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In Sachsen hat der Corona-Winter schon begonnen

Luisa von Richthofen
9. November 2021

In Sachsen schießen die Corona-Zahlen durch die Decke. Die Menschen dort müssen sich auf schärfere Regeln einstellen - und sind zerrissen darüber. Eine Reportage aus Bautzen.

Coronavirus in  Bautzen Sachsen
Bautzen in Sachsen hat eine der höchsten Ansteckungsraten DeutschlandsBild: Luisa von Richthofen/DW

Umstrittene 2G-Regel in Sachsen

02:40

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Sie kennen das schon, die Bautzener: Erst schnellen die Infektionszahlen hoch, dann kommen die neuen Einschränkungen. Und dann noch diese Journalisten aus Berlin. Dabei sind sie nur noch müde, die Bewohner der Stadt mit den vielen Türmen.

Ihnen geht es damit wie vielen anderen am Ende des zweiten Corona-Jahres. Doch das ist dem Virus letztlich auch egal. Es wütet weiter. Am vergangenen Freitag verzeichnete Deutschland die höchste Zahl an Corona-Neuinfektionen . Und wer nach Sachsen fährt, bekommt schon einen Vorgeschmack davon, wie die vierte Welle aussehen könnte.

Sachsen steht vor einem neuen Lockdown

Denn die Sachsen befinden sich bereits auf dem Wellenkamm. Die Inzidenzzahl im Landkreis Bautzen liegt bei 645,3, dreimal so hoch wie der Bundesdurchschnitt. Die Intensivstationen in der Stadt sind schon jetzt so sehr belastet, dass man dort Operationen verschiebt. Was ihre Tochter, eine Ärztin, dort erlebe, sei erschreckend, erzählt uns eine Bautzenerin, die gerade von einem Besuch zurückkommt.

Die Idylle trügt: Die Bevölkerung Bautzens ist bei den Anti-COVID-Maßnahmen tief gespaltenBild: Luisa von Richthofen/DW

Sachsens Landesregierung greift nun durch und hat neue Maßnahmen durchgesetzt. Unter anderem dürfen seit Anfang dieser Woche Restaurants und Museen nur die reinlassen, die geimpft oder genesen sind. Es ist die sogenannte 2G-Regelung. Ein negativer Test reicht nicht mehr aus.

Auf den Bautzener Straßen herrscht Uneinigkeit. Die meisten finden die Maßnahmen in Anbetracht der Zahlen richtig. Manche sagen aber auch, 2G sei eine "Impflicht durch die Hintertür". "Für mich ist sie eine Erpressung von oben, ganz einfach", sagt uns eine junge Frau. Sie hält an ihrer Entscheidung, sich nicht impfen zu lassen, fest. "Es ist mein Körper und ich entscheide."

Café-Inhaberin: "Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll"

Ramona Hoerold macht sich aus anderen Gründen Sorgen. Sie betreibt seit elf Jahren das Café "Enjoy" am Marktplatz. Der Lockdown im letzten Jahr hat dem Geschäft schon ganz schön zugesetzt. Und nun fängt es wieder an. Bereits am Vormittag kam die erste Absage. Eine Taufe, 32 Leute. Aufgrund der 2G-Regel kann ein Teil der Gäste, Ungeimpfte, nicht mehr ins Restaurant. Sie rechnet mit 50 Prozent Einbußen.

Ramona Hoerold klagt über starke Einbußen, erst durch den Lockdown, jetzt durch die 2G-RegelBild: Luisa von Richthofen/DW

Die Politiker treiben die kleinen Gastronomen in den Ruin, sagt sie. "Wir haben uns jahrelang ein gutes Unternehmen aufgebaut, was gut läuft, was die innerhalb von anderthalb Jahren kaputt machen." Hoerolds Stimme zittert etwas. Sie weiß auch nicht, wie es weitergehen soll. 

Statt Druck auf Ungeimpfte Vertrauen wiederherstellen

Bautzens SPD-Oberbürgermeister Alexander Ahrens hat den Eindruck, man wolle mit den Maßnahmen vor allem den Druck auf die Ungeimpften erhöhen. Gerade in Sachsen ist die Impfquote besonders niedrig. Mit rund 57 Prozent bei der Zweitimpfung liegt sie rund zehn Prozentpunkte unter dem Bundesdurchschnitt. Und gerade die Ungeimpften sind es, die besonders häufig auf der Intensivstation landen. Laut einer MDR-Recherche sind zwei Drittel der Patienten auf  Intensivstationen in den mitteldeutschen Bundesländern Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt nicht geimpft.

Bautzens SPD-Bürgermeister Ahrens: "Druck ist kontraproduktiv"Bild: Luisa von Richthofen/DW

Der Bürgermeister glaubt, dass nur mehr Impfungen das Ende der Pandemie bringen können. Doch er bezweifelt, dass die neuen Einschränkungen mehr Leute dazu bewegen werden, sich impfen zu lassen. An den hohen Wänden seines Büros hat er zeitgenössische Kunst aufgehängt, Zeugnisse seiner Vergangenheit als Jurist in Shanghai und Berlin. Und gerade der Jurist in ihm ist besorgt über weitere Einschränkungen für ungeimpfte Menschen. "Gerade bei Menschen, die verunsichert sind, oder bei Menschen, die Gewissensentscheidungen treffen, ist so ein Druck eher kontraproduktiv." Vielmehr müsse man sich überlegen, wie man Vertrauen in staatliche Institutionen wiederhergestellt bekomme, das über viele Jahre verspielt worden sei."Mit solchen Aktionen hat man Bautzen keinen Gefallen getan."

Montagsabends wird gegen "Corona-Tyrannei" protestiert

Der Abend am Bautzener Kornmarkt zeigt, dass Ahrens noch viel Überzeugungsarbeit vor sich hat. Wie jeden Montag versammeln sich hier sogenannte Querdenker. Es sind ca. 500 Menschen, eine eher kleine Gruppe, gemessen an der Gesamtbevölkerung der Stadt.

Montagsabends versammeln sich Menschen zum "Widerstand" gegen die Corona-PolitikBild: Luisa von Richthofen/DW

Dafür sind sie besonders laut. Die Demonstranten, darunter auch viele Eltern mit Kindern, ziehen mit Kerzen durch die Stadt, rufen "Jede Spritze ist zuviel" und sehen sich als die letzten Widerständler gegen eine Politik, die der AfD-Bundestagsabgeordnete Karsten Hilse in einer Rede an dem Abend als "Tyrannei" bezeichnet. "Es ist eine faschistoide Maßnahme, es ist Ausgrenzung von ganzen Bevölkerungsgruppen und das ist Volksverhetzung!", raunt der Mann ins Mikrofon.

Auch wenn die Veranstalter angeben, sie wollten zu einem friedlichen Dialog mit Andersdenkenden beitragen: Kein einziger der Teilnehmer will mit uns, die sie als "Lügenpresse" betrachten, reden. Viel eher werden wir im Laufe des Abends beschimpft oder angeprangert, weil wir eine Maske tragen. In Zwickau wird am selben Abend bei genau so einem "Spaziergang" ein Kamerateam angegriffen.

Die Reise nach Sachsen zeigt: Die Bautzener wollen einfach nur, dass die Pandemie ein Ende nimmt. Darin sind sie sich einig. Aber an der Frage, wie das erreicht wird, spaltet sich die Stadt. Dabei hat der Corona-Winter in Deutschland gerade erst begonnen.

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