"Psychische Erkrankungen im Sport dürfen kein Tabu sein"
25. Dezember 2025
Die Entscheidung ist Säbelfechterin Léa Krüger nicht leicht gefallen. In diesem Sommer hat die 29-Jährige ihre Karriere beendet und ist vom Leistungssport zurückgetreten. "Es war ein Zusammenspiel zwischen physischer und mentaler Gesundheit", sagt sie im DW-Interview. "Ich habe realisiert, dass ich aufgrund einer Verletzung meinen Körper nicht mehr so leicht auf dieses hohe Niveau, auf dem ich einmal war, pushen kann."
Eine Fortsetzung ihrer Karriere wäre nur mit vielen Grenzüberschreitungen möglich gewesen und dazu, so die Sportlerin, sei sie nicht mehr bereit gewesen. Besonders mental habe sie sich nicht mehr in der Lage gesehen, diese Grenzen zu überschreiten.
Vor allem das Thema "mentale Gesundheit" begleitet Krüger seit einigen Jahren. Denn der Sport, den sie seit ihrem zwölften Lebensjahr mit viel Leidenschaft betreibt, bringt sie 2022 an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit - körperlich und psychisch.
Zwanghaftes Streben nach Perfektion im Sport
Krügers Karriere nimmt früh an Fahrt auf. Sie wird schnell Teil der deutschen Säbel-Nationalmannschaft, nimmt an internationalen Wettkämpfen, Welt- und Europameisterschaften teil. "Ich bin dann aber auch immer wieder in Phasen gekommen, wo meine Leistung stagnierte", erinnert sie sich. "Und dann kam der Druck."
Die festen Strukturen, die der Leistungssport bietet, geben ihr Halt. Trainingspläne, ihr Jura-Studium, Regenerationszeiten und Ernährungspläne bestimmen Krügers Alltag und werden immer wichtiger. "Es wurde alles sehr genau getaktet, und ich habe es auch sehr genau eingehalten. Ich wollte meine Leistung in allen Bereichen perfektionieren."
Dieses Streben nach Perfektion entwickelt sich mit der Zeit zu einem Zwang. Es habe sich ein Gefühl entwickelt, nicht mehr gut genug zu sein. "Im Fechten auf der Bahn, im Eins-gegen-Eins-Kampf, wo jeder Treffer über Sieg oder Niederlage entscheidet, haben sich so starke Gefühle entwickelt, mit denen ich nicht mehr klargekommen bin", sagt die Fechterin. "Um diese Gefühle wieder loszuwerden, habe ich dann angefangen, mich zu übergeben."
"Ich habe es unter Kontrolle" - ein Wunschdenken
Rückblickend sagt die Sportlerin, dass die Bulimie bei ihr wohl 2022 bei der Säbel-Europameisterschaft in Antalya angefangen habe. Verlorene Gefechte steigerten das Gefühl, nicht gut genug zu sein, und ließen ihre Versagensängste weiter wachsen. "Nach dem Wettkampf bin ich dann auf Toilette gegangen, um das alles erstmal rauszubekommen."
Für Krüger wird das Übergeben zur "Normalität" und zum Ventil - nicht nur im Wettkampf, sondern auch im Training und im Alltag. Schließlich ist es etwas, das sie selbst kontrollieren kann.
Zudem sei es - in ihren Augen - etwas Gutes gewesen, denn die negativen Gefühle seien danach nicht mehr da gewesen. "Außerdem bekam ich dann noch das Gefühl, das ich wenigstens noch dünn bin, wenn ich alles andere schon nicht hinbekomme", sagt die Fechterin.
Ein Gespräch öffnet der Säbelfechterin die Augen
Ihre sportliche Leistungsfähigkeit nimmt in dieser Zeit stark ab, Krüger kann nur noch schwer mit den anderen Fechterinnen mithalten. Die Gründe dafür liegen damals auf der Hand, denn das Bewusstsein für ihre Krankheit sei dagewesen, so Krüger. Doch die Emotionen hätten komplett dagegengesprochen, etwas zu verändern.
Schlechte Leistungen auf der Fechtbahn triggern immer wieder negative Gefühle, die sie nur durch den Gang zur Toilette glaubt, kontrollieren zu können. "So bin ich dann in diese Spirale reingekommen."
Erst ein Gespräch mit ihrem besten Freund Calvin öffnet ihr die Augen, und Krüger begreift, dass das, was für sie "normal und kontrollierbar" scheint, eben nicht normal ist. Sie hat Glück und kann bereits 2023 eine Therapie beginnen. Nach der ersten Sitzung bescheinigt ihr der Therapeut Bulimie. "Das war wie ein Brett vor dem Kopf", erinnert sich die Athletin. "Da habe ich das erste Mal realisiert, dass ich irgendwie krank bin."
Die Diagnose hilft Krüger, denn mit Diagnosen könne man als Sportlerin ja umgehen. "Wie oft habe ich schon Muskelverletzungen gehabt? Das waren auch immer Diagnosen", sagt sie. "Aber mentale Erkrankungen sind eben keine Muskelverletzungen." Der Umgang damit sei schwierig gewesen, so Krüger. Mit der Unterstützung des Therapeuten dauert es fast ein Jahr, bis sie für sich akzeptieren kann, dass sie eine Essstörung hat.
