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PolitikUkraine

Schwere Kämpfe um Pokrowsk: Verliert die Ukraine die Stadt?

4. Dezember 2025

Moskau behauptet, Pokrowsk besetzt zu haben. Laut ukrainischen und westlichen Beobachtern dauern die Kämpfe um die Stadt an. Wie entwickelt sich die Lage und welche Gefahren bestehen für das benachbarte Myrnohrad?

Zwei ukrainische Soldaten bei Pokrowsk
Ukrainische Soldaten bei PokrowskBild: REUTERS

Während die Verhandlungen über einen Plan zur Beendigung von Russlands Krieg gegen die Ukraine andauern, verkündet Moskau die Einnahme von Pokrowsk und Wowtschansk. Die ukrainische Führung dementiert und wirft Russland Propaganda vor.

Wer kontrolliert Pokrowsk?

Kremlsprecher Dmitrij Peskow hatte am 1. Dezember auf Basis eines Berichts des russischen Generalstabschefs Walerij Gerassimow an Präsident Wladimir Putin erklärt, "Krasnoarmejsk", wie die Russen Pokrowsk nach wie vor nach Sowjetmanier nennen, sei eingenommen. 2016 hatte die Ukraine die "Stadt der Roten Armee" in Pokrowsk umbenannt. 

Das US-amerikanische Institute for the Study of War (ISW) dagegen stellte am 2. Dezember fest, für eine vollständige Besetzung fehlten Beweise. Am selben Tag wiederum sagte ein hochrangiger NATO-Vertreter vor Journalisten in Brüssel, über 95 Prozent der Stadt seien unter russischer Kontrolle. Lediglich kleine ukrainische Verbände würden noch Widerstand leisten. Allerdings sei es der Ukraine im vergangenen Jahr gelungen, Vorkehrungen dafür zu treffen, dass ein Verlust der Stadt nicht die strategischen Folgen hätte, die Russland sich verspreche.

Das ukrainische Militär beharrt darauf, die Lage im Griff zu haben. Am 1. Dezember hieß es, die Verteidigungskräfte würden trotz der schwierigen Situation feindliche Angriffe im Ballungsraum Pokrowsk abwehren. "Unsere Soldaten bereiten sich auf ihre Aufgaben im Winter vor. Wir verstärken unsere Stellungen und rüsten sie angemessen aus. Im vergangenen Monat ist der Plan des Feindes, den Ballungsraum Pokrowsk zu besetzen, erneut gescheitert", so die Erklärung der Luftlandetruppen. Generalstabs-Sprecher Dmytro Lychowij sagte der Nachrichtenagentur Ukrinform, dass laut Stand vom 3. Dezember der nördliche Teil der Stadt entlang der Eisenbahnlinie weiterhin unter Kyjiws Kontrolle sei.

Russische Flagge in Pokrowsk nur "Show"?

Um die angebliche Besetzung der Stadt zu belegen, veröffentlichte Moskau ein Video, in dem Soldaten die russische Flagge im Zentrum von Pokrowsk hochhalten. Dieses habe Russland aber schon lange besetzt, es sei also kein Beweis für die Einnahme der Stadt, folgert der Militärexperte Jan Matwejew, sondern eine Inszenierung eigens für den Besuch des US-Sondergesandten Steve Witkoff in Moskau.

Screenshot aus einem Video des russischen Verteidigungsministeriums, aufgenommen in PokrowskBild: Russian Defence Ministry/Handout via REUTERS

Laut Roman Pohorilyj und Ruslan Mykula vom ukrainischen Analyseprojekt "DeepState" haben sich die Straßenkämpfe in den letzten Wochen in den Nordteil der Stadt verlagert: "Früher drangen die Russen mit zwei oder drei Mann vor, bevor sie am nördlichen Stadtrand ausgeschaltet wurden, jetzt kommen sie zu viert oder zu fünft so weit. Das zeigt, dass es im Stadtzentrum inzwischen so viele Russen gibt, dass sie von dort aus in geschlossenen Gruppen vordringen können", so Mykula. Es gelinge ihnen aber mangels Infanterie noch nicht, die ukrainischen Kräfte vollständig aus der Stadt zu verjagen. Dies sei aber "nur eine Frage der Zeit", denn die Russen seien zahlenmäßig überlegen.

Zudem sei die ukrainische Taktik, immer wieder einzelne russische Trupps "auszuschalten", nicht nachhaltig, meint Kollege Pohorilyi. Zwar würden die Einheiten einzelne Straßen oder Gebiete zurückerobern, doch die russischen Kräfte kehrten nach einiger Zeit wieder zurück, da die Zufahrtswege aus dem Süden offenblieben. "Sie haben dort eine große Truppenkonzentration. Daher wird dies die Situation nicht grundlegend lösen", so Pohorilyj.

Auch der österreichische Militärexperte Markus Reisner bestätigte der DW, dass die ukrainischen Verbände am Stadtrand noch vereinzelte Häuser hielten und dem Versuch der Russen standhielten, ihren Widerstand mit Gleitbomben zu brechen. "Aber aus dem Verständnis des Militärs heraus ist die Stadt bereits gefallen."

Der Nebel über der Stadt Pokrowsk erschwert die Arbeit der ukrainischen LuftaufklärungBild: Russisches Verteidigungsministerium/SNA/IMAGO

Wie steht es um Myrnohrad?

Von der Entwicklung in Pokrowsk hängt nach Ansicht der "DeepState"-Experten auch das Schicksal des etwa sieben Kilometer Luftlinie entfernten Myrnohrad ab. Trotz deutlich geringerer russischer Präsenz in dieser Stadt sei die Lage dort noch gefährlicher: "In Pokrowsk gibt es noch irgendeine Logistik. Es ist aber beinahe unmöglich, Myrnohrad zu betreten oder zu verlassen, obwohl die Stadt physisch nicht eingekreist ist", betont Ruslan Mykula.

Die ukrainischen Truppen dort würden mit Drohnen und Bodenrobotern versorgt. Zu Fuß ist die Stadt laut Pohorilyj schon heute nur unter größten Gefahren zu erreichen oder zu verlassen, aber: "Wenn Pokrowsk fällt, werden die Russen jede Bewegung kontrollieren", warnt er. "Ich weiß nicht, wie die ukrainischen Kräfte in einer solchen Situation aus Myrnohrad herauskommen sollen", so der Experte.

Russland zerstört Myrnohrad mit Bomben und RaketenBild: Video Obtained By Reuters/REUTERS

In Myrnohrad seien Straßenkämpfe eher die Ausnahmen, so die Experten von "DeepState". Dort dringen die russischen Truppen laut Mykula gerade von Norden, Süden und Osten in die Außenbezirke ein. Das Zentrum beschießen sie immer wieder mit Bomben und Raketen, um die ukrainischen Kräfte zu vertreiben. "Im Südosten gibt es zum Beispiel einen Punkt, von wo aus sie Drohnen starten. Das deutet darauf hin, dass sie im südlichen Teil von Myrnohrad recht erfolgreich sind", sagt Pohorilyj. Auch gelinge es den Russen immer wieder, in die Dörfer Riwne und Switle, zwischen Pokrowsk und Myrnohrad, einzudringen. 

Kann Russland die ganze Region Donezk erobern?

Pohorilyj meint, "nur ein Wunder" könnte die Situation noch für die Ukraine entschärfen. Unter diesen Umständen, "gehe es vor allem darum, Menschenleben zu retten". Der Experte wagt aber keine Prognose zu den möglichen Folgen, die der Verlust von Pokrowsk und Myrnohrad für den Rest der Region Donezk haben wird. Mykula zufolge dürfte die Einnahme der Städte den Russen erleichtern, auch andere Teile der Region anzugreifen. "Ihre gesamte Logistik wird sich auf diese Städte konzentrieren und sie zu Stützpunkten machen." Dann könnten dort Tausende Soldaten untergebracht werden.

Genau dies sieht auch der anfangs bereits zitierte NATO-Vertreter so kommen: dass die Russen Pokrowsk als Ausgangspunkt für Angriffe auf andere Städte in der Region Donezk nutzen werden. Das würde aber nicht zwangsläufig zu einem Zusammenbruch der ukrainischen Verteidigung führen. Dies sei "in naher Zukunft unwahrscheinlich". In den nächsten ein bis zwei Jahren sehe er keine realistische Möglichkeit für die Russen, den restlichen Teil der Region Donezk zu erobern. Auch die Experten des Institute for the Study of War glauben nicht, dass der Fall von Pokrowsk die Eroberung der übrigen Region Donezk durch Russland wesentlich beschleunigen wird.

Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk

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