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Politik

Sanfter Vermittler zwischen den Welten

Daniel Pelz
18. August 2018

Zehn Jahre lang stand Kofi Annan an der Spitze der Weltpolitik. Auch danach wirkte er als Botschafter des Friedens weiter. Nun ist der frühere Generalsekretär der Vereinten Nationen im Alter von 80 Jahren gestorben.

Kofi Annan ist verstorben
Bild: picture-alliance/AP/K. Wigglesworth

Es sei ein Gefühl wie am ersten Schultag, bekannte Kofi Annan an seinem ersten Arbeitstag als UN-Generalsekretär. Lächelnd stand der kleine Mann mit dem grauen Kinnbart hinter seinem Schreibtisch im UN-Hauptquartier in New York.

Der Weg an die Spitze der Weltorganisation begann in Kumasi, der zweitgrößten Stadt Ghanas. 1938 kam Kofi Annan hier als Sohn einer prominenten Familie zur Welt. Sein Vater war zeitweilig sogar Provinz-Gouverneur während der britischen Kolonialherrschaft. Dank seiner Herkunft bekam Kofi Annan eine hervorragende Schulbildung. Anschließend studierte er in Ghana und den USA.

Bilderbuchkarriere bei den Vereinten Nationen

Mit 24 Jahren folgt dann der Wechsel zu den Vereinten Nationen (UN). Seine erste Stelle war die eines Verwaltungsbeamten bei der Weltgesundheitsorganisation. Die Karriereleiter kletterte er in den Folgejahren immer höher: Personalchef bei der UN-Mission in Kairo, stellvertretender Verwaltungsdirektor beim Flüchtlingskommissariat in Genf, stellvertretender UN-Generalsekretär. 1993 der vorläufige Höhepunkt: Der damalige UN-Chef Boutros Boutros Ghali ernannte Kofi Annan zum Untergeneralsekretär für Friedenssicherung. Damit wurde Kofi Annan der Herr über 75.000 Soldaten rund um den Globus.

Sterbliche Überreste von Opfern des Völkermordes in Ruanda - aufgebahrt am 20. Jahrestag des GenozidsBild: Getty Images/C. Somodevilla

Doch nun bekam die Karriere des Ghanaers erstmals Kratzer: Während des Genozids in Ruanda 1994 töteten radikale Hutu-Milizen mehr als 800.000 Tutsi und moderate Hutu. Schon Monate vorher hatte der Kommandant der UN-Friedenstruppe in Ruanda, Romeo Dallaire, vor Ausschreitungen gewarnt und um Verstärkung für seine Truppe gebeten. Doch sein Chef, Kofi Annan, gab dem Bitten nicht nach - wohl auch, weil Europa und die USA kein Interesse an einem stärkeren Engagement in Ruanda hatten. Die Kritik war harsch. Am zehnjährigen Gedenktag an den Genozid 2004 schließlich räumte Kofi Annan das Versagen ein. "Die internationale Gemeinschaft hat in Ruanda versagt. Diese Tatsache muss uns mit Trauer und Scham erfüllen."

Auch das Massaker an 8.000 Muslimen in der bosnischen Stadt Srebrenica 1995 lastete schwer auf seinen Schultern. Niederländische Blauhelme hätten dieses größte Kriegsverbrechen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg wohl verhindern können, wie er ebenfalls rückblickend einräumte.

Rastloser Friedensvermittler

Seiner Karriere bei den Vereinten Nationen tat die Kritik dennoch keinen Abbruch: Auf Druck der USA wurde Kofi Annan im Dezember 1997 zum Generalsekretär gewählt - der erste Vertreter aus dem Afrika südlich der Sahara in dem Amt. Bereits in seiner Antrittsrede machte er klar: Dieser Generalsekretär will nicht nur oberster Verwaltungsbeamter sein - er will Weltpolitik machen. Der Kampf gegen die weltweite Armut, der Klimawandel oder AIDS waren für Kofi Annan genauso Programm wie die politischen Krisenherde. Der UN-Chef vermittelte im Zypern-Konflikt, kritisierte die Angriffe sudanesischer Milizen in Darfur und suchte nach einer Einigung im Atomstreit mit dem Iran. Auch die Unterzeichnung der Millenniums-Entwicklungsziele im Jahr 2000 bezeichnete Annan selbst als einen der Höhepunkte seiner Amtszeit.

