"Sick!" -Extremkletterer Honnold ohne Seil auf Wolkenkratzer
25. Januar 2026
Als Alex Honnold nach rund anderthalb Stunden die abgerundete, etwa einen Meter breite Spitze des Taipei 101 erreichte, riss er die Arme hoch und winkte den Tausenden von jubelnden Menschen zu, die 508 Meter tiefer vom Boden aus seinen Aufstieg verfolgt hatten. Der 40 Jahre alte US-Amerikaner war "free solo", das heißt alleine und ohne jede Sicherung, an der Fassade des einst höchsten Gebäudes der Welt hinaufgeklettert. Als er oben ankam, rief er aus: "Sick!"
Kritik an Live-Übertragung
Während Honnold das englische Wort eher im Sinne von "krass" oder "cool" gebrauchte, würden die Kritiker des Projekts es wohl eher mit "krank" übersetzen. Im Vorfeld des Projekts in Taiwan war vor allem darüber diskutiert worden, dass Netflix, mit rund 30 Millionen Abonnenten der größte Streamingdienst der Welt, den potentiell tödlichen Aufstieg live übertrug.
So hatte die Medienethikerin Claudia Paganini gegenüber der DW Netflix vorgeworfen, "voyeuristische Dynamiken" zu fördern und das Risiko bewusst einzusetzen, um Reichweite und finanziellen Gewinn zu steigern. Die Wissenschaftlerin von der Universität Innsbruck hatte auch vor einem möglichen Nachahmungseffekt gewarnt. Kinder und Jugendliche könnten denken, riskantes Verhalten sei völlig normal, so Paganini.
"Nicht viel anders als das, was ich sonst mache"
Honnold, der zu den besten Felskletterern der Welt zählt, konnte die Aufregung nicht nachvollziehen. Er hatte sich nach eigenen Worten schlicht einen Traum erfüllt. Schon vor mehr als zehn Jahren habe er beantragt, den Taipei 101 erklettern zu dürfen, sagte der Vater zweier kleiner Töchter, der unmittelbar nach seinem Erfolg auf einem der oberen Stockwerke seine Ehefrau in die Arme schloss.
Wegen Regen war das Projekt am Samstag aus Sicherheitsgründen abgesagt und um 24 Stunden verschoben worden. Honnold hatte sich zweieinhalb Monate gezielt auf die Fassadenkletterei vorbereitet. "Die Leute schauen auf das Projekt und sagen: Das ist riskant oder gefährlich. Aber für mich ist es nicht so viel anders als das, was ich sonst mache", sagte der Extremkletterer.
Hohes Honorar
Honnold war in seiner Kletterkarriere häufig auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod unterwegs. So kletterte er 2017 als Erster ohne Seilsicherung in nur vier Stunden durch die 900 Meter hohe Granitwand des legendären El Capitan im Yosemite-Nationalpark in den USA - auf der extrem herausfordernden Route "Freerider", die 1995 von dem deutschen Top-Kletterer Alexander Huber eröffnet worden war.
Der Dokumentarfilm "Free Solo" über Honnolds Aufstieg wurde 2019 mit einem Oscar ausgezeichnet und erreichte in den Kinos und später über Streaming-Dienste ein Millionenpublikum.
Für die Aktion am Taipei 101 kassiere Honnold von Netflix einen mittleren sechsstelligen Dollar-Betrag, hatte die "New York Times" unter Berufung auf anonyme Quellen berichtet. Der Kletterer selbst hatte gegenüber der US-Tageszeitung keine Summe genannt, sondern lediglich von einem "peinlich hohen Betrag" gesprochen. Er würde den Wolkenkratzer aber auch umsonst besteigen, sagte Honnold.
Präsident Taiwans freut sich über PR-Effekt
Es war nicht das erste Mal, dass jemand die Fassade des Taipei 101 hinaufkletterte. An Weihnachten 2004 hatte dies bereits der französische Freikletterer Alain Robert gemacht. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit war der "French Spiderman", wie er sich selbst nennt, bei dieser Fassadenkletterei allerdings von oben mit einem Seil gesichert und ganz legal unterwegs gewesen. Die Regierung Taiwans hatte ihn für diese Aktion engagiert, um für den damals noch neuen Wolkenkratzer zu werben.
Auch diesmal war die Regierung erfreut über den PR-Effekt für den Inselstaat. "Meine Glückwünsche an Alex [Honnold - Anm. d. Red.] zu dieser bemerkenswerten Leistung und mein herzlicher Dank an alle, die hinter den Kulissen mitgewirkt haben", schrieb Taiwans Präsident Lai Ching-te auf der Plattform X. "Heute hat die Welt nicht nur den [Taipei] 101 gesehen, sondern auch den Geist und die Schönheit Taiwans."