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Südafrika: Operation Dudula macht Jagd auf Migranten

Martina Schwikowski
4. Oktober 2025

Die rechtsextreme Bürgerwehr Operation Dudula nimmt in Südafrika das Gesetz in die Hand und geht gewaltsam gegen Ausländer vor - oft ungestraft. Experten sehen die Ursachen in den sozio-ökonomischen Misständen im Land.

Südafrika | Operation Dudula | Anhänger protestieren vor einem Plakat mit der Aufschrift Operation Dudula
Operation Dudula stellt sich gegen Migranten in Südafrika - hier in Johannesburg. Ausländerhass ist kein neues Phänomen im LandBild: Mohamed Shiraaz/dpa/picture alliance

Mit ihrem Motto "Put South Africans First" ("Gebt Südafrikanern den Vorzug") hat sie offenbar einen Nerv getroffen: Die Bürgerwehr "Operation Dudula" macht zunehmend von sich reden und verstärkt bei vielen Menschen in Südafrika die fremdenfeindliche Stimmung. Fremdenfeindlichkeit ist in der Gesellschaft tief verankert, gewaltsame Übergriffe und Feindseligkeit gegenüber Ausländern - vor allem aus anderen afrikanischen Ländern - sind an der Tagesordnung.

"Dudula" - das heißt so viel wie "herausdrängen". In ihrer jüngsten Kampagne verlangt die militante Gruppe den Ausschluss von Migrantenkindern aus öffentlichen Schulen, solange es nicht genügend Plätze für alle einheimischen Kinder gibt. 

"Ausländer ist zum Feind geworden"

2021 gegründet, um Kriminalität und Drogenhandel in Soweto nahe der Wirtschaftsmetropole Johannesburg zu begegnen, registrierte sich die rechtsgerichtete Bewegung zunächst als politische Partei, ohne jedoch zur Wahl 2024 anzutreten.

Die Operation Dudula gewann seit den sozialen Unruhen im Juli 2021 an Dynamik, als es im ganzen Land, auch in Soweto, zu Plünderungen kam, sagt Fredson Guilengue, Projektmanager in der Linkspartei-nahen Rosa-Luxemburg-Stiftung in Johannesburg. 

In Südafrika kam es 2021 vielerorts zu Unruhen, Plünderungen und GewaltBild: Shiraaz Mohamed/AP Photo/picture alliance

"Später weitete sie sich aus und schloss sich der Erzählung an, dass Kriminalität, Arbeitslosigkeit und schlechter Zugang zur Gesundheitsversorgung mit der Zahl der Ausländer im Land zusammenhängen", sagt Guilengue zur DW. In Johannesburg und Durban sei diese Haltung stärker verbreitet als in Kapstadt.

Migranten als Ursache für Probleme im Land verantwortlich zu machen, ist laut Guilengue nicht neu: "Die Apartheid schuf zwei Gesellschaften in Südafrika: eine Gesellschaft der Weißen mit einem Überfluss an Sicherheit, guter Gesundheit, Bildung und Wohlstand - und eine Gesellschaft der Schwarzen ohne Rechte, eine unorganisierte Gesellschaft ohne Beschäftigung, in der die Menschen um die wenigen verfügbaren Ressourcen konkurrieren mussten", beschreibt er die bis heute bestehenden sozialen Ungleichheiten Südafrikas. In dieser komplizierten Situation seien Ausländer zu Feinden geworden.

Dabei sei Südafrikas Wirtschaft auch heute noch in hohem Maße von billigen ausländischen Arbeitskräften abhängig, insbesondere in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit, in denen Ausländer als Konkurrenten der Einheimischen um die Ressourcen angesehen werden. 

Anschuldigungen, Ausländer würden Südafrikanern ihre Frauen und Arbeitsplätze stehlen, griffen schnell um sich. Diese Erzählung habe Dudula lediglich aufgegriffen und weiterverbreitet. "Aber sie sind nicht die einzigen: Action SA ist eine weitere politische Partei, die sich dem Rechtspopulismus verschrieben hat." 

"Schutz unserer Bürgerrechte"

Anhänger von Dudula dringen gewaltsam in Wohngebäude, suchen nach Migranten, prüfen ihre Ausweise, blockieren Gesundheitszentren.

Angeführt wird die Gruppe von einer jungen Frau, Zandile Dabula. "Es geht eigentlich um den Schutz unserer Bürgerrechte. Wir sind alle Afrikaner, wir lieben unsere Brüder und Schwestern, aber wir schätzen einfach nicht, wie sie sich in diesem Land verhalten", sagt sie in einem DW-Interview.

Vorwürfe einer "Jagd auf Migranten" weist sie zurück: "Die eskalierende Kriminalität, der Drogenhandel, der Menschenhandel: Das ist schlimm. Also muss jemand aufstehen und unser Land zumindest für die nächste Generation retten. Wir schützen, anstatt zu verfolgen", behauptet sie und betont, man gehe lediglich gegen illegale Migranten vor: "Die Leute sollen uns sagen, wo wir sie finden, wir sind von Hinweisen abhängig", so Dabula.

Rechte Aktivisten sehen ihre Rechte durch Migranten im Land bedroht und gehen häufig auch gewaltsam gegen sie vorBild: Milton Maluleque/DW

Doch was ist dran an den Vorwürfen der Operation Dudula? Das Institut für Sicherheitsstudien (ISS) in Pretoria veröffentlichte 2022 eine Untersuchung - mit dem Schluss: "Die Zahl der Migranten in Südafrika wird stark übertrieben. Es gibt etwa 3,95 Millionen Migranten im Land, was etwa 6,5 Prozent der Bevölkerung entspricht. Dies entspricht internationalen Normen."

Ablenkung vom Versagen der Regierung

Eine der Autorinnen ist Lizette Lancaster, Leiterin des Justice and Violence Prevention Programme. "Die falschen Behauptungen, Einwanderer würden die meisten Straftaten begehen oder die öffentlichen Dienste überlasten, werden oft routinemäßig von Politikern und der Regierung geäußert - sie verstärken diese negative öffentliche Stimmung noch", sagt sie im DW-Interview. Der Grund: "So können sie davon ablenken, dass die Regierung aufgrund von Korruption und Misswirtschaft daran scheitert, Dienstleistungen zu erbringen."

Strafrechtliche Daten, die die ISS-Studie heranzieht, zeigen, dass Einwanderer nicht mehr Straftaten begehen als Südafrikaner. Im Gegenteil: Nur etwa 2,3 Prozent der jährlich inhaftierten Strafgefangenen seien Ausländer ohne Aufenthaltsgenehmigung, heißt es in der Studie.

"Die meisten Verbrechen, die in Südafrika aufgedeckt werden, gehen auf südafrikanische Täter zurück, die Verbindungen zu internationalen Akteuren haben könnten. Aber die drastische Kriminalitätslage kann ausschließlich Südafrika selbst angelastet werden", betont Lancaster. 

Laut einer Studie sind in Südafrika die meisten Verbrecher Einheimische, Migranten dagegen begehen relativ wenig VerbrechenBild: Rogan Ward/REUTERS

Dass Einwanderer als Ursache für sozioökonomische Missstände herhalten müssten, sei kein Einzelfall, sondern Teil eines beunruhigenden globalen Trends, sagen die Autoren.

Auch vor Kranken schrecken die Aktivisten offenbar nicht zurück: Im Juli sorgte der Fall einer malawischen Mutter und ihres einjährigen Kindes für Aufsehen. Sie hatte berichtet, sie sei mit ihrem Baby vor dem Gesundheitszentrum der Township Alexandra von Mitgliedern der Operation Dudula abgewiesen worden, weil sie keinen südafrikanischen Ausweis gehabt habe. Ihr krankes Kind starb kurz darauf.

Jetzt hat die linksradikale Partei Economic Freedom Fighters (EFF) Mordanklage erhoben; polizeiliche Ermittlungen gegen Operation Dudula laufen.

Im politischen Kontext würden nur Teile der EFF und die Demokratische Allianz (DA) - der größte Koalitionspartner des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) in der Einheitsregierung - eine starke Gegenposition gegen diese Art von Erzählung und die Dudula-Bewegung darstellen, sagt Guilengue von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. 

"Toxischer Mix" aus Misstrauen gegen Migranten und Polizisten

Der ANC unterstütze einige dieser Narrative, etwa, wenn er sein Einwanderungsgesetz verschärfe. Dadurch werde es für Ausländer mit geringen Qualifikationen und Fähigkeiten fast unmöglich, eine Arbeitserlaubnis zu erhalten.

Häufig kommt es zu Unruhen, kürzlich mobilisierten Anti-Einwanderungsproteste eine beträchtliche Anzahl von Menschen in der ländlichen Provinz KwaZulu-Natal, Durban und Johannesburg. Daraus folgert Guilengue, in der südafrikanischen Gesellschaft gebe es eine "beträchtliche Anzahl von Unterstützern, die vor allem Ausländer beschuldigen." Letztendlich gehe es Operation Dudula um politische Macht. 

Afrikanische Immigranten wie der Äthiopier Abera Jowore (Mitte) besitzen häufig Kioske und sind Ziel ausländerfeindlicher AngriffeBild: DW

ISS-Mitarbeiterin Lancaster sieht jedoch keine Gefahr für Südafrikas Demokratie: Dudula habe nur wenige Anhänger in einigen konzentrierten Gebieten, vor allem in den sich schnell verändernden städtischen Gebieten.

Ihre Hochburg liege in Gemeinden, in denen es nur sehr wenige Arbeitsplätze gebe und sozioökonomische Probleme weit verbreitet seien. "Die Menschen fühlen sich von der Regierung ausgegrenzt und vergessen. Diese Gebiete sind auch stark unterversorgt", sagt sie. "Aber die meisten Südafrikaner, über 90 Prozent, unterstützen nicht die Gewalt gegen Migranten in ihren Gemeinden."

Doch es fehlt an Aufklärung: ISS fordert, Südafrikas statistische Behörde müsse Bevölkerungsdaten für Behörden, Parteien und die breite Öffentlichkeit leichter zugänglich machen.

Derzeit werde die Lage erschwert durch einen "toxischen Mix" aus Misstrauen gegenüber Migranten und korrupten Polizisten, die laut Lancaster gezielt gegen Ausländer vorgehen und von ihnen Schmiergelder bei der Ausweiskontrolle kassieren.

Mitarbeit: Thuso Khumalo in Johannesburg