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MusikIsrael

Sistanagila: Wo Iraner und Israelis gemeinsam Musik machen

Elizabeth Grenier
23. März 2026

Das Berliner Musikensemble Sistanagila vereint Musiker aus Israel und dem Iran. Sie vermitteln eine Botschaft der Hoffnung auf eine bessere Zukunft - auch in Zeiten des US-israelischen Kriegs gegen den Iran.

Plakat der Band Sistanagila: Mehrere Musiker spielen Instrumente rund um einen gedeckten Tisch.
Sistanagila verbinden iranische und israelische MusikstileBild: Esra Rotthoff

Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran, dem jahrzehntelange politische Spannungen vorausgegangen sind, hat die weltweite Wahrnehmung von Israel und dem Iran geprägt. Doch trotz der historischen Feindseligkeiten wollen Musiker aus beiden Ländern in Berlin zeigen, dass gegenseitiges Zuhören und Neugier aufeinander die Menschen verbinden kann - egal woher sie kommen.

Die Idee zum Musikensemble Sistanagila hatte Babak Shafieian - ein Iraner, der als junger Erwachsener zum Studium nach Deutschland gezogen ist. Er entwickelte das Projekt vor etwa 15 Jahren. Damals hatte er das Bedürfnis, Stellung gegen die antisemitische Rhetorik Mahmud Ahmadinedschads zu beziehen: Der damalige Präsident Irans sorgte mit seinem Leugnen des Holocausts und seinen Drohungen, den Staat Israel zu vernichten, international für Schlagzeilen.

Inspiration durch Daniel Barenboim

"Das spiegelte nicht meine Haltung gegenüber Israel und dem jüdischen Volk wider", sagte Shafieian gegenüber der DW. "Deshalb dachte ich, wir könnten gemeinsam - Iraner und Israelis - etwas schaffen, das zeigt, dass es zwischen den beiden Völkern ein Gefühl der Solidarität gibt."

Shafieian ließ sich vom musikalischen Hintergrund seiner eigenen Familie und von Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra inspirieren, in dem jüdische und palästinensische Musiker Seite an Seite klassische Musik spielen. Zur Gründung der Gruppe fand Shafieian zunächst einen israelischen Musiker und Komponisten, der später zum musikalischen Leiter des Ensembles wurde: Yuval Halpern.

Daniel Barenboim dirigiert das West-Eastern Divan OrchestraBild: Gerald Matzka/dpa/picture alliance

Halpern erinnert sich an Shafieians erste E-Mail: "Ich war zunächst etwas vorsichtig, denn normalerweise nehmen Iraner keinen Kontakt zu Israelis auf. Und ich dachte, er könnte ein Terrorist sein oder jemand, der mich entführen will", erzählt er der DW. Doch nachdem er über Shafieian im Internet nachgeforscht hatte, entschied Halpern, dass es sicher genug sei, den Fremden zu treffen - in einem Hummus-Restaurant in Neukölln, Berlins bekanntestem arabisch geprägten Stadtteil.

Von dort aus fanden sie weitere Musiker aus ihren jeweiligen Heimatländern. "Das ist ein Projekt, das nur in Berlin möglich ist - nicht in Israel, nicht im Iran", betont Halpern, der in der Band auch singt.

Persische und jüdische Volksmusik trifft auf Jazz und Prog-Rock

Die israelischen und iranischen Musiker von Sistanagila erkunden gemeinsam ihr musikalisches Erbe und verbinden verschiedene Traditionen miteinander, darunter Elemente der persischen klassischen Musik, jüdische Gesänge und Klezmer-Melodien. "Wir haben viele Gemeinsamkeiten in der sephardischen Musik entdeckt, die eher orientalische Klänge aufweist, wie zum Beispiel arabische Tonarten", erklärt Halpern. Doch jeder Musiker bringe seine eigenen Einflüsse ein: "Unser Gitarrist mag Heavy Metal, ich komme aus der klassischen Musik, und wir haben Jazzmusiker", erklärt der israelische Komponist.

Auch der Name des Ensembles verbindet die beiden Kulturen: "Sistan" bezieht sich auf die iranische Provinz Sistan und Belutschistan, während "Nagila" an das bekannte jüdische Volkslied "Hava Nagila" erinnert.

Musik als Friedensprojekt

"Jeder in der Gruppe hat seine eigene politische Meinung. In dieser Hinsicht sind die Ansichten sehr unterschiedlich," sagt Bandmanager Babak Shafieian mit Blick auf die komplexe geopolitische Lage im Nahen Osten. "Es gibt immer wieder Diskussionen, aber glücklicherweise sind wir uns im Großen und Ganzen einig, was die Freundschaft zwischen dem israelischen und dem iranischen Volk angeht."

Halpern ergänzt: "Die Leute fragen uns, ob es sich um ein politisches Projekt handelt. An sich sind unsere Inhalte jedoch nicht politisch. Wir singen keine Lieder gegen ein Regime oder für ein Land, oder um zu fragen: 'Ist Israel oder der Iran besser?' Das steht nicht im Mittelpunkt des Projekts. Wir machen gemeinsam Musik. Wir wollen gemeinsam etwas Schönes schaffen. Und genau das ist das Friedensprojekt," erklärt er und fügt dennoch hinzu: "Natürlich ist es ein politisches Projekt und ein Statement von Israelis und Iranern, die zusammenarbeiten. Deshalb ist dieses Projekt so wichtig: um zu zeigen, dass nicht die Menschen das Problem sind, sondern die Regierungen und die Politiker."

Die arabische Kultur gehört in Neukölln zum StraßenbildBild: picture alliance / Winfried Rothermel

Angesichts des Kriegs der USAund Israels gegen den Iran hofft Babak Shafieian, dass das iranische Volk nicht vergessen wird, "denn jetzt könnte es für die Menschen dort noch gefährlicher werden, wenn sie mit dem Regime allein gelassen werden". Er könne nur hoffen, dass dieser Krieg "auch der letzte sein wird".

Er sieht sein Musikprojekt als eine von vielen künstlerischen, politischen und sozialen Initiativen, die sich derzeit dafür einsetzen, engere Beziehungen zwischen dem iranischen und dem israelischen Volk aufzubauen: "Sistanagila zeigt eine Perspektive für die Zukunft - hoffentlich die nahe Zukunft -, dass Iraner und Israelis Freunde sein können und dass beide Länder Freunde werden und umfassende Beziehungen aufbauen können."

Adaption aus dem Englischen: Katharina Abel

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