Ausgezeichnet mit dem Friedensnobelpreis am 20.12.2001Bild: picture-alliance/dpa/H. Junge

Das Nobelpreiskomitee in Oslo erkannte die Leistungen an: 2001 bekamen Kofi Annan und die UN den Friedensnobelpreis. Kofi Annan sei "ein herausragender Repräsentant der Vereinten Nationen und wahrscheinlich der effektivste Generalsekretär in der Geschichte der Vereinten Nationen", lobte der damalige Vorsitzende des Nobelpreiskomitees, Gunnar Berge, im DW-Interview den Preisträger. Annan ließ in seiner Dankesrede wieder die Bescheidenheit aufblitzen, für die ihn damals viele in der Welt bewunderten. "Dieser Preis gebührt nicht mir alleine. Er geht zur Hälfte an meine Kollegen in aller Welt, die ihr Leben dem Frieden verschrieben haben und oftmals auch ihr Leben für den Frieden riskierten oder verloren."

Gescheiterter Reformer

Während die Öffentlichkeit Annan feierte, verlor er bei den Mitgliedsländern der Vereinten Nationen dagegen immer mehr an Rückhalt. Vergeblich versuchte Annan eine grundlegende UN-Reform. "Die Vereinten Nationen können ihre Aufgaben nur erfüllen, wenn sie mit den Realitäten der Gegenwart in Einklang gebracht werden", sagte er vor der Generalversammlung. Doch vor allem am Widerstand der USA und den anderen Ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates scheiterte sein Plan, auch Staaten aus Afrika, Asien und Südamerika einen ständigen Sitz im Gremium zu verschaffen.

Unter Druck geriet Annan auch durch seinen Streit mit den USA: US-Präsident George Bush warf er vor, mit seinem Angriff auf den Irak 2003 die UN-Charta verletzt zu haben. Vergeblich hatte er zuvor versucht, den Angriff durch eine Vermittlungsrunde zu verhindern. 2004 stieg der Druck, nachdem bekannt geworden war, dass Gelder des UN-Programms "Öl für Lebensmittel" veruntreut worden waren. Auch Annans Sohn Kojo hatte Zahlungen von einem Schweizer Unternehmen erhalten, das im Auftrag der UN Warenlieferungen überwachen sollte. Eine Untersuchungskommission entlastete Annan jedoch 2005. Allerdings stellte sie fest, dass er weder "seine Familie noch seine Behörde gut genug im Griff habe".

Annan wirft hin

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Sondervermittler im Syrien-Krieg

Nach dem Ende seiner zweiten Amtszeit als UN-Generalsekretär verabschiedete sich Annan im Jahr 2007 von der Weltbühne. Er übernahm Ämter bei diversen Entwicklungsorganisationen und schrieb seine Memoiren. Gelegentlich stand er aber auch wieder im Rampenlicht: So vermittelte er zwischen Regierung und Opposition in Kenia, als dort nach den Wahlen Ende 2007 blutige Unruhen ausbrachen. Im Februar 2013 wurde er zum Sondervermittler im Syrien-Krieg ernannt. Nach sechs Monaten räumte er den Posten aber wieder, da zahlreiche Vermittlungsinitiativen fehlgeschlagen waren.

Über seine Stiftung mischte sich Annan auch danach immer wieder ein und kommentierte aktuelle Streitfälle. Zu den Schülerprotesten gegen die US-Waffenlobby twitterte er: "Wenn Staatsführer ihrer Rolle nicht gerecht werden, kann das Volk die Führungsrolle übernehmen und die Anführer zum Folgen zwingen." Auch in der Öffentlichkeit zeigte er sich, so zum Beispiel bei den Feiern zum 100. Geburtstag von Nelson Mandela.

Zuletzt lebte Kofi Annan mit seiner zweiten Frau Nane in Genf. Er verstarb nach kurzer Krankheit im Alter von 80 Jahren.

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