Südafrika: Militär gegen organisierte Kriminalität?
27. Februar 2026
Südafrika hat eine der höchsten Gewaltverbrechensraten der Welt. Im Jahr 2024 wurden 26.232 Morde registriert - etwa 72 pro Tag -, was einer Mordrate von fast 42 pro 100.000 Menschen entspricht. Immerhin: Die Daten aus dem Jahr 2025 zeigen einen Rückgang der Morde um 12,4 Prozent (5.727 Fälle) und weniger schwere Übergriffe. Aber diese Fortschritte haben das Gesamtbild nicht verändert: Gewalt ist immer noch weit verbreitet, und viele Südafrikaner fühlen sich unsicher.
"Die hohe Gewaltrate wird oft mit der Tatsache in Verbindung gebracht, dass wir zu den ungleichsten Gesellschaften der Welt gehören, was die Verteilung des Reichtums angeht - im Zusammenspiel mit hohen Armutsraten und korrupter Polizeiarbeit", sagt Ryan Cummings, Leiter der Analyseabteilung des Beratungsunternehmens Signal Risk mit Sitz in Kapstadt, gegenüber der DW.
Laut Statistiken konzentriert sich die Kriminalität stark auf die Provinzen Westkap (zu der auch die zweitgrößte Stadt Kapstadt gehört), Ostkap, KwaZulu-Natal (mit Durban) und Gauteng (mit den Städten Johannesburg, Pretoria und Soweto), die durchweg die höchsten nationalen Zahlen zur organisierten Kriminalität aufweisen. Pierre de Vos, Professor für Verfassungsrecht an der Universität Kapstadt, führt das auf Bandenwesen zurück. "Die Gebiete werden von den verschiedenen Banden kontrolliert. Dann kämpfen die Banden gegeneinander, und Menschen werden erschossen", so de Vos im DW-Gespräch.
Entführungen und bewaffnete Raubüberfälle nehmen weiter zu, wobei die Entführungen im ersten Quartal 2025 um 6,8 Prozent gestiegen sind. Einbruchdiebstahl ist nach wie vor das häufigste Delikt in Privathaushalten, obwohl die Zahl der Eigentumsdelikte Ende 2024 im Vergleich zum Vorjahr um 8,5 Prozent zurückging. Sexualstraftaten, insbesondere Vergewaltigungen, nehmen weiter zu. Vergewaltigung macht 79 Prozent der Sexualstraftaten aus und ist die einzige Kategorie von so genannten Kontaktdelikten, die im Vergleich zum Vorjahr zugenommen hat.
Ramaphosas Wagnis, das Militär einzusetzen
Vor diesem Hintergrund kündigte Präsident Cyril Ramaphosa in seiner Rede zur Lage der Nation am 12. Februar an, dass er die South African National Defence Force (SANDF) zur Unterstützung der Polizei entsenden werde. Er nannte das organisierte Verbrechen "die unmittelbarste Bedrohung für unsere Demokratie, unsere Gesellschaft und unsere wirtschaftliche Entwicklung".
Der Schritt ist Teil eines umfassenderen nationalen Sicherheitsprogramms. Darüber hinaus sollen 5.500 zusätzliche Polizeibeamte eingestellt, Nachrichtendienste und Überwachung verbessert werden. "Die Polizei und die SANDF arbeiten derzeit an der Fertigstellung von Einsatzplänen, die der Präsident dem Parlament vorlegen wird", sagte Präsidentensprecher Vincent Magwenya in einer schriftlichen Antwort auf Fragen der DW zum Zeitplan. Ramaphosa werde die Abgeordneten schriftlich über Termine, Personalstärke und Kosten des Aufwuchses informieren. Gemäß der südafrikanischen Verfassung muss der Präsident das Parlament schriftlich über alle Militäreinsätze informieren.
Einige Beobachter vermuten hinter Ramaphosas Ankündigung den Versuch, seine Regierungspartner zu beschwichtigen. "Es könnte sich um eine Forderung der Demokratischen Allianz (DA) handeln, die Koalitionspartner in der Regierung der Nationalen Einheit (GNU) ist", sagt Verfassungsrechtler de Vos - und fügt hinzu, dass auch die Staatsanwaltschaft schon früher ähnliche Forderungen gestellt habe.
