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PolitikAsien

Südkorea: Neue Nord-Politik von Präsident Lee

Julian Ryall aus Tokio
3. Januar 2026

Sein Amtsvorgänger war für den harten Kurs gegenüber Nordkorea bekannt. Nun will Südkoreas Präsident Lee den Umgang mit dem kommunistischen Nachbarn neu gestalten. Seine Devise: Brücken bauen statt Konfrontationen.

Südkorea Hanam 2025 | Lee Jae-myung bei einer Wahlkampfveranstaltung
Bild: Kim Hong-Ji/REUTERS

Die Abkehr von seinem Vorgänger Yoon Suk Yeol ist deutlich: Der südkoreanische Präsident Lee Jae Myung pflegt den ersten sieben Monaten seiner Amtszeit eine moderate Haltung gegenüber Nordkorea. Schon in seinem Wahlkampf hatte er angekündigt, dem Regime in Pjöngjang eher mit Zuckerbrot als mit Peitsche zu begegnen. In den letzten Wochen hat Seoul nun mehrere Initiativen zur Wiederaufnahme der Kommunikationskanäle mit Nordkorea gestartet.

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Die koreanische Halbinsel ist seit 1948 geteilt. Seitdem regieren Diktatoren der Herrscherfamilie Kim die Volksrepublik auf der nördlichen Hälfte. Im Süden konnte nach ständigem Wechsel zwischen Demokratie und Militärdiktatur erst 1987 dauerhaft ein demokratisches System etabliert werden.

Seit dem Ende des Koreakriegs 1953 befinden sich beide Länder offiziell noch im Kriegszustand, da der Krieg mit einem Waffenstillstandsabkommen endete. Vom Frieden war davon nicht die Rede gewesen. Die Spannung an der innerkoreanischen Grenze bleiben seither bestehen.

Lee gibt bei Denuklearisierung nach

Das nordkoreanische Atomprogramm ist nach wie vor das größte Hindernis für mögliche Friedensverhandlungen. Südkoreas Ex-Präsident Yoon hatte auf die Denuklearisierung als Vorbedingung für jegliche Gespräche über die Zukunft gesehen. Pjöngjang lehnte das kategorisch ab.

"Präsident Yoon und Präsident Lee wollen beide, dass nach dem letzten Atomtest Nordkoreas im September 2017 Ruhe in die innerkoreanischen Beziehungen zurückkehrt", sagt Choo Jae-woo, Professor für Außenpolitik an der Kyung Hee University in Seoul.

Die Wege dahin unterscheiden sich aber. Der neue Präsident Lee habe die Denuklearisierung auf der Prioritätenliste nun nach unten verschoben und betrachte sie jetzt als "endgültiges Ziel", sagt Choo, und nicht mehr als eine Voraussetzung für Gespräche. "Lee möchte der Stabilität und der friedlichen Koexistenz Vorrang einräumen und hält jeden Schritt, der dazu beiträgt, für vernünftig und gerechtfertigt."

Mitte Dezember hat Lee eine Stabsstelle für Nordkorea-Politik wieder aktiviert. Sie soll einen Dialogmechanismus in militärischen Angelegenheiten etablieren und Verhandlungen zum Abbau von Spannungen und zum Aufbau vom Vertrauen vorbereiten. Unter seinem Vorgänger Yoon war sie eher eine "Abteilung für Nordkoreasanktionen" gewesen.

Taekwondo-Diplomatie

Ebenso erwägt das südkoreanische Vereinigungsministerium die Aufhebung einiger Sanktionen, die 2010 wegen der Torpedierung der südkoreanischen Korvette Cheonan durch ein nordkoreanisches U-Boot verhängt worden waren. Bei diesem Vorfall kamen 46 südkoreanische Seeleute ums Leben. Damals reagierte Seoul mit der Aussetzung des grenzüberschreitenden Handels und mit Beschränkungen von Reisen nach Nordkorea.

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Diese wollte Lee jetzt lockern und eine Umgehungslösung vorgeschlagen. Südkoreaner, die nach Nordkorea wollen, sollen nun auch dahin reisen dürfen und zwar über China. Letzte Woche hob Seoul das Verbot für nordkoreanische Zeitungen auf. Die Rodong Sinmun, die offizielle Zeitung der nordkoreanischen Arbeiterpartei, kann nun auch im Süden gelesen werden.

Außerdem hat Lee in seiner Regierung die neue Position eines Friedensbeauftragten für die Halbinsel geschaffen, der mit der Suche nach neuen diplomatischen Kanälen zur Wiederaufnahme der Gespräche mit Nordkorea beauftragt ist. Er möchte einen Vorschlag aus dem Jahr 2018 wieder aufgreifen, wonach Nord- und Südkorea gemeinsam bei der UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) beantragen sollen, die Kampfkunst Taekwondo als "immaterielles Weltkulturerbe" anzuerkennen.

Weniger Militärübung, mehr Gespräche

Insgesamt hat Südkorea 2025 die Anzahl und den Umfang ihrer Militärmanöver reduziert. Nordkorea beschuldigt den südlichen Nachbarn immer wieder, eine Invasion auf den Norden zu planen, auch mit den US-Streitkräften. Die US-Armee betreibt ihren größten Überseestützpunkt, Camp Hamphrey, in Südkorea.

Der südkoreanische Vereinigungsminister Chung Dong-young fordert nun eine Verringerung der militärischen Aktivitäten zugunsten der Diplomatie. "Es ist unmöglich, Gespräche zwischen Nordkorea und den USA zu führen, während gleichzeitig Militärübungen zwischen Südkorea und den USA stattfinden", sagte Chung im November.

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Chungs Ministerium wies allerdings Berichte zurück, dass Nordkorea offiziell als einen eigenständigen Staat anerkannt werden sollte. Südkorea glaubt bisher, dass Süd- und Nordkorea eines Tages zu einem gemeinsamen koreanischen Staat wiedervereinigt werden sollten.

"Einige konservative Politiker sagen, dass Präsident Lee naiv oder unrealistisch und seine Pläne einfach nicht pragmatisch wären. Aber er scheint sehr entschlossen zu sein, diesen Weg weiterzugehen", sagt Dan Pinkston, Professor für Internationale Beziehungen am Campus der Troy University in Seoul. "Es ist klar, dass der harte Kurs vom Ex-Präsident Yoon keinen Erfolg hatte. Aber es gibt einige, die jetzt argumentieren, dass Lees Ansatz riskant sei und die Gesellschaft in Gefahr bringen könnte."

Kim hat Freunde in Moskau und Peking

Nordkorea hat nicht auf die Annäherungsversuche aus Seoul reagiert. Für Pinkston ist das keine Überraschung:  "Es ist immer schwierig, die Handlungen des Nordens vorherzusagen. Aber es ist auch klar, dass Kim nun die wirtschaftliche und militärische Unterstützung Russlands hat. Warum sollte er also jetzt mit dem Süden verhandeln?"

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Tatsächlich scheinen Pjöngjang und Moskau sich näher zu sein als je zuvor. Nordkorea hat Truppen zur Unterstützung Russlands im Krieg gegen die Ukraine entsandt und auch Munition an Moskau geliefert. Als Gegenleistung hat Russland einem gegenseitigen Rüstungspaket und einem strategischen Partnerschaftsabkommen zugestimmt.

China, traditionell der engste Verbündete Nordkoreas, scheint ebenfalls nicht bereit zu sein, Pjöngjang zu Zugeständnissen gegenüber Seoul zu drängen. Kürzlich hat Machthaber Kim Jong Un Südkorea zum "Hauptfeind des Nordens" erklärt.

"Nordkorea weiß, dass seine Macht sicher ist, solange es die Unterstützung Chinas und Russlands hat. Und solange der Krieg in der Ukraine andauert und Russland seine Hilfe braucht, sieht Pjöngjang keine Notwendigkeit für Gespräche mit den USA oder Südkorea", sagt Experte Choo.

Aus dem Englischen adaptiert von Dang Yuan

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