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GesellschaftEuropa

Social-Media-Verbot für Kinder: Europa blickt auf Australien

Matt Pearson
22. Februar 2026

Wie viele andere EU-Staaten erwägt nun auch Deutschland ein Verbot von Social Media für Jugendliche. In Australien ist das seit Dezember bereits in Kraft. Aber sollte Europa wirklich Australiens Beispiel folgen?

Mädchen schaut auf ein Smartphone
Vorbild Australien - kommt nun das Social-Media-Verbot für Jugendliche auch in der EU? Bild: Dreamstime/IMAGO

Bundeskanzler Friedrich Merz ist der Meinung, dass Vorschriften für soziale Medien dabei helfen könnten, "Persönlichkeitsdefizite und Probleme im sozialen Verhalten junger Menschen" zu verhindern. Spaniens Ministerpräsident Pedro Sanchez möchte Kinder und Jugendliche vor dem "digitalen Wilden Westen" schützen. Und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron betont, dass "die Emotionen unserer Kinder und Jugendlichen nicht zum Verkauf stehen oder manipuliert werden dürfen".

Zwar hat bisher noch kein europäisches Land ein komplettesVerbot von sozialen Medien für Kinder eingeführt - doch vielerorts scheinen die ersten Weichen dafür gestellt zu werden. So wird ein Komplettverbot bereits in Norwegen, Griechenland, dem Vereinigten Königreich, Dänemark, Italien und den Niederlanden diskutiert. Auch die EU selbst scheint mit einem Verbot immer mehr zu liebäugeln.

Dabei werden viele Regierungen auf die Erfahrungen Australiens blicken, das im Dezember als erstes Land weltweit ein Verbot von sozialen Medien für unter 16-Jährige eingeführt hat. Websites wie Facebook, Instagram, Snapchat, TikTok, X, YouTube und Reddit – das gegen das Verbot Klage eingereicht hat – unterliegen nun einer Altersbeschränkung. Online-Gaming- und Messaging-Websites wie WhatsApp hingegen nicht. Die Social-Media-Unternehmen müssen das Verbot selbst überwachen.

Laut Australiens Beauftragter für elektronische Sicherheit (eSafety), Julie Inman Grant, haben Social-Media-Unternehmen "in der ersten Dezemberhälfte den Zugang zu etwa 4,7 Millionen Konten gesperrt, die als Konten von Kindern unter 16 Jahren identifiziert wurden". 

Was die Schlagzeilen über Australiens Social-Media-Verbot nicht sagen

Doch diese Schlagzeilen, die in Europa viel Aufmerksamkeit erregen, erzählten nicht die ganze Geschichte, sagt Tama Leaver, Professor für Internetstudien an der Curtin University in Perth, Australien, der DW. "Wir haben keine Aufschlüsselung zu dieser Zahl und wir wissen auch nicht, wie viele neue Konten - möglicherweise von Teenagern, die sich als älter ausgeben - im gleichen Zeitraum erstellt wurden."

Seiner Beobachtung zufolge hätten "viele junge Menschen im Alter von 13 bis 15 Jahren das Verbot offenbar umgangen, während andere offenbar von manchen Plattformen ausgeschlossen wurden, von anderen jedoch nicht", so Leaver. Seine Beobachtung wird durch Medienberichte und andere Expertinnen und Experten bestätigt.

Und auf technischer Ebene seien die Einschränkungen und Angaben bei der Altersüberprüfung anhand von Selfies und anderen Tools "auch ziemlich genau so ungenau" gewesen, "wie es die meisten Menschen im Vorfeld erwartet hatten", sagt Leaver.

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Folgen Europas Regierungen dem Beispiel Australiens zu schnell?

Die große Zahl an Ländern in Europa aber auch etwa Indien und Malaysia, die dem Beispiel Australiens folgen wollen, überrascht auch Susan Sawyer vom Murdoch Children's Research Institute, dem größten Forschungszentrum für Kindergesundheit in Australien.

"Ich hatte erwartet, dass die Regierungen die Ergebnisse des australischen Verbots erst einmal sehr genau betrachten würden, bevor sie so schnell nachziehen", sagt Sawyer der DW. "Wir wissen nicht, welche Auswirkungen das Verbot haben wird, und wir müssen dies sorgfältig auswerten. Regierungen sollten hier vorsichtig sein und nicht denken, dass Verbote von Sozialen Medien eine Wunderwaffe sind."

