Schwarzmeer-Blockade: Bleibt der Mais auf Ukraines Feldern?
19. August 2026
Die russischen Angriffe auf zivile Schiffe haben die Häfen im Großraum Odessa weitgehend zum Stillstand gebracht. Über diese Seehäfen wurden bislang bis zu 90 Prozent der ukrainischen Agrarausfuhren abgewickelt.
Um die Exporte dennoch aufrechtzuerhalten, arbeitet die ukrainische Regierung an alternativen Transportwegen über Schiene, Straße und Wasserwege. Darüber hinaus laufen Gespräche über die Einrichtung eines neuen Exportkorridors durch die Republik Moldau.
Experten weisen jedoch darauf hin, dass diese Alternativrouten die Häfen nicht ersetzen können. Nach ihrer Einschätzung stellt die aktuelle Blockade des Schwarzen Meeres für die ukrainische Wirtschaft sogar eine noch größere Bedrohung dar als im Jahr 2022.
Volle Lager, leere Kassen
Die angespannte Sicherheitslage im Schwarzen Meer wirkt sich bereits deutlich auf den ukrainischen Binnenmarkt aus. Nach Angaben von Denys Martschuk, stellvertretender Vorsitzender des Verbands "Allukrainischer Agrar-Rat", haben die Landwirte des Landes bislang mehr als 28 Millionen Tonnen Getreide und Hülsenfrüchte eingebracht.
Ein Großteil der Ernte lässt sich derzeit jedoch nicht vermarkten. Die Folge ist ein zunehmender Mangel an Betriebskapital, das dringend für den Abschluss der laufenden Erntearbeiten sowie für die Aussaat der Winterkulturen benötigt wird. Diese beginnt Ende August in den südlichen Regionen der Ukraine.
"Derzeit können wir unsere Erzeugnisse kaum verkaufen. Stattdessen werden die Vorräte eingelagert, sofern überhaupt ausreichend Lagerkapazitäten vorhanden sind. Gleichzeitig stellt sich die Frage, was wir tun sollen, denn wir brauchen Geld, insbesondere für die Herbstaussaat", sagte Martschuk gegenüber der Deutschen Welle (DW).
Zerstörte Silos im Kriegsgebiet
Ihm zufolge wird sich die Situation in den kommenden Wochen und Monaten weiter verschärfen. Dann kommen die Erträge der später geernteten Getreide- und Ölsaaten-Ernten zu den schon geernteten Getreidesorten hinzu.
Allein die Maisernte könnte in diesem Jahr rund 33 Millionen Tonnen erreichen. Gleichzeitig droht im Herbst ein Mangel an Lagerkapazitäten von bis zu zehn Millionen Tonnen. Besonders betroffen sind die frontnahen Regionen, in denen die meisten Getreidesilos infolge des Krieges zerstört sind.
"Man hört oft, dass die Landwirte den Mais auf den Feldern stehen lassen wollen, um ihn erst im Frühjahr zu ernten. Er muss noch getrocknet werden, was viel Strom kostet, der sehr teuer ist. Dafür fehlt das Geld. Es gibt weder ausreichende Absatzmöglichkeiten noch vernünftige Preise, also ist es besser, ihn jetzt stehen zu lassen, das ist billiger", erläutert Martschuk.
Maksym Hopka, Analyst beim Verband "Ukrainischer Agrarwirtschafts-Club", beziffert die ukrainischen Agrarprodukte im Juli auf rund 3,7 Millionen Tonnen, davon etwa 2,7 Millionen Tonnen Getreide. Gegenüber dem Vormonat entspricht dies einem Rückgang um rund ein Viertel. Für August erwartet Hopka, dass die Getreideexporte nochmals um etwa die Hälfte zurückgehen könnten.
Landwirte kämpfen um ihre Existenz
Parallel dazu geraten die Inlandspreise zunehmend unter Druck. Laut Hopka ist der Preis für Speiseweizen um 30 bis 35 Prozent gefallen. Auch der Gerstenpreis ist um etwa 30 Prozent gefallen. Für die Landwirte bedeute dies, so Hopka, zunehmend schwierigere wirtschaftliche Bedingungen in der Produktion.
Da das Getreide nicht in vollem Umfang exportiert werden kann, sind die Preise so stark gesunken, dass zahlreiche Erzeuger sogar ihre Produktionskosten nicht mehr decken können.
