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PolitikSerbien

Was wird aus den letzten unabhängigen Medien in Serbien?

2. März 2026

Bisher galten die Sender der United Group als kritisch gegenüber Serbiens Präsidenten Aleksandar Vucic. Nach einem Deal mit der staatlichen Telekom wächst die Sorge, dass der Medienkonzern diese Haltung aufgeben könnte.

Auf dem Bild steht ein großes blaues Schild mit dem weißen Logo "N1" und dem Hinweis, dass der Sender ein CNN‑Partner ist. Dahinter sieht man einen Gebäudeeingang mit Treppe und roten Geländern
Der Fernsehsender N1 ist eine wichtige Informationsquelle in den Ländern der Westbalkan-RegionBild: BalkansCat/Depositphotos/IMAGO

Brent Sadler berichtete als CNN-Reporter aus Kriegen im Tschad, in Israel oder auf den Falklandinseln. Nun gerät der 75-jährige Journalist in einen ganz anderen Konflikt - den um den serbischen Medienmarkt. Denn Sadler, der in Serbiens Hauptstadt Belgrad lebt, woher seine Ehefrau stammt, wurde offiziell zum Chief News Executive des Adria News Network (ANN) ernannt, einer neuen Struktur innerhalb des in den Niederlanden registrierten Medien‑ und Telekommunikationskonzerns United Group (UG).

Konkret soll Sadler ein Dutzend UG-Medien auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens redaktionell beaufsichtigen. Das könnte besonders in Serbien heikel werden - denn unter dem Dach von ANN befinden sich die Fernsehsender N1 und Nova S, die Tageszeitung Danas und das Wochenmagazin Radar.

Alle sind bekannt für ihre kritische Haltung gegenüber der Regierung in Belgrad - also gegenüber Präsident Aleksandar Vucic, der Serbien seit über einem Jahrzehnt mit harter Hand regiert. Kritiker werfen Vucic und seiner Serbischen Fortschrittspartei (SNS) vor, den serbischen Staat vereinnahmt, Jobs nach Parteigunst verteilt, ein System von Korruption aufgebaut und Wahlen manipuliert zu haben.

Abrechnung mit kritischen Journalisten

"Die Botschaft lautet, dass es bei ANN vorerst keinerlei Veränderungen gibt", berichtet eine DW-Quelle aus diesen Medien über das erste Treffen mit Sadler. "Wir arbeiten tatsächlich genauso weiter wie bisher." Doch wie lange noch? Diese Frage stellen sich viele ANN-Journalisten - ebenso wie die Öffentlichkeit in Serbien.

Aleksandar Vucic ist seit April 2017 Präsident der Republik SerbienBild: Filip Stevanovic/Anadolu/picture alliance

Die meisten Medien in Serbien gelten als Vucic-treu. Doch seit Ende 2024 ist die serbische Gesellschaft in Bewegung: Studierende blockierten monatelang ihre Fakultäten und fordern nun beharrlich Neuwahlen. Umso wichtiger wurden die UG-Medien, denn sie zählen zu den wenigen Orten in Serbien, an denen - neben sozialen Netzwerken - kritische Stimmen über Vucic zu hören sind.

Der Fernsehsender N1 ist besonders für Liveberichte bekannt, etwa von Anti-Regierungsprotesten, die zuletzt immer häufiger mit Polizeigewalt aufgelöst wurden. Regierungsvertreter meiden die ANN-Medien konsequent. Bei Pressekonferenzen gehört es zu Vucics Routine, ANN-Reporter öffentlich vorzuführen.

Geschäfte mit der serbischen Telekom

Erste Zweifel an der künftigen Linie von UG kamen Anfang vergangenen Jahres auf: Der Medienkonzern verkaufte den serbischen Kabelanbieter SBB - und überließ bei der Gelegenheit sämtliche Sportrechte der staatlichen Telekom, seinem bis dato größten Konkurrenten, der damit zum TV-Sport-Monopolisten nicht nur in Serbien, sondern auch in den Nachbarstaaten wurde. Telekom Serbien gilt als zentrales Instrument Vucics für Dominanz auf dem Medienmarkt. In den vergangenen Jahren hat das Unternehmen rund zwei Milliarden Euro in Sportrechte, Zukäufe kleinerer Betreiber und die Finanzierung regierungsnaher Sender investiert.

