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Sachsen-Anhalt: Chemie, Experimente - und eine starke AfD

30. August 2026

Sachsen-Anhalt ist strukturschwach und ländlich geprägt. Könnte es das erste Bundesland werden, in dem die teilweise rechtsextreme AfD regiert?

Das Bild zeigt eine Stadtansicht der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt, Magdeburg, mit dem Fluss Elbe und dem Dom im Hintergrund
Die Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt: Magdeburg mit dem Dom in Zentrum, dem größten Sakralbau in den ostdeutschen Bundesländern Bild: Heiko Kueverling/Zoonar/picture alliance

Sachsen-Anhalt: Das ist ein Bundesland in der Mitte Deutschlands mit vielen Traditionen. Aus dem heutigen Sachsen-Anhalt stammten viele der weltberühmten Architekten des Bauhauses in Dessau. In Eisleben und vor allem in Wittenberg wird an den großen Reformator Martin Luther gedacht. Hier schlug er seine berühmten 95 Thesen an die Schlosskirchen-Tür und löste die Reformation aus.

In Sachsen-Anhalt liegt das Chemiedreieck rund um Leuna und Bitterfeld im Osten des Bundeslandes mit heute noch rund 10.000 Arbeitsplätzen. Es gibt das Mittelgebirge Harz im Westen. Der europäische Fluss Elbe durchfließt das Land vom Osten kommend Richtung Norden. Der Süden des Landes muss sich im Strukturwandel nach dem Beschluss zum Ausstieg aus der Braunkohle neu erfinden. Die Arbeitslosigkeit ist etwas höher als in Deutschland insgesamt.

Sachsen-Anhalt ist mit rund 2,1 Millionen Einwohnern ein vergleichsweise bevölkerungsarmes Land. Nur zwei Städte, die Landeshauptstadt Magdeburg und Halle, haben über 200.000 Einwohner.

Trotzdem werden im September 2026 auch internationale Medien ihren Blick auf dieses kleine ostdeutsche Bundesland richten: Denn in Sachsen-Anhalt könnte erstmals in der deutschen Nachkriegsgeschichte ein Kandidat einer Partei Regierungschef werden, die vom Verfassungsschutz als in Teilen "gesichert rechtsextrem" eingestuft wird. Die Partei "Alternative für Deutschland" (AfD) mit ihrem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund steht in allen Umfragen klar vorne.

AfD liegt in den Umfragen weit vorn

Auf 42 Prozent Zustimmung kommt die AfD in Sachsen-Anhalt in einer ARD-Umfrage gut eine Woche vor der Wahl. Die Konservativen von der CDU, die das Land die meiste Zeit seit der Gründung 1990 regiert haben, liegen abgeschlagen bei 22 Prozent.

Das Landesamt für Verfassungsschutz stuft die AfD als "gesichert rechtsextrem" ein, den Zustimmungswerten in der Bevölkerung hat das bislang nicht geschadet. Die Linke liegt in den Umfragen bei 11, die SPD bei acht Prozent. Ob die Grünen und die FDP es wieder in den Landtag schaffen, ist fraglich.In der aktuellen ARD-Umfrage kommen nur die Grünen mit sechs Prozent an Zustimmung in den Landtag.

Wie eine Art Weckruf klangen die Worte des früheren CDU-Ministerpräsidenten Reiner Haseloff. Er kündigte im Sommer 2025 an, das Land verlassen zu wollen, sollte die AfD an die Macht kommen. Dem Nachrichtenmagazin "Spiegel" sagte Haseloff damals: "Ich will nicht in einem Land leben, in dem die AfD an der Macht ist." Die AfD stellt bisher 23 von 97 Abgeordneten im Landesparlament.

Im Landtag in Magdeburg, so Haseloff, habe er schon oft das Gefühl gehabt, "in der letzten Phase der Weimarer Republik im Reichstag zu sitzen oder später im Berliner Sportpalast". Die Weimarer Republik war der erste demokratische deutsche Staat und endete 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Im Berliner Sportpalast hatte der Propagandaminister der Nationalsozialisten, Joseph Goebbels, ein enger Vertrauter Adolf Hitlers, 1943 den "totalen Krieg" ausgerufen.