Einige Betriebe machen schon Verluste. Nach Angaben des ukrainischen Ministeriums für Agrarpolitik und Ernährung könnten sich die jährlichen Verluste der Landwirte durch unverkaufte Agrarprodukte auf rund 20,5 Milliarden US-Dollar belaufen.
Welche Alternativen gibt es?
Die ukrainische Regierung versichert, alles zu unternehmen, um neue Wege für den Export ukrainischer Agrarprodukte per Bahn, über Donauhäfen oder auf dem Landweg durch Nachbarländer zu finden.
Doch aufgrund der Dürre ist die Donau für ukrainische Ausfuhren derzeit nur eingeschränkt nutzbar. Auch bei der Schiene und Straße gibt es Probleme. Die europäischen Bahnstrecken sind während der Erntezeit von europäischen Händlern ausgelastet, und der Transport großer Getreidemengen auf der Straße ist teuer.
Für den ukrainischen Agrarminister Taras Wysozkyj bleibt es am wichtigsten, mit Hilfe militärischer Kapazitäten der Ukraine und ihrer Partner die sicheren Schifffahrtswege zu den Häfen im Großraum Odessa wiederherzustellen. Eine mittelfristig vergleichbare Alternative gebe es nicht. Bahnverbindungen und sogenannte Trockenhäfen könnten lediglich als vorübergehende Unterstützung dienen, bis die Schwarzmeerhäfen wieder frei seien, erklärte er im im DW-Gespräch.
Professor Oleh Niwjewskyj von der Kyjiwer Wirtschaftshochschule ist der Ansicht, dass die Ukraine heute weniger Möglichkeiten hat, die Verluste im Seehandel auszugleichen als zu Beginn des Krieges.2022 habe die EU die Ukraine beim Aufbau der sogenannten Solidaritätskorridore unterstützt. Auch der Handel sei mit der Aufhebung von Zollbeschränkungen liberalisiert worden.
Transport wird immer schwieriger
Jetzt seien die Bedingungen anders. "Wenn wir uns den Handel mit der EU ansehen, sind wir inzwischen von einem freien System zum Handelsregime vor dem Krieg mit Beschränkungen und Zollkontingenten zurückgekehrt", so Niwjewskyj gegenüber der DW.
Hinzu kommen nach seiner Einschätzung erhebliche Mängel bei der Infrastruktur. Die Ukrainische Eisenbahn verfüge heute über rund 30 Prozent weniger Züge als vor dem Krieg.
Ständige russische Angriffe auf die Bahninfrastruktur würden den Betrieb erschweren und erforderten regelmäßig notwendige Reparaturen. Auch der Transport auf der Straße sei wegen Mangels an LKW-Fahrern, insbesondere infolge der Mobilmachung, eingeschränkt.
Blockade der Verkehrswege
Niwjewskyj findet, dass die aktuelle Krise Anstoß dazu geben könnte, die ukrainische Exportpolitik zu überdenken. Die Ukraine hätte gleich zu Beginn des umfassenden Krieges eine langfristige Strategie entwickeln müssen, um ihre Exporte auf die Weltmärkte zu sichern.
Es gehe nicht nur darum, einen vorübergehenden Ersatz für Seehäfen zu finden. Es brauche eine Logistik, die sicherstelle, dass die Blockade eines einzelnen Transportwegs nicht mehr die gesamte Ausfuhrwirtschaft lahmlege.
Analyst Maksym Hopka geht davon aus, dass die Ukraine aufgrund der blockierten Verkehrswege im August und Oktober etwa neun Millionen Tonnen Agrarprodukte weniger auf ausländische Märkte exportieren wird. Die zurückgestellten oder entgangenen Deviseneinnahmen für diesen Zeitraum könnten sich ihm zufolge auf etwa 1,9 Milliarden Dollar belaufen.
Welche Hilfe ist nötig?
Die ukrainische Regierung hat auf Drängen der Landwirte bereits ein staatliches Kreditprogramm verlängert und ausgeweitet. Darüber hinaus beantragte Kyjiw nach Angaben des Ministeriums für Agrarpolitik und Ernährung bei der Europäischen Kommission nicht rückzahlbare Hilfen in Höhe von 220 Millionen Euro.
Die Mittel sollen insbesondere kleinen und mittleren Agrarbetrieben zugutekommen und bei der Finanzierung von Kreditzinsen helfen. Das Ministerium möchte diese Gelder über das staatliche Programm "Günstige Kredite 5-7-9 Prozent" zur Sicherung der Liquidität von Betrieben bereitstellen.
Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk