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Musik

Simone Young: "Deutschen ist Kultur wichtig"

Rick Fulker
5. Februar 2017

Die australische Dirigentin Simone Young schätzt die Begeisterung der Deutschen für die Kultur. Nur auf den "intellektuellen Snobismus" mancher Regisseure könne sie gut verzichten, sagt sie im DW-Interview.

Australien Dirigentin Simone Young in Sydney
Bild: Getty Images/P. Riviere

Die US-Amerikanerin Marin Alsop, die Mexikanerin Alondra de la Parra, die Litauerin Mirga Gražinytė-Tyla und die Estin Anu Tali machen seit einigen Jahren als Dirigentinnen in der Klassikwelt Furore. Eine Vorreiterin in diesem Beruf, der lange eine Männerdomäne war, ist die Australierin Simone Young. Seit über 30 Jahren arbeitet sie in Deutschland - davon zehn Jahre lang in Hamburg als Generalmusikdirektorin und Intendantin der Staatsoper. Seit etwa anderthalb Jahren ist sie als freiberufliche Dirigentin unterwegs und bei einer ganzen Reihe internationaler Orchester gefragt.

Deutsche Welle: Die DW startet Anfang Februar ein Fernsehprogramm mit Kulturinhalten. Wie finden Sie das?

Simone Young: Es überrascht mich, dass es das nicht schon längst gibt! Man merkt im Alltag, wie wichtig die Kultur im Leben der Deutschen ist. Man braucht zum Beispiel nur Gesprächen zu lauschen, die sie führen, wenn sie im Ausland sind oder wenn sie im Zug reisen. Da bekomme ich meistens Lust, mich einzuschalten.

Sie waren zehn Jahre lang Intendantin der Staatsoper Hamburg. Ich habe den Eindruck, dass deutsche Musikkritiker viel strenger in der Beurteilung neuer Opernproduktionen sind als ausländische. Was sagt das über die deutsche Einstellung zur Kultur aus?

Young beim Silvesterkonzert 2014 in der Laeiszhalle in Hamburg Bild: picture-alliance/Jazzarchiv

Das hat viel damit zu tun, dass die Hochkultur im Leben der Deutschen eine zentrale Rolle spielt - ganz anders als etwa in der englischsprachigen Welt. Hierzulande wird erwartet, dass die Inszenierung eines klassischen Werks eine politische Aussage enthalten und gesellschaftlich relevant sein soll. Ich finde es großartig, dass die Kultur in Deutschland großgeschrieben wird. Dabei wäre es manchmal besser, wenn die Regisseure dem Publikum weniger Denkvorgaben machen würden. Manchmal kommt da ein gewisser intellektueller Snobismus zum Vorschein.

Einmal ganz global betrachtet: Welche Eigenschaft würden Sie den Deutschen zuschreiben?

Das verändert sich derzeit rasant schnell. Aber mich hat es schon immer fasziniert, wie gerne Deutsche bereit sind, ernste und tiefschürfende Diskussionen über Politik oder auch über Religion zu führen. In meiner australischen Heimat unterhielt man sich früher in gesitteter Gesellschaft nicht über die Politik! Das heißt natürlich nicht, dass jede geäußerte Meinung, die man hört, gleich viel wert ist. Aber die Bereitschaft, über Grundsätzliches nachzudenken, gut informiert zu sein und seine eigene Position zu kennen und zu verteidigen sind positive Qualitäten - gerade in unserer Zeit des schnellen Wandels. Das finde ich auch sehr sympathisch.

Welche Wertevorstellungen sollten aus Deutschland in die Welt transportiert werden - oder ist das überhaupt wichtig, dies zu tun?

Oja, das brauchen wir in Zeiten von Brexit und Donald Trump mehr als je zuvor! Einzelne Nationen beschäftigen sich zurzeit zunehmend und in erster Linie mit sich selbst. Aber durch ihre Geschichte - auch durch die historische Schuld - sind die Deutschen bereit, sich mit der Welt auseinanderzusetzen. Sie wissen auch, wie viel das moderne Deutschland dem Rest der Welt zu verdanken hat. So sieht das zumindest aus meiner Perspektive aus.

Alexander Borodins Oper "Fürst Igor", eine Inszenierung von 2012. Damals war Young Intendantin der Hamburger StaatsoperBild: Forster

Wenn man in diesem Sinne von einer "Marke Deutschland" sprechen kann, sind Sie dann eine Botschafterin dafür?

Ich und andere Zeitgenossen aus Australien - ich denke etwa an den Komponisten Brett Dean - wurden durch die deutsche Kulturszene sehr bereichert. Wenn ich in Übersee auftrete, werde ich inzwischen sogar als "deutsche Dirigentin" gehandelt. Das kommt daher, weil ich einen eher deutschen Stil des Dirigierens habe und eine große Affinität zum Kernrepertoire besitze, so wie es hierzulande gepflegt wird. Ich werde in einer Gruppe zusammen mit Kollegen, die ich sehr schätze, kategorisiert und befinde mich damit in guter Gesellschaft.

Sie haben langjährige Berufserfahrung in Deutschland. Wie laufen die Arbeitsprozesse hier ab - etwa im Opernbetrieb  - im Vergleich zu anderen Ländern, beispielsweise Australien?

In anderen Ländern packt jeder überall an. In Deutschland hört man dafür anfangs immer wieder drei Sätze. Zuerst: "Es geht nicht." Dann: "Es war ja immer so." Und schließlich das unvermeidliche "Ich bin aber nicht dafür zuständig." Hierzulande erledigen die Menschen genau das, was ihnen aufgetragen wird. Dafür machen sie es unglaublich gut und professionell - auch wenn sie manchmal nicht gern über ihren eigenen Verantwortungsbereich hinaus weiterdenken. Wenn man jedoch etwas Geduld aufbringt, erlebt man nach anfänglichen Schwierigkeiten äußert gewinnbringende Situationen mit leidenschaftlichen Menschen, die sich bestens auskennen.

Heute genießt Simone Young die Zeit als freischaffende Dirigentin ohne AmtsverpflichtungenBild: picture-alliance/dpa

Vor etwa zwanzig Jahren waren Sie bei manchen Orchestern die erste Frau, die je vor den Musikern stand. Mittlerweile sind aber einige Dirigentinnen unterwegs. Stellen Sie diesbezüglich einen Wandel in der allgemeinen Einstellung zu Frauen am Pult fest - oder erfahren Sie ihn sogar selber?

Wenn man bedenkt, dass viele Orchester in etwa halb männlich, halb weiblich besetzt sind, dann war das beileibe nicht immer so. Es war nur eine Frage der Zeit, dass sich diese Entwicklung bis hin zu den Spitzenpositionen durchsetzt. Unter den aufstrebenden Dirigentinnen findet man übrigens nur wenige Deutsche. Meine Erklärung dafür: In Deutschland herrscht anscheinend immer noch die Einstellung vor, dass Frauen für gewisse Zeit Berufspausen einlegen müssen, um sich um Kinder und Familie zu kümmern. So funktioniert das aber nicht in der Musikwelt! Dienst am Wochenende und spätnachts, das permanente Reisen: Das ist nicht gerade familienfreundlich. Australische, amerikanische, russische und britische Frauen schlagen sich als Dirigentinnen zurzeit eher durch - vielleicht weil sie dieses Anspruchsdenken nicht haben.

Das Gespräch führte Rick Fulker.

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