Im Januar 2026 gab Haseloff nach 15 Jahren sein Amt auf, sein Nachfolger Sven Schulze (ebenfalls CDU) muss nun gegen die AfD ankämpfen. Gelingt das nicht, endet im September eine lange Ära von CDU-geführten Landesregierungen. Zuletzt regierten die Konservativen zusammen mit den Sozialdemokraten und der FDP.

Sachsen-Anhalt: Schulze warnt vor AfD an der Macht

16:34

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Experiment 1994: Minderheitsregierung von der PDS toleriert

Von 1994 bis 2002 produzierte Sachsen-Anhalt schon einmal politische Schlagzeilen: Im Juli 1994 schmiedete der mittlerweile verstorbene Sozialdemokrat Reinhard Höppner zusammen mit den Grünen eine Minderheitsregierung, die durch die PDS, die Nachfolgepartei der DDR-Regierungspartei SED, toleriert wurde.

Eine Zusammenarbeit mit den Erben der DDR-Staatspartei, nur fünf Jahre nach dem Fall der Mauer zwischen den beiden deutschen Staaten: Das wurde im ganzen Land vor allem von Konservativen als Tabubruch gewertet.

1998: Erfolg der rechtsextremen DVU

Später, bis zum Mai 2002, regierte Höppner dann allein, ohne die Grünen, und war dabei wiederum auf die Stimmen der PDS angewiesen. Von einem "Magdeburger Modell" war bald die Rede: Die PDS und später ihre Nachfolgerin Linkspartei gelangten in der Folge auch in anderen Bundesländern mit in die Regierungsverantwortung. Sachsen-Anhalt hatte den Anfang gemacht.

Er möchte der nächste Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt werden: AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund Bild: Marco Bader/HMB-Media/IMAGO

Das Potenzial, extreme Parteien zu wählen, war in Sachsen-Anhalt schon früher höher als in anderen Landesteilen: 1998 gelang der als rechtsextrem eingestuften "Deutschen Volksunion" (DVU)  mit 12,9 Prozent der Sprung in den Landtag. Allerdings verzichtete die völlig zerstrittene Gruppierung bei der Landtagswahl 2002 darauf, erneut anzutreten.

Wie würde die AfD das Land verändern?

Für die hohen Umfragewerte der AfD heute machen Experten die große Unzufriedenheit vieler Menschen in Sachsen-Anhalt mit der aktuellen Lage in Deutschland verantwortlich. Nach der Wende 1989 sind viele Arbeitsplätze verloren gegangen, im Braunkohletagebau, in der Chemieindustrie. 

Viele junge Menschen verließen das Land und kehrten nicht zurück. Zahlreiche Menschen sind Gegner von weiterer Migration, dabei liegt der Ausländeranteil an der Bevölkerung mit acht bis neun Prozent weit unter dem Bundesschnitt.

Das Beispiel der DVU von vor rund 25 Jahren zeige, so zahlreiche Beobachter: Schon lange verfügten rechtsradikale Gruppierungen in Sachsen-Anhalt über einen festen Kern an Wählern, der die heutige AfD stütze, unabhängig von Wahlprogrammen.

Der Politikwissenschaftler Benjamin Höhne von der Universität Chemnitz in Sachsen sagte dem "Deutschlandfunk", er gehe davon aus, dass die AfD im Fall einer Regierungsübernahme in Sachsen-Anhalt einen Umbau der Verfassungsordnung plane. Liberale, rechtsstaatliche Normen sollten systematisch zurückgebaut werden: "Ich glaube, da schaut man in der AfD derzeit auch sehr aufmerksam in die USA." Dort verfolgt die Regierung von Präsident Donald Trump einen ähnlichen Kurs.

Höhne glaubt aber, dass derartige radikale Programme in nur einem Bundesland kaum durchsetzbar sind: "Da kann nicht in einem Bundesland der Hebel umgeworfen werden und alles folgt dem Rechtsaußen-Drehbuch."

Sicher scheint zu sein: Am 6. September schauen viele Menschen in Europa und an anderen Orten auf der Welt auf das kleine Bundesland in der Mitte Deutschlands.

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