Caster Semenya wehrt sich gegen Olympia-Verbot
2. April 2026
Die in der vergangenen Woche beschlossene "Richtlinie zum Schutz der Frauenkategorie im Olympischen Sport" hatte sich bis dato hauptsächlich auf Transgender-Athletinnen konzentriert. Medizinische Fachleute und Olympiateilnehmende betonen jedoch, dass besonders Menschen mit Abweichungen in der Geschlechtsentwicklung (DSD) die Folgen des Verbots zu spüren bekommen werden.
Die Neuseeländerin Laurel Hubbard ist die bislang einzige dokumentierte Transgender-Athletin in der Geschichte der Olympischen Spiele. Die Gewichtheberin konnte bei den Wettkämpfen 2021 in Tokio jedoch über 87 Kilogramm keinen gültigen Versuch verbuchen und schied somit bereits frühzeitig aus.
Die Südafrikanerin Caster Semenya war hingegen bei den Olympischen Spielen in Tokio gar nicht erst am Start, um ihre 800-Meter-Titel aus Rio de Janeiro 2016 und London 2012 zu verteidigen. Grund war eine neue, überarbeitete Regel des Dachverbands World Athletics (früher IAAF), nach der Athletinnen ihren Testosteronspiegel vor Wettkämpfen mindestens sechs Monate lang unter den Grenzwert von 5 nmol/L senken müssen. Semenya lehnt dies bis heute ab.
Der Testosteronspiegel ist seit langer Zeit ein zentraler Streitpunkt für Athletinnen und Athleten, die sich nicht eindeutig in die klassischen Kategorien "männlich" oder "weiblich" einordnen lassen.
Ähnliche Behandlung von DSD- und Trans-Athletinnen
Die neue Richtlinie des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) sieht zwar "seltene Ausnahmen" für den Fall vor, dass beispielsweise eine "seltene Störung der Geschlechtsentwicklung" vorliegt, bei der Testosteron keinen leistungssteigernden Effekt hat. Grundsätzlich kehrt das IOC jedoch zu den sogenannten "SRY-Tests" zurück, die bereits in den 1990er-Jahren eingesetzt wurden. Dabei wird mittels Wangenabstrich überprüft, ob das SRY-Gen vorhanden ist, das sich auf dem Y-Chromosom, also dem sogenannten "männlichen" Chromosom, befindet.
Semenya nannte die Entscheidung "eine Schande". "Genetische Tests sind und waren nie ein Mittel, um Mädchen und Frauen im Sport zu schützen", sagte sie gegenüber dem Time Magazine. "Nennen wir es beim Namen: Es ist Ausgrenzung, nur unter einem anderen Begriff."
Unter der Leitung des ehemaligen IOC-Präsidenten Thomas Bach vertrat das IOC die Meinung, dass es "keine Universallösung" für die Frage der Geschlechtertests gebe. Ein 2023 von mehreren Wissenschaftlern weltweit erstellter Bericht stellte fest, dass "in sportlichen Disziplinen, die Ausdauer, Muskelkraft, Geschwindigkeit und Explosivität erfordern, Männer Frauen in der Regel überlegen sind. Grund dafür sind geschlechtsspezifische Unterschiede, die durch Chromosomen und Hormone in der Pubertät, insbesondere Testosteron, geprägt werden."
DSD-Fälle sehr komplex
Trotz dieser Erkenntnisse sind Einzelfälle oft alles andere als eindeutig, besonders bei DSD-Athleten. Vereinfacht gesagt handelt es sich bei DSD um natürliche Variationen, bei denen sich Gene, Hormone und Fortpflanzungsorgane natürlich anders entwickeln. Transmenschen hingegen haben eine Geschlechtsidentität, die nicht mit ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt und unterziehen sich teilweise medizinischen Maßnahmen, um diese anzupassen.
Sowohl Caster Semenya als auch die algerische Boxerin Imane Khelif, die bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris Gold gewann, haben Abweichungen in der Geschlechtsentwicklung (DSD). Die Sportwissenschaftlerin Alun Williams sieht darin die Gefahr, dass sie und andere Betroffene durch die neuen Regelungen immer weiter aus dem Sport gedrängt werden. "Es gibt erhebliche ethische Bedenken, wenn eine große Zahl von Menschen - viele davon unter 18 - genetisch getestet wird und dabei potentiell lebensverändernde Informationen über die eigene Biologie erhält", sagte er gegenüber der BBC.
"Im Grunde kehren wir damit zu einem Ansatz aus den 1990er-Jahren zurück, einem System, das bereits ausprobiert und wieder verworfen wurde. Dabei wird versucht, ein biologisches Geschlecht auf das Vorhandensein eines einzelnen Gens auf dem Y-Chromosom zu reduzieren, was eine starke Vereinfachung darstellt."
Semenya von Coventry "enttäuscht"
Das IOC orientiert sich mittlerweile in seiner Politik zur weiblichen Kategorie an den Regeln von World Athletics (WA). Nachdem WA im vergangenen Jahr ihre Vorschriften geändert hatte, sagte Caster Semenya gegenüber der DW, dass sie sich gezielt angegriffen fühlte.
"Wenn man mit bestimmten körperlichen Merkmalen geboren wird, dann sind das eben die eigenen Merkmale - und sie machen einen nicht automatisch zu einer großartigen Athletin", sagte Semenya, die heute 35 Jahre alt ist. "Man wird durch Training, harte Arbeit, tägliche Präsenz und Hingabe zur Spitzensportlerin. Nicht wegen des Körpers, den man bekommen hat."
Die Entscheidung zur Regelanpassung fiel unter der Leitung von WA-Chef Sebastian Coe, der genau wie Semenya zwei olympische Goldmedaillen gewann. Ähnlich wie die neue IOC-Präsidentin Kirsty Coventry führte Coe die Änderungen kurz nach seinem Amtsantritt ein. Die Südafrikanerin Coventry betonte, dass die Politik ihrer Organisation auf Wissenschaft und Fairness basiere. "Bei Olympischen Spielen können schon kleinste Unterschiede über Sieg oder Niederlage entscheiden", erklärte sie in einer Stellungnahme. "Deshalb wäre es nicht fair, wenn biologische Männer in der weiblichen Kategorie antreten würden. Außerdem wäre es in einigen Sportarten schlichtweg nicht sicher", führte sie weiter aus.
Semenya, die eingeladen wurde, ihre Perspektive einzubringen, während das IOC das Verbot abwägte, fällt es schwer, diese Entscheidung zu akzeptieren. "IOC-Präsidentin Kirsty Coventry ist eine Frau aus Afrika, genau wie ich", schrieb Semenya im Time Magazine. "Ich hatte gehofft, sie wäre anders. Ich hatte gehofft, dass unsere gemeinsame Herkunft ihr bewusst macht, wie sehr diese Entscheidung Frauen aus dem globalen Süden treffen wird. Stattdessen hat sie uns enttäuscht."
Dieser Text wurde aus dem Englischen adaptiert.