Salman Rushdie: "Tyrannen haben Angst vor Kunst"
20. März 2026
Von Beifall umtost, betritt Salman Rushdie die Bühne. Stehende Ovationen für den Autor, der 2022 nur knapp ein Attentat überlebte und seither wieder unter massivstem Polizeischutz steht. Doch beim Literaturfestival LIT:potsdam, gleich vor den Toren Berlins, gibt er den Entertainer, brilliert mit launigen Anekdoten und bekennt, den Optimismus nicht verloren zu haben. "Das ist eine Art Dummheit", räumt er ein, "Freunde mokieren sich über mich, denn es gibt im Moment sehr wenig Anlass zur Hoffnung. Aber ich bleibe dabei."
In seinem neuen Erzählband "Die Elfte Stunde" reitet er auf der Rasierklinge zwischen Komik und Verzweiflung, in fünf Geschichten, die am Ende des Lebens spielen.
"Tot sein ist nur eine Variante"
Durch das Attentat hatte Rushdie sehr reale Bekanntschaft mit der Nähe zum Tod gemacht. Den Mordversuch hat er 2024 in seinem autobiographischen Buch ”Knife" verarbeitet, schonungslos authentisch. Doch nun ist er als phantastisch-exuberanter Fabulierer zurück - und schickt allerlei Untote auf schwankendes Terrain.
"Als Ehrenfellow S.M. Arthur in seinem dunklen College-Schlafzimmer aufwachte, war er tot, was anfangs jedoch nichts zu ändern schien" - mit kafkaeskem Humor beginnt die zentrale Erzählung des Bandes. Fortan spukt der Ehrenfellow als Geist umher, völlig verstört. Der Autor fühlt sich seiner Figur sehr nahe: "Wenn du die Erfahrung gemacht hast, von einer Welt in eine andere zu kommen, ohne die Regeln der neuen Welt zu kennen, bist du verloren", sagt er, "tot sein ist nur eine Variante davon."
So verhandelt diese höchst unterhaltsame Lektüre zugleich große Fragen zum Lebensende. "Wie verbringst du diese Zeit? Friedlich, mit Akzeptanz und Resignation", fragt Rushdie, "oder in Rage gegen das Erlöschen des Lichts?" Sein literarisches Personal versucht es mit beiden Varianten, mal sanft den Vöglein im Garten lauschend, mal sich radikal der Verzweiflung stellend.
Salman Rushdie, der seit 2000 in New York lebt, nutzt sein Buch nebenher zu Seitenhieben in Richtung Politik: Auftritt Fernando VII. (1784-1833), König von Spanien, der die liberale Verfassung aushebelt. Seine Juristen sorgen dafür, "dass das Gesetz des Landes, über das der König sich stellte, unter seinen polternden Tritten zusammenbrach", bejubelt von "Wirklichkeitsverbiegern", die den "nackten Lügen" des Königs applaudieren.
Literatur als Gegenspielerin politischer Lügen
Nicht schwer zu erraten, wer hier gemeint sein könnte. "Die politische Unwahrheit ist eine Art, das Gegenteil der Wahrheit zu sagen und die Wahrheit durch die Lüge zu verdecken", konstatiert Rushdie in Potsdam. Die Literatur sieht er, natürlich, als Gegenspielerin: Schon immer hätten autoritäre Machthaber Angst vor der Kunst gehabt, sagt er, und zählt Autoren auf, deren Werk überlebt hat - trotz Verbannung, Inhaftierung oder Ermordung ihrer Urheber. "Wir haben keine Panzer, wir haben keine AK-47 (Kalaschnikow, Anm. d. Red.), wir haben nicht mal eine große Gefolgschaft. Aber sie fürchten uns."
In der "Elften Stunde" gibt es eine wundersame Erzählung, in der die Kunst über die Mächtigen siegt: Ein indisches Mädchen mit magischer Begabung lässt mit der Kraft ihrer Musik den Machtapparat eines ganzes Milliardärs-Imperiums zusammenbrechen.
Leider nur ein Märchen - oder doch nicht? Auf der LIT:potsdam bringt es Rushdie sarkastisch auf den Punkt: "Auf lange Sicht stirbt der Tyrann, und die Kunst überlebt. Kurzfristig stirbt der Künstler, und der Tyrann überlebt."