De Vos ist der Ansicht, dass die Truppen möglicherweise eine aufbauende Ausbildung benötigen werden, bevor sie an der Seite der Polizei eingesetzt werden können. Der Einsatz wird sich nach jetzigem Stand vor allem auf von Bandenkriminalität betroffene Gemeinden im Westkap und auf besonders betroffene Gebiete in Gauteng konzentrieren.
Ramaphosa forderte die Polizei- und Militärführung auf, "innerhalb weniger Tage" einen taktischen Plan auszuarbeiten. Er sagte, dass Kinder im Westkap in Bandengewalt verwickelt seien, während illegale Minenarbeiter, Zama Zamas genannt, die Bewohner in Gauteng vertreiben würden.
Beifall und Besorgnis über den bevorstehenden Einsatz der Armee
"Was Kriminalität und insbesondere Gewaltverbrechen angeht, ist die Rate in der Cape-Flats-Region von Kapstadt besonders hoch", sagt Risikoanalyst Cummings. Er fügt hinzu, dass Armee und Polizei hier schon zuvor erfolgreich zusammengearbeitet hätten. Viele Bewohner von Gebieten, die besonders von Kriminalität betroffen sind, heißen die Entscheidung gut - doch es gibt auch Menschen, denen die Vorstellung einer langfristige Einbindung des Militärs bei der zivilen Polizeiarbeit Sorgen bereitet.
Der südafrikanische Minister für Sport, Kunst und Kultur, Gayton McKenzie, der auch Vorsitzender der einwanderungsfeindlichen Partei "Patriotische Allianz" ist, sagte der DW, er sei von Ramaphosas Entscheidung "beeindruckt" - und er sei zufrieden, dass Ramaphosa über "illegale Ausländer und Unternehmen, die illegale Ausländer einstellen" gesprochen habe.
Andere südafrikanische Politiker kritisierten den Plan des Präsidenten. "Das war eine Verschwendung von 7 Millionen Rand (343.000 Euro)", sagte Mzwanele Manyi, ein Abgeordneter der erst 2023 gegründeten Oppositionspartei Umkhonto we Sizwe.
Das südafrikanische Militär wird regelmäßig zur Unterstützung beim Grenzschutz, insbesondere an der Grenze zu Simbabwe, herangezogen, um Schmuggel und Menschenhandel einzudämmen. Im Inland operiert sie normalerweise nicht. Und doch gibt es Präzedenzfälle, zuletzt während der Corona-Pandemie und während der Unruhen im Juli 2021 zur Unterstützung der südafrikanischen Polizei.
Gesucht: Imagepolitur für Südafrikas Polizei
Die Polizei hat nach Korruptionsskandalen nicht gerade den besten Ruf im Land. Mitte 2025 beschuldigte der Polizeipräsident von KwaZulu-Natal hochrangige Beamte, darunter auch Polizeiminister Senzo Mchunu, sich in Ermittlungen eingemischt zu haben, mit Gruppen des organisierten Verbrechens zusammenzuarbeiten und zu versuchen, Einheiten, die politische Morde untersuchen, zu schließen.
Ramaphosa setzte daraufhin eine Justizkommission ein, suspendierte Mchunu und leitete eine parlamentarische Untersuchung ein. "Es gibt viele Probleme mit der Polizei", sagte de Vos. "Bis zu einem gewissen Grad wurde sie politisiert, oder die Leute, die in der Polizei korrupt sein wollten oder die Polizei korrumpieren wollten, gingen politische Bündnisse mit Leuten in der Polizei ein."
Weitere Berichte gaben Anlass zur Besorgnis über korrupte Vertragsabschlüsse, Einmischung in politisch heikle Fälle und Verbindungen zwischen Beamten und kriminellen Kartellen. Analysten warnen, dass ohne dringende Reformen die Kontrolle des Justizsystems durch Syndikate ein "reales Risiko des totalen Zusammenbruchs" darstellen könnte.
Dianne Hawker-Kalubi und Thuso Khumalo in Johannesburg haben zu diesem Artikel beigetragen. Dieser Artikel wurde aus dem Englischen adaptiert.