Europa sollte vorerst besser abwarten, meint auch Tama Leaver. "Niemand weiß wirklich, ob es durch dieses Verbot einen Unterschied zu vorher geben wird. Aber wir wissen mit Sicherheit, dass es Jahre und nicht Monate dauern wird, bis sich ein messbarer kultureller Wandel einstellt - wenn es ihn überhaupt gibt." Es wäre viel sinnvoller, wenn andere Länder abwarten würden, was in Australien passiert, und daraus konkrete Lehren ziehen würden, bevor sie eigene undifferenzierte Gesetze durchpeitschten, rät er.

Forschende: Social-Media-Verbote wirken nicht über Nacht

Forschungen, die Susan Sawyers dem Senatsausschuss des australischen Parlaments vor dem Verbot vorlegte, ergaben, dass sich die meisten negativen Auswirkungen durch die Nutzung von Sozialen Medien bei 10- bis 13-Jährigen zeigten, insbesondere bei Mädchen. Zwar variieren die Altersgrenzen in den europäischen Vorschlägen für Social-Media-Verbote, doch laut Sawyers werden sich jegliche Änderungen aller Voraussicht nach nur "langsam vollziehen".

"In den nächsten Jahren wird die derzeitige Generation der 6- bis 10-Jährigen, die noch keinen Zugang zu Smartphones oder Sozialen Medien hat, älter sein, wenn ihre Eltern ihnen erstmals den Zugang erlauben. Diese Veränderung der sozialen Normen wird nicht über Nacht stattfinden."

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Tama Leaver rät für weitere Social-Media-Verbote, die jenseits von Australien verhängt werden, zu einer gestaffelte Einführung und für eine längere, intensivere Konsultationsphase mit Kindern.

"Besonders verwirrt sind nun die 13- bis 15-Jährigen, die bereits Social-Media-Konten hatten, jetzt von den Plattformen ausgeschlossen wurden und dann mit 16 Jahre wieder zurückkommen", sagt Leaver. "Es wäre viel sinnvoller gewesen, die Regeln großzügig zu handhaben, sodass Unter-13-Jährige bis zum Alter von 16 Jahren keine Konten haben dürfen, aber diejenigen mit bestehenden Konten weiterhin Zugang haben. Ich glaube, viele 13- bis 15-Jährige haben das Gefühl, dass das Verbot gegen sie und nicht mit ihnen beschlossen wurde."

Lässt sich Australiens Social-Media-Modell überhaupt auf Europa übertragen?

Angesichts der Eile, mit der Verbote in Europa vorangetrieben werden, und der Tatsache, dass Kinder bisher in der Debatte kaum zu Wort gekommen sind, dürfte dies auch in Europa ein Thema sein.

Stephan Dreyer vom Leibniz-Institut für Medienforschung in Hamburg ist der Ansicht, dass Social-Media-Verbote in Deutschland und Europa ohnehin nicht erforderlich sind.

Das vor einem Jahr verabschiedete EU-Gesetz über digitale Dienste (Digital Services Act - DSA) berücksichtige bereits viele Sicherheitsbedenken, betont Dreyer im Gespräch mit der DW. Außerdem mache es das EU-Recht schwierig, Social-Media-Unternehmen zu verpflichten, ein Verbot in einzelnen Ländern zu überwachen. Zwar gebe es innerhalb Europas verschiedene Mittel, um ähnliche Ziele zu erreichen, doch er halte die Datenlage hierbei für unklar.

Europa sollte eine warnende Lehre aus dem Beispiel Australiens ziehen. Denn das Vorgehen dort habe gezeigt, dass es zwischen der politischen Attraktivität eines Verbots und dessen technischer und rechtlicher Umsetzung eine Kluft gebe, so Dreyer.

"Eine Altersüberprüfung in großem Maßstab erfordert entweder eine umfassende Kontrollinfrastruktur oder eine stochastische Profilerstellung, wobei beide Ansätze einen tiefen Eingriff in die Rechte aller Nutzer darstellen. Europa mit seinen stärkeren Grundrechtsrahmen und der Datenschutzgrundverordnung DSGVO wäre diesen Spannungen noch stärker ausgesetzt. Wir sollten aus den Schwierigkeiten Australiens lernen und nicht voreilig versuchen, sie zu wiederholen."

Adaption aus dem Englischen: Jeannette Cwienk

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