Dunkelfeldstudie: Gewalttaten werden kaum angezeigt
10. Februar 2026
Bei psychischer und körperlicher Gewalt in Partnerschaften in Deutschland werden 19 von 20 Taten nicht angezeigt. Das ist ein Ergebnis der umfassenden "Dunkelfeldstudie", die gemeinsam von Bundesfamilienministerium, Bundesinnenministerium und Bundeskriminalamt (BKA) erarbeitet und in Berlin nun vorgestellt wurde. Die Untersuchung soll Licht in jene Bereiche bringen, die eben nicht bei den Behörden aktenkundig sind.
Frauen und Männer fast gleich von psychischer Gewalt betroffen
Die Befragung ergab, dass grundsätzlich Männer und Frauen von psychischer und körperlicher Gewalt in Partnerschaften beinahe gleichermaßen betroffen sind: So erlebten 23,8 Prozent der Frauen und 23,3 Prozent der Männer in den zurückliegenden fünf Jahren psychische Gewalt in Paarbeziehungen oder ehemaligen Paarbeziehungen. Über die gesamte Lebenszeit erstreckte sich die Betroffenheit auf 48,7 Prozent der Frauen und 40 Prozent der Männer. Hier wurden etwa emotionale, kontrollierende und ökonomische Gewalt erfasst.
Bei der körperlichen Gewalt waren im Fünfjahreszeitraum mit 6,1 Prozent etwas mehr Männer als Frauen (5,2 Prozent) betroffen, über die gesamte Lebenszeit waren es 18 Prozent der Frauen und 14 Prozent der Männer.
Deutliche Unterschiede bei sexualisierter Gewalt
Bei sexualisierter Gewalt sind Frauen grundsätzlich stärker betroffen: 62,3 Prozent der Frauen und 28,6 Prozent der Männer gaben in der Befragung an, schon einmal sexuell belästigt worden zu sein. 48,8 Prozent der Frauen und 12,3 Prozent der Männer machten demnach Erfahrungen mit einer Belästigung "mit Körperkontakt". Sexuelle Übergriffe - also eine sexuelle Handlung gegen den eigenen Willen - erlebten 17,8 Prozent der Frauen und 4,3 Prozent der Männer.
Über nahezu alle Gewaltformen hinweg sind Angehörige der LGBTQ-Gemeinschaft (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans und Queere) sowie Menschen mit Migrationshintergrund stärker betroffen. Auch hier sind es vor allem Frauen.
Gewalt während der Kindheit weit verbreitet
Außerdem wird deutlich, dass Gewalterfahrungen in der Kindheit weit verbreitet sind: Jedes zweite Kind berichtete von körperlicher Gewalt durch Erziehungsberechtigte, jedes vierte Kind von Gewalt zwischen den Erziehungsberechtigten.
Die Studie erfasst erstmals auch systematisch das Phänomen der digitalen Gewalt. Demnach erlebten 20 Prozent der befragten Frauen und 13,9 Prozent der Männer in den zurückliegenden fünf Jahren Formen sexualisierter Belästigung oder Gewalt im Netz - darunter etwa Stalking, aber auch Identitätsdiebstahl. Jüngere waren deutlich stärker betroffen.
Die Anzeigebereitschaft ist unabhängig von der Gewaltform niedrig und liegt in den meisten Fällen bei unter zehn Prozent. Bei psychischer und körperlicher Gewalt in Partnerschaften oder früheren Partnerschaften sind es weniger als fünf Prozent, bei Gewalt im digitalen Raum noch weniger.
Schweigen: Ein Ausdruck auch von Angst
"Dieses Schweigen ist kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck von Angst und offenbar fehlenden Zugängen zu Hilfe", sagte Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU). BKA-Präsident Holger Münch erklärte, die Studie liefere belastbare Daten, um die Schutz- und Hilfsangebote auszuweiten. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) kündigte an, man werde eine "Tarn App" weiterentwickeln, die es Opfern ermögliche, Gewalttaten verdeckt zu dokumentieren - auch wenn die Taten erst später vor Gericht verhandelt würden.
Für die repräsentative "Dunkelfeldstudie" mit dem Titel "Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag" waren zwischen Juli 2023 und Januar 2025 bundesweit insgesamt 15.479 Männer und Frauen im Alter zwischen 16 und 85 Jahren befragt worden.
se/wa (afp, dpa, epd, rtr)