In Serbien gibt es viele Fernsehsender - aber nur wenige kritischeBild: Jelena Djukic Pejic/DW

Auf vielen dieser Kanäle - etwa beim boulevardesken TV Informer - werden die protestierenden Studierenden und andere Regierungskritiker als "ausländische Söldner", "Verräter" oder "Nazis" diffamiert und die Proteste insgesamt als angeblich vom Westen gesteuerte "farbige Revolution" dargestellt. Die Sorge um die verbleibenden freien Medien in dem Westbalkan-Land wächst, nachdem im vergangenen Sommer ein Mitschnitt eines freundschaftlichen Telefonats zwischen dem neuen UG-Chef und dem Telekom-Direktor publik wurde, in dem sie Geschäfte in Serbien besprachen.

UG verspricht Wahrung der Unabhängigkeit

Offiziell erklärt UG, das "illegal" aufgenommene Gespräch sei "aus dem Kontext gerissen" worden. Es gebe keinen Deal mit der serbischen Regierung, die Chefredaktionen behielten ihre Befugnisse, Entlassungen seien nicht geplant. Die Einführung von ANN und die Ernennung Sadlers erfolgten "speziell, um sicherzustellen, dass es keinerlei unzulässigen Einfluss von Regierung, politischen Akteuren, Anteilseignern oder dem Management der UG geben kann", so das Unternehmen gegenüber der DW.

Präsident Aleksandar Vucic und seine Partei dominieren die Printmedien in Serbien Bild: Rüdiger Rossig/DW

Angesichts dessen geben sich die Chefredakteure der UG-Medien in Serbien vorsichtig optimistisch. "Wir haben von der neuen Führung gehört, dass sie die redaktionelle Unabhängigkeit garantiert - und das ist das Mindeste, was wir erwarten", sagt Slobodan Georgiev, Nachrichtenchef von Nova. Doch hinter vorgehaltener Hand klingt das etwas anders. "Unter uns herrscht keine besondere Panik, niemand beeilt sich, einen neuen Job zu suchen. Aber wir kochen auf kleiner Flamme", sagt eine Journalistin, die anonym bleiben möchte.

Rade Veljanovski, emeritierter Professor an der Fakultät für Politikwissenschaft von Belgrad und Spezialist für Mediengesetzgebung in Serbien, hält es für "naiv" zu glauben, dass Regierung und ein Konzern so viele Mechanismen und so viel Geld in Bewegung setzen - und sich in der Berichterstattung nichts ändert. "Mir scheint, dass ein finaler Showdown vorbereitet wird, in dem die Regierung die Möglichkeit, unabhängigen Journalismus zu betreiben, vollständig unterdrücken wird", sagt Veljanovski der DW.

Regierung fürchtet Wahlen

Unklar ist, ob Vucic vorgezogene Parlamentswahlen, die die Protestierenden in Serbien fordern, noch in diesem oder erst Anfang kommenden Jahres zulassen wird. Umfragen deuten seit Monaten darauf hin, dass es für ihn diesmal deutlich schwerer werden könnte, die Macht zu halten - vor allem wegen der Popularität der sogenannten Studentenliste. Die Kandidaten der protestierenden Studentinnen und Studenten sind bisher nicht bekannt - doch angekündigt sind zahlreiche bekannte Akademiker, Aktivisten und Fachleute, die sich bisher nicht aktiv politisch engagiert hatten.

Veljanovski ist sicher: "Die Regierung will vor den nächsten Parlamentswahlen, wann immer sie auch stattfinden mögen, keine Medien dulden, die weiterhin kritisch berichten." Ein Verstummen der UG-Medien wäre seiner Ansicht nach das i-Tüpfelchen auf Vucics ohnehin schon jetzt weitreichender Kontrolle über die Medien in Serbien.

Der serbische Präsident, der allein im vergangenen Jahr rund 400 Live-Auftritte in Medien absolvierte, konnte seine Schadenfreude über die Entwicklungen bei UG kaum verbergen. Noch im letzten Februar hatte Vucic alle Probleme bei ANN auf angebliche Finanzprobleme des Mutterkonzerns zurückgeführt und behauptete, dort werde bald "ein bisschen Personal abgebaut".

"Dann werden wir helfen, einen Teil dieser Leute hier oder dort unterzubringen, vielleicht nehmen wir einige als PR-Leute", so Serbiens Präsident genüsslich.

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