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Sexismus im Fußball - Freiraum für Beleidigungen?

17. April 2026

Union Berlins neue Trainerin Marie-Louise Eta schreibt Fußball-Geschichte. Doch ihr Fall zeigt auch, dass Sexismus im Sport immer noch zum Alltag gehört.

Im Stadion von Darmstadt wird ein Banner gegen Sexismus hochgehalten. Der Schriftzug lautet: "Gemeinsam gegen Sexismus!"
Im Fußball gibt es immer wieder Kampagnen gegen Sexismus im Sport - doch hat sich dadurch bisher etwas geändert?Bild: Joaquim Ferreira/HMB-Media/IMAGO

Als die neue Trainerin von Union Berlin an diesem Donnerstag den Presseraum des Vereins betritt, warten zahlreiche Medienschaffende bereits. Das Interesse an Marie-Louise Eta ist groß, schließlich hat die 34-Jährige Geschichte geschrieben: Sie ist die erste Cheftrainerin in der Männer-Bundesliga. "Ich weiß, dass das eine gesellschaftliche Wirkung und Bedeutung hat", sagt Eta. "Aber mir geht es um Fußball."

Robin Afamefuna ist Profifußballer und Kapitän beim Viertligisten Fortuna Köln, Kulturanthropologe und Doktorand. Seine Forschungen beschäftigen sich mit Sexismus und Rassismus im Fußball. Es sei, so der 29-Jährige, ungemein wichtig, dass Union mit Marie-Louise Eta jetzt eine Cheftrainerin habe.

Eta ist Vorbild für viele junge Frauen

"Wenn wir über Sichtbarkeit und Vorbilder sprechen, über das, was junge Mädchen jetzt sehen, dann ist die Verpflichtung sehr wichtig", sagt Afamefuna im Interview mit der Deutschen Welle (DW). "Mädchen sehen, dass es eine Möglichkeit gibt, diesen Job irgendwann mal auszuüben. Und das hat man vorher einfach nicht gehabt."

Der Deutsche Fußballbund (DFB) verfügt aktuell über rund 4000 Trainerinnen, die eine C- oder Pro-Lizenz haben und im Profibereich trainieren dürften. In den vergangenen fünf Jahren ist diese Zahl um rund 25 Prozent gestiegen, dennoch ist der Anteil von Trainerinnen in den höchsten europäischen Ligen marginal.

Afamefuna: "Ein strukturelles systematisches Problem"

Nun tritt Eta die Nachfolge von Coach Steffen Baumgart an und ist damit die erste Cheftrainerin in einer europäischen Top-Liga. Doch neben viel Zuspruch hagelt es auch sexistische und diskriminierende Kommentare in Sozialen Netzwerken.

"Es beschäftigt mich nicht", so Eta. "Es sagt mehr über die aus, die das ins Netz stellen, als über die, über die was losgelassen wird."

Union Berlins Marie-Louise Eta bei ihrem ersten Trainings als Cheftrainerin in der Männer-BundesligaBild: Matthias Koch/IMAGO

Afamefuna dagegen beschäftigt sich genau mit solchen Themen und warnt: "Oft wird dann von Einzelfällen gesprochen", so der Wissenschaftler. Doch wer das tue, verkenne die Situation dramatisch.

"Es ist ein sehr tief verankertes strukturelles systemisches Problem, von dem Frauen im Fußball betroffen sind", sagt er. "Man muss davon sprechen, dass Frauen im Fußball benachteiligt werden, und diese Strukturen gilt es aufzubrechen."

Rassistische und sexistische Vorfälle in Stadien

Fußballprofi Afamefuna forscht in seiner wissenschaftlichen Arbeit zu Sexismus, Rassismus und patriarchalen Rollenbildern - und spricht auch aus eigener Erfahrung. Der Sohn eines nigerianischen Vaters und einer deutschen Mutter ist selbst immer wieder Opfer von systematischer Diskriminierung - auf und neben dem Fußballplatz.

Als von Rassismus Betroffener habe sich in den vergangenen Jahren nicht viel verändert, schon gar nicht zum Positiven, sagt er. Es gebe zwar Entwicklungen, die Hoffnung machen, aber rassistische und sexistische Anfeindungen seien immer noch Teil des Alltags.

Besonders im Fußballstadion kommt es immer wieder zu diskriminierenden Vorfällen. Menschen fühlen sich auch 2026 immer noch dazu berechtigt, Schiedsrichter, Schiedsrichterinnen, Spieler oder Spielerinnen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Hautfarbe zu beleidigen.

Robin Afamefuna ist Fußball-Profi bei Fortuna Köln und forscht zum Thema Sexismus und Rassismus im FußballBild: Marie Köhler

"Wir haben im Fußball oftmals die Diskussion, ob das Stadion als ein sicherer Raum wahrgenommen wird", sagt Afamefuna. Vor allem weiße Männer würden das oft bestätigen: Jeder könne sein, wie er will und gehöre dazu. Egal wie man aussieht, egal wo man herkommt. Aber, so der Wissenschaftler: "Das stimmt einfach nicht!"

Ein Grundrecht auf Beleidigungen?

"Wir leben in einer Gesellschaft, die sehr patriarchal geprägt ist. In dieser Gesellschaft wird oftmals die weiße, männliche Perspektive als die Norm angesehen", erklärt Afamefuna. "Und der Fußball ist sehr weiß und männlich dominiert. Dadurch werden viele Klischees, gewisse Denk- und Verhaltensmuster, ins Stadion oder in den Fußball getragen." So entstehe dann systemische Diskriminierung.

Dadurch sei eine Kultur geschaffen worden, in der sich sehr viele Menschen dazu berechtigt fühlen, einfach zu machen, was sie möchten, weil sie ein paar Euro Eintritt bezahlt haben: "Schreien, was sie wollen, rassistisch, sexistisch oder generell Spieler und Spielerinnen beleidigen."

Afamefuna werde in Gesprächen immer wieder gespiegelt, dass das immer so war und bitteschön auch immer so bleiben soll. "Es ist wie ein Grundrecht für viele Menschen diesen Raum zu haben, um dieses Verhalten zeigen zu dürfen. Das sehe ich als hochproblematisch."

Positive Signale im Fußball

Doch der Wissenschaftler sieht auch positive Signale in der Gesellschaft: Die erste Cheftrainerin in der Bundesliga zum Beispiel, aber auch Bayerns Vincent Kompany erwähnt er. "Es ist für mich unfassbar wichtig zu sehen, dass man jetzt einen Schwarzen Trainer beim FC Bayern München hat."

Vincent Kompany trainiert den FC Bayern München seit 2024 und hat in seiner ersten Saison direkt die Meisterschaft gewonnenBild: Michael Nibel/HMB Media/picture alliance

Auch Eta ist sich ihrer besonderen Vorbildrolle bewusst und möchte durch ihre Tätigkeit bei Union Berlin "vielleicht Wege und Türen öffnen und Inspiration schaffen, damit auch junge Mädchen sehen, was alles möglich ist".

Noch wichtiger wäre es ihr, wenn es die Frage nach dem Geschlecht im Fußball irgendwann gar nicht mehr geben würde. Es wäre schön, "wenn es nur noch um den Sport geht und wenn es nur noch um Leistung geht - ganz unabhängig vom Geschlecht", so Eta.

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