1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
Politik

Salafistische Verführung bis zum Anschlag

7. Dezember 2016

Im April dieses Jahres zündeten drei Jugendliche eine Bombe vor einem Tempel der Sikh-Gemeinde in Essen. Seit Mittwoch stehen sie vor Gericht. Die Mutter des einen sucht in einem Buch nach den Gründen.

Neriman Yaman Autorin Mein Sohn, der Salafist
Bild: picture-alliance/dpa/I. Fassbender

Er zieht sich, dieser Nachmittag, dieser lange Sonntagnachmittag. Yusuf, 14, ist alleine zu Hause, die Eltern und die Schwestern besuchen die Großeltern. Irgendwo im Zimmer steht eine Shisha, eine Wasserpfeife. Eigentlich dient sie nur zur Dekoration, aber an diesem Tag legt Yusuf etwas Tabak auf. Ein Zug, noch ein Zug, es werden sehr viele Züge werden. Yusuf kippt um, nimmt die Welt nur noch verschwommen war. So bittet er, was er sonst nie tut, Gott um Hilfe - und sieht mit einem Mal wieder klar, sehr klar. Das ist ein Zeichen, da ist er sich sicher. "Ich glaube, Mama", wird er seiner Mutter am nächsten Tag erklären, "ich hatte eine Gotteserfahrung."

Vielleicht beginnt sie hier, die Geschichte des Yusuf T., des Schülers, der rund zwei Jahre später, im April 2016, zusammen mit zwei weiteren Jungs eine Bombe vor einem Essener Sikh-Tempel explodieren ließ. Drei Menschen wurden verletzt. Seit Mittwoch müssen sich die drei Jugendlichen vor dem Essener Landgericht verantworten - die Staatsanwaltschaft wirft ihnen versuchten Mord, gefährliche Körperverletzung, Herbeiführen einer Explosion und Sachbeschädigung aus islamistischen Motiven vor.

Der zerstörte Eingang - ein Prediger der Essener Sikh-Gemeinde nach dem AnschlagBild: picture-alliance/dpa/R. Weihrauch

Ein liberales Umfeld

Neriman Yaman, die Mutter des einen Angeklagten, hat ein Buch geschrieben: über Yusuf und die Hintergründe der Tat. Es ist ein bewegendes, ein trauriges Buch, das vor allem eines illustriert: Wie ein Kind seinen Eltern entgleitet, wie sie ohnmächtig dessen Entwicklung verfolgen, die sie so nicht gewollt und auch nicht gefördert haben. Es ist die Geschichte einer in den 1960er Jahren aus der Türkei eingewanderten liberalen muslimischen Familie, derer jüngster Sohn zur inzwischen vierten in Deutschland lebenden Generation gehört und zu einem islamistischen Extremisten wird.

Wie und warum, das kann die Mutter in ihrem sehr sensiblen, aufmerksamen Buch letztlich nicht erklären. Es bleibt ein Geheimnis um die Radikalisierung, das sich in ihren einzelnen Schritten dokumentieren, aber nicht entschlüsseln lässt.

Eine bürgerliche Familie

Die Mutter selbst ist 1979 im Ruhrgebiet geboren, aufgewachsen mit Rock-CDs und einer E-Gitarre, die vor allem dem Ausdruck kultureller Coolness diente. Mit 15 Jahren beginnt sie sich für Astronomie zu interessieren, will das Fach eigentlich studieren, hilft dann aber im Geschäft der Familie aus - der kleine Lebensmittelladen wirft in den 1990er Jahren immer weniger ab. Schon vorher hat sie begonnen, ein Kopftuch zu tragen - zur Verwunderung ihrer Familie, denn sie ist religiös nicht sonderlich interessierte. Sie ist Muslima - warum, fragt sie, sollte sie dann keines tragen?

Dann die Heirat. Sie beschreibt ihren Mann als klug und feinfühlig, er kommt aus der ursprünglichen Heimat der Familie. Es kommen Kinder - erst eine Tochter, dann Yusuf, geboren um die Jahrtausendwende. Er ist ein intelligentes Kind, das Aufmerksamkeit will und sie erhält: in der Familie ebenso wie in der Schule. Yusuf hat gute Noten, nur das Sozialverhalten lässt zu wünschen übrig. Er lenkt andere ab, bringt durch dauernde Späße Unruhe in die Klasse. Später wird ihm ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom diagnostiziert.

