Weiteres Umspannwerk attackiert: Sabotage in Serie?
2. September 2026
Nach einer Störung in einem Umspannwerk in Bergheim bei Köln sieht der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul den "Anfangsverdacht einer verfassungsfeindlichen Sabotage". Unbekannte hätten Kabel über die Oberleitung gebracht und so einen Kurzschluss verursacht.
"Das war Absicht. Wer da rangeht, greift unser Land an", fügte der CDU-Politiker hinzu. "Wir prüfen zwei Richtungen: fremdstaatlich gelenkte Sabotage und Linksextremismus." Auch werde untersucht, ob es einen Zusammenhang mit dem Anschlag auf die Stromversorgung in Brandenburg gebe.
"Kurzzeitige Leitungsunterbrechung"
In dem ostdeutschen Bundesland hatten Einsatzkräfte am Dienstag in einem Umspannwerk beim Kohlekraftwerk Jänschwalde mehrere sogenannte unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen gefunden. Eine davon soll detoniert sein; es kam zu einer "kurzzeitigen Leitungsunterbrechung", wie der Betreiber mitteilte. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen der Bildung einer terroristischen Vereinigung und des Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion.
Die Fahnder in den betroffenen Bundesländern stehen nach Angaben des Landeskriminalamts in Baden-Württemberg miteinander im Austausch. Auch dort hatte es mutmaßliche Sabotagefälle gegeben. So waren infolge eines Brandes in einem Umspannwerk in Reutlingen im Juni etwa 40.000 Menschen zeitweilig ohne Strom. Hier gehen die Ermittler ebenfalls von einer geplanten Tat aus.
Grelle Lichtblitze
In NRW wurde die Polizei nach eigenen Angaben am Dienstag gegen 20 Uhr zu dem Umspannwerk des Unternehmens Amprion in Bergheim gerufen. Es seien grelle Lichtblitze zu sehen gewesen. Ein Kurzschluss habe mehrere Leitungen betroffen. Laut Wirtschaftsministerin Mona Neubaur mussten deswegen fünf Braunkohle-Kraftwerksblöcke im Rheinischen Revier vom Netz gehen. In diesem Fall sei jedoch die Stromversorgung zu keinem Zeitpunkt gefährdet gewesen, so die Grünen-Politikerin.
Während der erste der betroffenen Blöcke an diesem Mittwochmorgen erneut ans Netz ging, könnte sich die komplette Wiederinbetriebnahme bis zum Wochenende hinziehen. Die Braunkohleblöcke mit einer grundsätzlichen Kraftwerkskapazität von insgesamt rund 4200 Megawatt hätten zum Zeitpunkt des Vorfalls rund 3000 Megawatt ins Stromnetz eingespeist, schilderte ein Sprecher des Betreibers RWE Power.
"Sechs Abschussvorrichtungen"
Das Gelände rund um das Umspannwerk wurde nach dem Vorfall weiträumig abgesperrt. Über dem Areal kreiste ein Polizeihubschrauber. In einem angrenzenden Maisfeld hätten die Beamten "insgesamt sechs Abschussvorrichtungen" gefunden, die vermutlich mit der Tat in Zusammenhang stünden, sagte der Kölner Kriminaldirektor Michael Esser vor Journalisten in Essen.
Es sei davon auszugehen, dass die Vorrichtungen so gebaut waren, dass pyrotechnische Gegenstände einen Draht in die Höhe transportieren konnten. Dieser habe sich möglicherweise über die Stromleitung gelegt, wodurch es zu einer Erdung kam, erläuterte Esser. Ein dabei eingesetzter Draht sei verglüht und habe den Zaun beschädigt. Die Polizei in Essen führt den Einsatz, weil sie auf derartige Szenarien vorbereitet ist. Umspannwerke sind zentral für die Stromversorgung; sie gehören zu den empfindlichsten Punkten im Stromnetz.
Mehrtägiger Stromausfall
In den vergangenen Monaten hatte es weitere Straftaten in Deutschland gegeben, die sich gegen die Strominfrastruktur richteten. So zündeten mutmaßlich Linksextreme vor einem Jahr mehrere Starkstromkabel eines Technologieparks in Berlin an und verursachten einen Stromausfall, von dem Zehntausende Menschen betroffen waren. Im Januar wurden bei einem weiteren Anschlag in der Hauptstadt etliche Hoch- und Mittelspannungskabel auf einer Kabelbrücke zerstört. Durch den mehrtägigen Ausfall der Stromversorgung versagten - bei eisiger Kälte - auch zahlreiche Zentralheizungen ihren Dienst. Tausende Berliner flüchteten sich zu Freunden, Bekannten und in Hotels.
Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) forderte als Reaktion auf die jüngsten Angriffe die Politik auf, kritische Infrastruktur besser zu schützen. VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing sagte: "Es kann uns jederzeit an jedem Ort treffen." Trotz aller Vorkehrungen, die in den Unternehmen bereits getroffen würden, gebe es "keine 100 Prozent Sicherheit". Der Interessenverband wünscht sich von Bund und Ländern auch finanzielle Unterstützung für wirksame Schutzkonzepte.
Strengere Vorgaben
Die Bundesregierung will den Schutz kritischer Infrastruktur auch vor physischen Gefahren mit dem sogenannten KRITIS-Dachgesetz erhöhen, das im März in Kraft trat. Betreibern werden strengere Vorgaben zur Abwehr von Angriffen gemacht. Unter anderem mit Zäunen, Zugangsbeschränkungen und einer Identifizierung von Schwachpunkten sollen Risiken begrenzt werden, um Attacken von Kriminellen, politischen Extremisten oder ausländischen Mächten vorzubeugen. Mit dem Gesetz wird im Kern eine EU-Richtlinie in deutsches Recht umgesetzt.
jj/pgr (dpa, afp, rtr, epd)
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