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Sexuelle Gewalt in Indien: Vergewaltigung als Normalität?

Murali Krishnan
6. März 2024

Wegen der brutalen Gruppenvergewaltigung einer spanischen Touristin ist Indien wieder einmal international in den Schlagzeilen. Die Tat ist kein Einzelfall: Sexualverbrechen haben in dem Land zuletzt sogar zugenommen.

Indien | Protest gegen die mutmaßliche Vergewaltigung und Ermordung
Allein im Jahr 2022 wurden in Indien durchschnittlich fast 90 Vergewaltigungen pro Tag gemeldet, wie aus Daten des indischen National Crime Records Bureau (NCRB) hervorgeht.Bild: Danish Siddiqui/REUTERS

Sieben Männer sind angeklagt, eine spanische Touristin im Distrikt Dumka im ostindischen Bundesstaat Jharkhand brutal vergewaltigt zu haben. "Sie haben mich vergewaltigt. Sie wechselten sich ab, während einige zusahen. Und das für etwa zwei Stunden", sagte das Opfer, das die brasilianische und spanische Staatsbürgerschaft besitzt, dem spanischen Fernsehsender Antena 3.

Die 28-jährige Vloggerin und ihr 64-jähriger Ehemann sind seit mehreren Jahren auf ihren Motorrädern rund um die Welt unterwegs. Das Paar war durch mehrere Teile Asiens gereist, bevor es vor einigen Monaten Indien erreichte.

Der Angriff ereignete sich am 1. März rund 300 Kilometer von der Landeshauptstadt Ranchi entfernt, wo das Paar die Nacht in einem Zelt verbrachte, teilte die Polizei mit. Sie hatten sich für das Zelten entschieden, weil sie keine Hotels zum Übernachten gefunden hatten.

Fast täglich werden in Indien brutale Vergewaltigungen gemeldet. Berichte über grausame sexuelle Übergriffe haben in den letzten Jahren noch zugenommen. Nur wenige Tage nach dem Angriff auf die spanische Touristin, wurde eine weitere 21-jährige Bühnenkünstlerin aus dem zentralindischen Bundesstaat Chhattisgarh mutmaßlich von ihren Künstlerkollegen im Bezirk Palamu in Jharkhand sexuell missbraucht, teilte die Polizei mit.

In diese Serie schrecklicher Angriffe reiht sich ein weiterer Vorfall am Wochenende. Ein 17-jähriges Mädchen wurde mutmaßlich von zwei Männern sexuell genötigt, als sie nach einer Hochzeitsfeier im Bezirk Hathras im Norden von Uttar Pradesh nach Hause zurückkehrte. Die erschreckend brutale Natur dieser Taten hat die indische Gesellschaft schockiert und die Frage der Sicherheit von Frauen erneut ins Rampenlicht gerückt.

Kriminalitätsstatik ergibt kein vollständiges Bild

Im Jahr 2022 wurden in Indien durchschnittlich fast 90 Vergewaltigungen pro Tag registriert, wie aus Statistik des indischen National Crime Records Bureau (NCRB) hervorgeht. Das sind bei 1,4 Milliarden Einwohnern rund 2,3 Fälle im Jahr pro 100 000 Einwohner. 

Diese Zahlen sind im Vergleich zu den Statistiken in der EU zwar eher gering. So wurden laut Eurostat in Deutschland im Jahr 2021 rund 12,7 Vergewaltigungen pro 100 000 Einwohner gezählt.  

Die tatsächliche Zahl in Indien dürfte aber viel höher liegen, da viele dieser Verbrechen nicht gemeldet werden. Die Opfer werden stigmatisiert, haben Angst vor Repressalien und mangelndes Vertrauen in die polizeilichen Ermittlungen.

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26:06

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"Wir erleben jetzt die schlimmste Phase von sexueller Gewalt und Frauenfeindlichkeit", sagt Kavita Srivastava, Generalsekretärin der indischen Menschenrechtsorganisation Peoples Union of Civil Liberties, im Gespräch mit der DW. "Das ist das neue Indien, in dem es einen völligen Zusammenbruch der Rechtsstaatlichkeit zu geben scheint, was Frauen direkt am meisten betrifft, da es auch eine Zeit der unverfrorenen Konsolidierung des Patriarchats ist."

"Zum Beispiel werden die Trolle in den sozialen Medien, die jede selbstbewusste Frau oder ihre Tochter entweder zum Schweigen bringen, missbrauchen oder vergewaltigen wollen, nicht zur Rechenschaft gezogen", sagte Srivastava.

"Mit der zunehmenden Straflosigkeit für die Täter und den juristischen Instrumenten, die in den Händen der politisch Verantwortlichen liegen "ist der Kampf gegen Vergewaltigungen schwierig geworden".

Jaya Velankar, Direktorin von Jagori, einer Frauenrechtsorganisation, sieht den Anstieg von Sexualverbrechen gegen Frauen im Land als Ergebnis einer Kultur der Straflosigkeit von oben nach unten, die als ermutigender Faktor für diejenigen wirke, die sich als überlegen ansehen.

"Das ist eine Gegenreaktion darauf, dass Frauen mehr öffentliche Räume besetzen und die männliche Hegemonie in fast allen Lebensbereichen in Frage stellen", sagt Velankar im Gespräch mit der DW.

"Die meisten Männer sind überfordert und wissen nicht, wie sie mit ihrem angeschlagenen Ego umgehen sollen. Die weit verbreitete Arbeitslosigkeit hat eine allgemeine Hoffnungslosigkeit geschaffen", fügte sie hinzu. Velankar verweist auf die geringe Zahl der Verurteilungen. Die Fälle würden sich im indischen Strafrechtssystem seit Jahren aufstauen.

"Schleppende Ermittlungen in Vergewaltigungsfällen mit nachlässigem Einsammeln von Beweisen, noch bevor diese offiziell eingeleitet werden, sind ebenfalls Faktoren, die dazu beitragen, dass die Machthaber und diejenigen mit politischen Verbindungen ungeschoren davongekommen sind", sagte Velankar.

Schutzlosigkeit 

Dabei sind die Gesetze als Reaktion auf die berüchtigte Gruppenvergewaltigung und Ermordung der 23-jährigen Studentin Jyoti Singh strenger worden. Die grausame Tat löste im Jahr 2012  landesweite Proteste aus und rückte die Frage nach Sicherheit für Frauen ins Rampenlicht. Der tödliche Angriff auf Singh führte zu verschärften Gesetzen gegen sexualisierte Gewalt, die mit der Todesstrafe geahndet werden darf. 

Trotzdem ist die Sexualkriminalität nicht verschwunden. Vergewaltigungen sind sogar noch aggressiver und brutaler geworden. Sie entwickelten sich zu einem gewissen Grad zu einer Form von Selbstjustiz und Gangstertum.

Besonders gefährdet: Proteste nach Gruppenvergewaltigung und Ermordung an Dalit-FrauenBild: Sukhomoy Sen/NurPhoto/picture alliance

Menschenrechtsgruppen weisen darauf hin, dass Frauen aus der untersten Stufe der jahrhundertealten diskriminierenden Kastenhierarchie Indiens, bekannt als Dalits, besonders anfällig für sexuelle Gewalt und andere Übergriffe sind. Männer aus gesellschaftlich dominierenden Kasten würden Gewalt oft als Waffe einsetzen, um repressive Geschlechter- und Kastenhierarchien zu verstärken.

Und obwohl die Zahl der gemeldeten Vergewaltigungsfälle gestiegen ist und sich immer mehr Frauen zu Wort melden, ist die Verurteilungsrate im Land nach wie vor niedrig. In vielen Fällen wird oft der Mangel an Beweisen als Grund für die niedrige Verurteilungsrate oder für die Aufhebung von Verurteilungen durch höhere Gerichte angeführt.

"Was der spanischen Touristin  passiert ist, ist völlig inakzeptabel und spricht Bände über die Gesetzlosigkeit im Land", sagt Amod Kanth, ein ehemaliger Polizeibeamter, im Gespräch mit der DW. "Wir wissen, dass es eine hohe Dunkelziffer bei Sexualverbrechen gibt, und das muss sich ändern."

Redaktion: Keith Walker

Aus dem Englischen adaptiert von Florian Weigand