Zwischen Moderne und Dogma
17. Dezember 2013
Die Liste der Verbote in Saudi-Arabien ist lang. Es gibt keine Museen, Kinos, Theater, Modeschauen oder öffentliche Feiern. Frauen dürfen nicht Autofahren und nicht allein das Haus verlassen. Geschlechtertrennung beherrscht das öffentliche Leben. Grundlage hierfür ist der Wahhabismus - Saudi-Arabiens Staatsreligion.
Die Einhaltung dieser und vieler weiterer Verbote wird von der islamischen Religionspolizei, der Mutaw'a, überwacht. Ihre Legitimation leitet sie aus dem Koran ab. Wenn die Mutaw'a in der Öffentlichkeit Verstöße feststellt, so kann sie Ermahnungen aussprechen oder bei der regulären Polizei Anzeige erstatten.
"Die Entscheidungsträger in Riad glauben, die Aufgaben der Mutaw'a mit der Präsenz der heiligsten islamischen Stätten begründen zu können", sagt der ägyptische Islamwissenschaftler Mu'men Al-Mohammady. Mit demselben Argument rechtfertige Saudi-Arabien auch seine Besonderheit, die es vom Modell moderner Staaten entbinde.
Parteien sind verboten
Dieser Überzeugung folgend sind auch politische Parteien verboten. Es gibt auch kein gewähltes Parlament in Saudi-Arabien. Lediglich eine beratende Versammlung, die Schura, steht dem König und dessen Familie zur Seite.
Das ehemalige Schura-Mitglied, Mohammad Al-Zulfa, sieht in dem Verbot politischer Parteien aber keine Einschränkung der individuellen Freiheit. "Obwohl politische Parteien und Organisationen in Saudi-Arabien fehlen, gab es Saudis, die sich früher panarabischen Parteien anschlossen, wie dem irakischen und dem syrischen Flügel der Baath-Partei". Al-Zulfa geht aber noch weiter: In Saudi-Arabien könne man, "in Cafés und bei Treffen ohne Angst seine Meinung zu äußern. Dieser Freiraum ist immerhin größer als in Syrien oder im Irak unter der Baath-Herrschaft“.
Demokratisierungswillen kann bestraft werden
Der Politikwissenschaftler Abdul-Aly Razaky ist anderer Meinung. Er weiß von Fällen, in den der Ruf nach Reformen hart bestraft wurde. So sei beispielsweise der Arzt Sa'du Al-Mukhtar zu 30 Jahren Haft und zu weiteren 30 Jahren Hausarrest verurteilt worden. Laut Razaky hatte er Treffen organisiert, bei denen Reformen erörtert wurden, "die die Gründung politischer Parteien in Saudi-Arabien in die Wege leiten sollten“.
Das ehemalige Schura-Mitglied Al-Zulfa räumt immerhin ein, dass "die saudische Gesellschaft konservativ ist und sich gegenüber jedem Neuen ablehnend verhält". Daher sei es keine einfache Aufgabe, die Hardliner in dieser Gesellschaft von der Notwendigkeit des Wandels zu überzeugen.
Siebtes Jahrhundert als Vorbild
Islamwissenschaftler Al-Mohammady wirft den Wahhabiten vor, sie versuchten, die Lebensverhältnisse des siebten Jahrhunderts detailgenau zu kopieren. "Ohne Rücksicht auf jeglichen historischen Kontext wollen sie die im Todesjahr des Propheten Mohammad herrschenden Verhältnisse auch jetzt zum geltenden Staatsmodell erheben." Dahinter stünden Machtinteressen, so Al-Mohammady. Die saudische Königsfamilie habe begriffen", dass das Schicksal ihrer Monarchie weiterhin von dem traditionellen Image des Königsreichs als Hochburg der Scharia abhängt".