Aber heute ist es wieder so. Das ist doch sehr gefährlich, nicht nur für die Juden, es ist auch gefährlich für das deutsche Volk.

Mit der AfD ist wieder ein rechte, in Teilen extrem rechte Partei stark im Deutschen Bundestag vertreten. Bereitet Ihnen das Sorge?

Ja, aus diesem Grund. In den zwanzig Jahren, in denen ich auf Lesereise war, und auch in der Zeit, in der ich in Deutschland gelebt habe - wenn die Frage gestellt wurde: "Wie fühlen Sie sich in Deutschland?" hatte ich eine ganz einfache Antwort: Das Deutschland heute ist nicht das Deutschland von 1930. Aber inzwischen kann ich das nicht mehr sagen. Heute kann ich leider nur feststellen, dass 2019 von 1930 nicht sehr weit entfernt ist. Und das ist sehr bedrückend.

Ruth Weiss wurde am 26. Juni 1924 als Ruth Löwenthal in Fürth geboren. 1936 emigrierte sie nach Südafrika, wo die Familie in Johannesburg ein Lebensmittelgeschäft betrieb. Als Journalistin kämpfte sie gegen die Apartheid und musste Südafrika deshalb 1966 verlassen. Sie lebte im damaligen Süd-Rhodesien, später Zimbabwe, Sambia und London. 1992 zog sie sich auf die Isle of Wight zurück, um zu schreiben. Zehn Jahre später kehrte sie dauerhaft nach Deutschland zurück und lebte in Lüdinghausen im Münsterland, ehe sie 2015 zu ihrem Sohn nach Dänemark wechselte.

Ruth Weiss: Die Löws – Nachspiel. Eine jüdische Familiensaga in Deutschland. Band 6, Verlag Edition AV 2019, 316 Seiten.

Ruth Weiss: Wege im harten Gras, Erinnerungen an Deutschland, Südafrika und England. Verlag Edition AV 2016, 304 Seiten.

Das Gespräch führte Sabine Peschel.

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