Polizeiliche Ermittlung im beschädigten Sikh-TempelBild: picture alliance/dpa/M. Kusch

Die Stunde der Hassprediger

Dann die Shisha und die als Erweckungserlebnis gedeutete Ohnmacht. Der Junge verändert sich: Er zieht sich zurück, liest den Koran, beginnt ihn, obwohl er kein Arabisch spricht, auswendig zu lernen. Er stellt Fragen zur Religion, die die Eltern nicht beantworten können. Yusuf sucht Antworten bei bekannten Extremisten, etwa dem deutschen Konvertiten und einflussreichen islamistischen Prediger Pierre Vogel. Irgendwann steht Yusuf in einem langen Gewand und mit Turban vor den Eltern. So will er zur Schule gehen. Sie reden es ihm aus. Und sie nehmen die Tochter in Schutz, deren Lebensstil der Sohn zu kritisieren beginnt.

Irgendwann tritt Yusuf in den Wirkungskreis eines weiteren Extremisten: den von Ibrahim Abou-Nagie, dem Gründer des Vereins "Die wahre Religion" und der Stiftung "Lies". Die verteilt Koran-Exemplare in Fußgängerzonen. Auch Yusuf ist in Gelsenkirchen dabei. "Die wahre Religion" biete ihren Akteuren "die Möglichkeit, salafistische Ideologie zu propagieren, die geeignet ist, eine islamistische Radikalisierung anzustoßen oder voranzutreiben", heißt es im Verfassungsschutzbericht 2015. Im November 2016 lässt der Bundesinnenminister den Verein verbieten.

Bis zu dem Anschlag hat sich Yusuf lange Zeit auch in digitalen Parallelwelten aufgehalten. Er hat eine eigene Facebook-Seite betrieben und dort mit 14, 15 Jahren religiöse Erläuterungen veröffentlicht. Mit Erfolg: Einige tausend Personen ist die Gruppe seiner Anhänger stark.

Im Umfeld des Attentäters: Ibrahim Abou-Nagie, Gründer des verbotenen Vereins "Die wahre Religion"Bild: picture-alliance/Geisler-Fotopress/R. Harde

Hilflose Eltern

Die Eltern bleiben derweil ohne Hilfe. Sie suchten, so berichtet es Neriman Yaman in ihrem Buch, Rat und Unterstützung bei rund 30 Moscheegemeinden - vergeblich: Helfen kann oder will ihnen keine.

Schließlich heiratet der Sohn ein gleichaltriges Mädchen, das voll verschleiert ist - der Imam, der die islamische Trauung vollzieht, ist ein 23-jähriger deutscher Konvertit. Da wenden sich die Eltern an die Polizei. Doch auch die kann nicht helfen: Eine islamische Heirat gilt vor dem deutschen Gesetz nicht, darum ist sie auch dann kein Gesetzesverstoß, wenn Minderjährige sich trauen lassen.

Helfen können eine Zeit lang Mitarbeiter des Präventionsprojekts "Wegweiser". Das soll gefährdete oder bereits radikalisierte junge Salafisten auffangen und wieder integrieren. Doch dann zünden Yusuf und seine Freunde die Bombe vor dem Sikh-Tempel.

Neriman Yaman hat zunächst noch Interviews gegeben, nachdem ihr Buch erschienen ist. Doch je näher der Prozess rückt, desto weniger sieht sie sich dazu psychisch in der Lage. Die Geschichte ihres Sohnes erzählt ihr Buch. Es ist die Geschichte eines nervösen, aufsässigen Menschen auf der Suche nach einem Lebensmotiv. Dieses Motiv findet er - offenbar zufällig - im Islam.

Zugleich erzählt das Buch die Geschichte einer verzweifelten Mutter und eines verzweifelten Vaters, die ohnmächtig zuschauen, wie ihnen ihr Kind entgleitet.

Kersten Knipp Politikredakteur mit Schwerpunkt Naher Osten und Nordafrika
Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen