1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
Politik

Schwul, türkisch, Polizist - arbeitslos

1. April 2019

In der ostanatolischen Stadt Van ist ein homosexueller Polizeibeamter vom Dienst suspendiert  worden. Über 12 Jahre war er als "Freund und Helfer" auf Streife. Der DW erzählt er seine Geschichte.

Türkei Polizei
Bild: Getty Images/AFP/I. Akengin

"Als alles rauskam dachte ich nur 'Der Job ist futsch'. In diesem Augenblick bist Du total traurig, aber gleichzeitig denkst Du auch: 'Was machst Du jetzt nur?' Ich habe mir mehr Gedanken gemacht, was meine Vorgesetzte denken, anstatt darüber, was mich nach der Suspendierung erwartet. Ich hatte Angst gedemütigt zu werden."

Metin (der vollständige Name ist der Redaktion bekannt) wurde zunächst wegen "sexueller Gewalt" verhaftet, später erfolgte die Suspendierung vom Dienst wegen einer homosexuellen Beziehung.

Der 34-Jährige lebt in Ostanatolien und ist eher ein konservativer Typ. Seine Familie und sein Umfeld wussten nichts von seiner sexuellen Orientierung. Vor zwei Jahren hat der Polizeibeamte in der Stadt Van einen jungen Mann kennengelernt.

Teestunde mit verheerenden Folgen

Als er im Polizeikasino mit seinem Freund Tee trank, musste Metin für eine halbe Stunde weg. Bei seiner Rückkehr war sein Freund verschwunden. Offenbar war er zum Verhör gebracht worden. Wie Metin erfuhr, gab sein Freund aus Panik zunächst an, Polizist zu sein. Als klar wurde, dass dies nicht stimmt, wurde er wegen Amtsanmaßung in Gewahrsam genommen.

Laut Verhörprotokoll gab der Freund an, "Metin hat mich zum Sex gezwungen" und er würde ihn nun anzeigen. Tatsächlich wurde Metin daraufhin wegen "vorsätzlicher sexueller Gewalt" verhaftet. Obwohl sein Freund die Anzeige zurücknahm, musste Metin acht Tage in Gewahrsam. Die Strafverfolgung wurde aber eingestellt, weil kein hinreichender Tatverdacht bestand.

Der Grund seiner Suspendierung bringt Metin um den VerstandBild: DW/B. Karakas

Abschied ohne Wertschätzung

Metin wurde zunächst beurlaubt. Im Sommer 2017 wurde er dann nach Zonguldak in die Schwarzmeerregion versetzt. Seine Kollegen aus Van hätten bei seinem Abschied kein Wort mit ihm gesprochen, berichtet der junge Polizist enttäuscht.

Nach anderthalb Jahren im Dienst sollte ihn die Angelegenheit aus Van noch weiter verfolgen. Im November des vergangenen Jahres erhielt er eine Entscheidung des Disziplinarausschusses. Darin heißt es: "Ein Beamter kann vom Dienst suspendiert werden, wenn er oder sie keine natürliche Beziehung zu einer anderen Person unterhält." Soll heißen: Wer nicht in einer Beziehung ist, um "Kinder zu zeugen", darf als Beamter nicht tätig sein. Folglich wurde Metin vom Dienst suspendiert.

Der jetzt arbeitslose Metin versteht die Entscheidung nicht und ist frustriert: "Das ist meine private Sache. Ich habe meinen Dienst immer ordentlich gemacht. Es gab nie Beschwerden. Wenn ich mein Leben nicht so leben darf, wie ich will, warum lebe ich dann überhaupt noch?"

Fortsetzung vor Gericht

Metin hat Klage gegen die Suspendierung eingereicht. Das Verfahren ist noch anhängig. Laut seinem Anwalt Fırat Söyle ist der Paragraph, der zur Suspendierung seines Mandanten führte, rechtswidrig und entspricht nicht den Gesetzen eines Rechtsstaats. "Nach Auffassung des Verfassungsgerichtes schützt der Begriff Privatleben 'persönliche Neigungen und Vorlieben' eines jeden einzelnen. Egal ob homosexuell oder heterosexuell, die betroffene Person muss vor jeglicher Einwirkung von außen geschützt werden. Dies ist ein elementarer Faktor im Privatleben."

Gay Pride Demo in Istanbul - die Lage für LGBTQ-Personen wird zunehmend schwierigerBild: Getty Images/B. Kilic

Aus einer Studie des Vereins "Kaos GL" und der Kadir Has Universität mit dem Titel "Die Lage der LGBTQI Staatsbediensteten in der Türkei 2018" geht hervor, dass der Druck auf die Community seit dem versuchten Putsch 2016 zugenommen habe. Sie stellt fest, dass gleichzeitig auch die Arbeitsbedingungen der LGBTQI Personen erschwert werden. LGBTQI-Personen, die in Strafverfolgungsbehörden tätig sind, könnten zukünftig aufgrund eines Gesetzes aus dem Beruf entlassen werden.

Diskriminierung verboten - auch in der Türkei

Mustafa Sarıyılmaz, Koordinator für Sozialpolitik des Vereins für Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierungsstudien (SPoD) mit Sitz in Istanbul, erinnert daran, dass Diskriminierung aufgrund der Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung von Menschen in demokratischen Ländern verboten ist. Viele Länder, die im Europarat und den Vereinten Nationen vertreten sind, haben dies anerkannt. Eines dieser Länder ist auch die Türkei, so Sarıyılmaz.

Metin ist immer noch arbeitslos. Trotz zahlreicher Bewerbungen, die er bereits verschickt hat, gab es noch keine positive Rückmeldung. Er hat nur noch eine Hoffnung: Das Gericht möge die Suspendierung rückgängig machen.

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen