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FilmNahost

So schwer ist es für israelische und palästinensische Filme

6. Oktober 2025

Zwei Jahre nach Ausbruch des Krieges zwischen der Hamas und Israel haben Filmemacher, die die Krise thematisieren, Schwierigkeiten, einen Verleih zu finden. Und Israels Regierung versucht sogar, Kritik zu unterbinden.

Drei Männer und eine Frau (Basel Adra, Rachel Szor, Hamdan Ballal und Yuval Abraham, Gewinner des Preises für den besten Dokumentarfilm für "No Other Land") lächeln in die Kamera und halten Oscar-Statuetten in den Händen.
Trotz des Oscars mussten sich die Macher des Dokumentarfilms "No Other Land" selbst um den Vertrieb kümmernBild: Jordan Strauss/Invision/dpa/picture alliance

Es wird sich zeigen, ob der von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und US-Präsident Donald Trump vorgestellte Friedensplan einen Wendepunkt im Gazakrieg darstellt oder lediglich ein Versuch ist, die Berichterstattung der Medien über den Konflikt zu verändern. Für Filmemacher aus der Region besteht die unmittelbare Herausforderung jedoch über die geopolitischen Aspekte hinaus darin, ihre Geschichten sichtbar zu machen. 

Für palästinensische und israelische Regisseure war eine internationale Veröffentlichung selten schwieriger zu erreichen. Selbst Filme, die bei renommierten Festivals große Preise gewinnen, oder sogar ein Oscar-Gewinner haben Schwierigkeiten, Verleiher zu finden, die sie in die Kinos bringen - insbesondere in Ländern wie den USA und Deutschland, wo die Debatte über Gaza besonders polarisiert.

Kein US-Verleiher für Oscar-Gewinner

Als "No Other Land" in diesem Jahr den Oscar für den besten Dokumentarfilm gewann, hätte dies eigentlich eine weltweite Veröffentlichung garantieren müssen. Tatsächlich fand der Film über die Zwangsumsiedlung von Palästinensern im Westjordanland keinen US-Verleiher. Die Filmemacher, eine Gruppe israelischer und palästinensischer Aktivisten, veröffentlichten ihr Werk schließlich selbst. Die Vorführungen in den USA waren von Protesten und politischem Widerstand begleitet, aber ausverkaufte Kinosäle sorgten für mehr als zwei Millionen Dollar an den Kinokassen. 

In "No Other Land" geht es um die Zwangsumsiedlung von Palästinensern im WestjordanlandBild: TFS/Capital Pictures/IMAGO

Die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania stieß bei "The Voice of Hind Rajab" auf ähnliche Hindernisse. Der Film thematisiert die wahre Geschichte eines kleinen Mädchens, das in Gaza von israelischen Streitkräften getötet wurde. Sanitäter des Roten Halbmonds hatten vergeblich versucht, es zu retten. Der Film erhielt bei den Filmfestspielen Venedig 24 Minuten lang Standing Ovations und gewann den Silbernen Löwen des Festivals. Er bekam mit Brad Pitt und Joaquin Phoenix als ausführenden Produzenten auch prominente Unterstützung.

"Ich habe keine politische Macht. Ich bin keine Aktivistin. Ich habe ein Werkzeug, das ich kenne und ein wenig beherrsche - das Kino", sagt Ben Hania. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels hat sich jedoch noch kein US-amerikanischer oder deutscher Verleiher bereit erklärt, "The Voice of Hind Rajab" zu veröffentlichen.

"The Voice of Hind Rajab" gewann in Venedig den Silbernen LöwenBild: Mime Films/Tanit Films/AP Photo/picture alliance

"Es gibt nicht viele Verleiher, die bereit sind, Risiken mit diesen Filmen einzugehen, da sie politisch sind und eine bestimmte Haltung vertreten", sagt Hamza Ali, Mitbegründer von Watermelon Pictures. Das US-amerikanische Verleihunternehmen hat bereits die Dokumentarfilme "From Ground Zero" und "The Encampments" zum Thema Gaza in die Kinos gebracht.

