Schostakowitsch: Warum er gerade heute so aktuell ist
9. August 2025
Als Dmitri Schostakowitsch vor 50 Jahren in Moskau an Lungenkrebs starb, bekam er ein Staatsbegräbnis, begleitet von Trauerreden, die Parteibonzen aus dem Kreml und Funktionäre des Komponistenverbandes hielten. Unter den Trauernden auch seine Witwe Irina, die Kinder Galina und Maxim und einige treue Freunde. Es folgte ein jahrzehntelanger Kampf um das Erbe und die Zuordnung des russischen Komponisten, der zu den größten Musikgenies des 20. Jahrhunderts gezählt wird. War Schostakowitsch ein "durch und durch sowjetischer Mensch"? Oder ein Dissident? Stellte er seine Kunst in den Dienst des Regimes? Oder waren seine Werke eine verschlüsselte Botschaft gegen die Diktatur?
Schostakowitsch: eine Jahrhundertfigur in furchtbaren Zeiten
Erst heute, fünf Jahrzehnte nach seinem Tod, wird man sich allmählich seiner Bedeutung bewusst.
"Für mich ist er einer der ganz Großen - neben Richard Strauß, Gustav Mahler oder Ludwig van Beethoven", sagt der lettische Stardirigent Andris Nelsons, der das Gewandhausorchester Leipzig leitet. "Ich verehre ihn seit meiner frühen Jugend. Keine Note überflüssig, keine Note langweilig. Und: All seine Musik ist tief menschlich, sie berührt einen unmittelbar!"
Zum Jubiläum hat Nelsons sämtliche fünfzehn Sinfonien des Komponisten eingespielt. Im Mai 2025 initiierte Nelsons ein beeindruckendesSchostakowitsch-Festival - mit orchestralen Werken und intimer Kammermusik - in Leipzig.
"Man kann im Bezug auf Schostakowitsch auch deswegen von einer Jahrhundertfigur sprechen, weil gerade seine bedeutendsten Werke die geschichtlichen Ereignisse im 20. Jahrhundert thematisieren, quasi dokumentieren", bestätigt Tobias Niederschlag, künstlerischer Leiter des Festivals "Internationale Schostakowitsch-Tage" im sächsischen Gohrisch. Sei es die gnadenlose russische Revolution, der Stalinismus, der Zweite Weltkrieg oder der Kalte Krieg: "Er war Chronist seiner Epoche", so Niederschlag. "Es waren furchtbare Zeiten, die ihm vom Schicksal zugewiesen wurden. Seine Botschaften, seine Warnungen sind heute aktueller denn je."
Vom Wunderknaben zum Volksfeind
Dmitri Schostakowitsch kommt in Sankt Petersburg 1906 zur Welt, die Eltern gehören zum kulturaffinen Bildungsbürgertum. Der Vater ist Sohn eines polnischen Widerstandskämpfers, der gegen das zaristische Russland kämpfte und nach Sibirien verbannt wurde.
Dmitri ist ein Wunderkind: 1925 entsteht die erste Sinfonie des damals 19-jährigen. Sie wird weltweit aufgeführt und gefeiert. Schostakowitschs Musik versprüht Witz und Humor und ist zugleich in ihrer Wucht und Perfektion eine Fortführung der großen symphonischen Tradition von Beethoven und Mahler. Sein wahres Idol aber trägt einen anderen Namen: Johann Sebastian Bach.
Schostakowitschs Gabe spricht sich schnell herum und auch im Kreml ist der Name des Komponisten wohlbekannt. Doch ein Genie von der Größe eines Schostakowitsch ist Josef Stalin ein Dorn im Auge. Jahrzehnte verbringt Schostakowitsch in einer quälenden Todesangst, um sich und seine Familie. Die vernichtende Kritik in der "Prawda" an seiner Oper "Lady Macbeth von Mzensk" 1936 ist eine versteckte Drohung. Und Andrei Schdanow, Stalins "kultureller Vollstrecker", sorgt dafür, dass Schostakowitsch und weitere zeitgenössische Komponisten gebrandmarkt werden. Im Februar 1948 beschließt das Zentralkomitee die Zerschlagung zeitgenössischer Musik. Dies kommt einer öffentlichen beruflichen Hinrichtung gleich. Erst Jahre später, nach Stalins Tod 1953, wird dieses "Berufsverbot" allmählich aufgeweicht - und Schostakowitschs Ruf rehabilitiert.
In seinen letzten zwei Lebensjahrzehnten wird der Komponist mit Staatspreisen überschüttet, aber auch immer wieder als sowjetischer Vorzeigekünstler vorgeführt.
Staatskünstler wider Willen?
Auf dieser Phase seines Lebens beruht die Annahme, Schostakowitsch sei ein regimetreuer Opportunist gewesen. Dem will Olga Digonskaja, die das private Schostakowitsch-Archiv in Moskau leitet, energisch widersprechen:
"Er war ein Mensch mit Stärken und Schwächen, er litt, er hatte Angst um sich und seine Familie. Als Künstler hasste er aber jegliche Unterdrückung", bilanziert sie.
"Vor allem aber war er ein Genie, das es trotz allem schaffte, mit seiner Gabe verantwortungsvoll umzugehen und es - ich scheue hier kein Pathos - in den Dienst der Menschheit zu stellen." Das höre man in jeder seiner Noten.
Unbekannte Aufzeichnungen
Eine Sensation hat das Jubiläumsjahr bereits hervorgebracht. Bei einer Fachkonferenz der deutschen Schostakowitsch-Gesellschaft berichtete Digonskaja von zuvor unbekannten Aufzeichnungen des Komponisten. Sie stammen aus den Jahren 1957 bis 1964. Jene Jahre des "Tauwetters" in der Sowjetunion zwischen der Stalin-Ära und der Breschnew-Zeit, als die russische Gesellschaft Hoffnungen auf eine freiere Zukunft hegte.
In den Zeilen, die Schostakowitsch damals versteckt und die von seiner inzwischen 90-jährigen Witwe sorgfältig aufbewahrt wurden, beantwortet der Komponist ganz deutlich die Frage nach seiner wahren Haltung: So vergleicht er Stalin direkt mit Hitler - wobei Hitler aus seiner Sicht nur ein unbegabter Epigone von Stalin ist - und fragt sich selbst: "Was quält mich? Gewissen, Angst, Scham..."
Ob diese Aufzeichnungen, die eine andere Sicht auf den Komponisten als Regimekritiker erlauben, zeitnah publiziert werden, ist nicht sicher. Schließlich werden zurzeit russlandweit Stalindenkmäler aufgestellt, kommen Künstler für ihre Haltung ins Gefängnis oder retten sich ins Exil. Da passt das Bild eines gebrochenen Zweiflers nicht ins Konzept.