Neuer Umgang mit psychischen Erkrankungen im Leistungssport nötig
Krüger spricht mit ihrem Trainer und ihren Teamkolleginnen. Die Reaktionen seien positiv gewesen, doch insbesondere bei ihrem Trainer "war auch eine Überforderung im Umgang mit dem Thema und mit mir zu spüren", erinnert sich die Fechterin.
In der Folge bekommt sie keine Einsätze mehr in ihrem Team, da ihr Trainer sie schützen will - und auch weil ihre Leistungen nicht mehr stimmen. Doch Krüger geht weiter zum Training und versucht, sich wieder zurückzukämpfen.
"Ich habe die Strukturen gebraucht und wollte nicht einfach vor der Essstörung davonlaufen", erklärt die Fechterin. Sie schafft es, kommt wieder ins Team und ist bei einem Weltcup 2024 in Belgien wieder am Start. Doch eine Verletzung im ersten Gefecht zwingt sie zu einer längeren Pause und zu der Entscheidung, ihre Erkrankung Anfang 2025 im Rahmen der Kampagne "'Du zuerst" des Olympiastützpunktes Rheinland öffentlich zu machen.
Essstörungen im Leistungssport durchaus verbreitet
Das habe in ihr den Gedanken wachsen lassen, dass man viel mehr über mentale Gesundheit reden müsse. "Wir müssen dafür sorgen, dass es unter den Trainerinnen und Trainern, aber auch unter uns Athletinnen und Athleten kein Tabu mehr ist, über mentale Gesundheit zu sprechen", so Krüger. Die Wahrnehmung und der Umgang mit psychischen Erkrankungen im Leistungssport müsse sich stark verändern und verbessern.
Wissenschaftliche Studien belegen, dass zwischen zehn und zwanzig Prozent aller Leistungssportlerinnen und -sportler an Essstörungen leiden. Doch darüber zu sprechen, trauen sich nur die wenigsten, weiß Krüger, die auch beim unabhängigen Verein "Athleten Deutschland e.V." tätig ist. Die Angst vor dem Verlust eines Kaderplatzes sei zu groß.
"Es ist eben kein Muskelfaserriss, der in sechs Wochen wieder ausgeheilt ist, sondern es ist im härtesten Fall eine mentale Erkrankung. Und wann so eine Erkrankung geheilt ist, ist ungewiss", sagt die 29-Jährige.
"Wir müssen es hinbekommen, dass Athletinnen und Athleten offen darüber sprechen können und den Mut finden, das äußern zu können", sagt sie. Zudem müsse der richtige Umgang mit psychischen Erkrankungen in die Ausbildung der Trainerinnen und Trainer verankert werden, um sie so für das Thema zu sensibilisieren.
Krüger: "Ich möchte, dass sich etwas ändert"
Mentale Gesundheit werde nach wie vor als Tabuthema in der Gesellschaft angesehen, sagt Krüger. "Ich glaube, dass gerade wir gerade Leistungssport und als diese perfekten Maschinen, als die wir oft wahrgenommen werden, eine Vorbildfunktion haben. Wir können das nutzen, um das Tabu noch mehr aufzubrechen, indem wir darüber sprechen und uns verletzlich zeigen", so Krüger.
Man sei auf einem guten Weg, dennoch gäbe es noch viel zu tun. "Das Gesundheitssystem im Bereich mentale Gesundheit ist definitiv nicht ausreichend, man muss zu lange auf einen Therapieplatz warten", sagt die 29-Jährige.
"Es ist wichtig Hilfsangebote zu schaffen. Schnell, unbürokratisch und bestenfalls finanziert für Athletinnen und Athleten." Denn diese seien nicht angestellt bei Verbänden oder Vereinen und daher sei auch keine finanzielle Absicherung im Krankheitsfall gegeben, so die ehemalige Fechterin.
Zudem fordert sie eine "unabhängige Anlaufstelle für Athletinnen und Athleten, wenn sie Hilfe brauchen, sowie auch für Trainerinnen und Trainer, Betreuerpersonal und auch für Menschen aus dem näheren Umfeld der Betroffenen". Auch das Netzwerk an Therapeuten und Therapeutinnen müsse ausgebaut werden.
Auch Krüger selbst ist aktiv geworden und hat die Initiative "Mehr als Muskeln" gegründet. "Wir leisten Aufklärungsarbeit im Bereich mentale Gesundheit und schaffen Austauschräume für Athletinnen und Athleten, die unabhängig sind von Verbands- und Vereinsstrukturen", sagt Krüger der DW. Dieser "geschützte Raum" sei wichtig und bietet den Betroffenen die Möglichkeit offen zu sprechen ohne Konsequenzen fürchten zu müssen.
Denn der Gang in die Öffentlichkeit, so wie es Krüger gemacht hat, war nicht leicht. "Über meine mentale Erkrankung zu sprechen, ist nichts, was ich besonders gerne mache", räumt die Fechterin ein. "Aber ich möchte, dass wir offen darüber sprechen, also muss ich es auch tun."
Mehr Informationen zum Thema erhalten sie bei "MentalGestärkt", einer Netzwerkinitiative des Psychologischen Instituts der Sporthochschule Köln in Kooperation mit der Robert-Enke-Stiftung, der Verwaltungsberufsgenossenschaft (VBG) und der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV).
Dieser Artikel ist Teil der Reihe "Das Beste aus 2025" von DW Sport, in der wir zum Jahreswechsel einige unserer Beiträge noch einmal aufgreifen. Die Erstveröffentlichung des Artikels erfolgte am 10.04.2025.