Da größere Verleiher bislang nicht bereit sind, sich zu engagieren, veröffentlicht Watermelon nun zwei neue palästinensische Filme: Annemarie Jacirs historisches Drama "Palestine 36", das für den Oscar nominiert wurde, und Cherien Dabis' Werk "Im Schatten des Orangenbaums, das beim US-amerikanischen Sundance Filmfestival für Furore sorgte. Das palästinensische Drama, das mehrere Generationen porträtiert, ist Jordaniens offizieller Oscar-Kandidat für 2026.

Druck auf israelische Filmemacher - weltweit und im eigenen Land

Doch es sind nicht nur palästinensische Geschichten, die auf Widerstand stoßen. Barry Avrichs israelischer Dokumentarfilm "The Road Between Us: The Ultimate Rescue" handelt von einem pensionierten General: Er machte sich auf, seine Familie aus einem Kibbuz zu retten, nachdem dieser am 7. Oktober 2023 von der radikal-islamischen Hamas überfallen worden war. Auf dem diesjährigen Toronto International Film Festival wurde der Film zunächst aus dem Programm genommen, ehe er nach Protesten wieder aufgenommen wurde. Der Film gewann schließlich den People's Choice Award des Festivals.

Israelische Filmemacher spüren den Druck sowohl innerhalb als auch außerhalb des Landes. Anfang September unterzeichneten eine Reihe von Hollywoodstars, darunter die Oscar-Preisträgerinnen und -Preisträger Olivia Colman, Tilda Swinton, Javier Bardem und Emma Stone, eine Erklärung: Sie verpflichteten sich, die Zusammenarbeit mit israelischen Filminstitutionen und -unternehmen zu boykottieren, die "an Völkermord und Apartheid gegen das palästinensische Volk beteiligt sind".

"Es ist viel schwieriger geworden, Koproduktionen mit Frankreich, Deutschland und Kanada umzusetzen - Ländern, mit denen wir häufig Filme drehen", sagt Assaf Amir, Vorsitzender der Israelischen Akademie für Film und Fernsehen, und beschreibt die Probleme israelischer Filmemacher, Finanzmittel für neue Filme zu erhalten. "Außerdem ist es schwieriger geworden, israelische Filme international zu verkaufen. Unternehmen scheuen die Unannehmlichkeiten, mit einem israelischen Film in Verbindung gebracht zu werden."

Als Shai Carmeli-Pollaks "Das Meer" Israels höchste Filmauszeichnung, den Ophir Award für den besten Film, gewann und damit Israels offizieller Oscar-Beitrag wurde, kündigte der israelische Kulturminister Miki Zohar an, er werde alle öffentlichen Mittel für die Preisverleihung streichen. Den Sieg bezeichnete er als "beschämend".

Der Film erzählt die Geschichte eines 12-jährigen palästinensischen Jungen, der sein Leben riskiert, um zum ersten Mal das Meer zu sehen. Um an den Strand in Tel Aviv zu gelangen, muss er vorbei an Militärkontrollpunkten und der Polizei.

Kulturminister Zohar erklärte in einer Stellungnahme, die negative Darstellung israelischer Soldaten in dem Film sei ein "Schlag ins Gesicht der israelischen Bürger". Ab nächstem Jahr, so Zohar, werde die Ophir-Preisverleihung nicht mehr aus Steuergeldern finanziert werden: "Unter meiner Aufsicht werden die israelischen Bürger nicht aus eigener Tasche für eine Zeremonie bezahlen, die unseren heldenhaften Soldaten ins Gesicht spuckt."

"Die israelische Regierung nimmt die Stimmen ins Visier, die sich ihr widersetzen, und versucht, sie zum Schweigen zu bringen", sagt Assaf Amir. Doch die Wahl von "Das Meer" als israelischer Oscar-Kandidat zeige, dass die Branche nicht aufgebe, betont der Vorsitzende der Israelischen Akademie für Film und Fernsehen. "Die Tatsache, dass die israelische Gemeinschaft diesen Film gewählt hat, zeigt, dass es noch Hoffnung auf Dialog gibt. Und es ist nicht nur Hoffnung, wir kämpfen weiter."

Adaption aus dem Englischen: Katharina Abel

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