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Politik

Al-Shabaab-Aussteiger berichten

2. Oktober 2017

Abu und Gardere haben in Somalia als Lehrer gearbeitet, bevor sie sich den Extremisten der Al-Shabaab anschlossen. Warum haben sie der Terror-Miliz den Rücken gekehrt? Sandra Petersmann hat sie getroffen.

Al-Shabaab-Kämpfer präsentieren ihre Gewehre bei einer Fahrt durch Mogadischu 2009
Bild: picture alliance/AP Photo/M. Sheikh Nor

Abu und Gardere heißen nicht wirklich so, sie wollen anonym bleiben. Die beiden Männer sind enttäuscht. Sie haben sich mehr von ihrer Mitgliedschaft bei der extremistischen Al-Shabaab-Miliz versprochen, die sich zu Al Kaida bekennt. Die beiden Männer stammen aus der Region Lower Shabelle im umkämpften Süden Somalias. Das Gebiet gilt als Shabaab-Hochburg. "Wir wollen einen islamischen Staat. Al-Shabaab bekämpft die Demokratie, um Gottes Wort durchzusetzen. Deshalb bin ich der Bewegung beigetreten", sagt Gardere.

Kampf gegen die Ungläubigen

Er ist Mitte 50, hat zwei Frauen und acht Kinder. Gardere trägt eine gelbe Gebetskappe und eine dunkle Sonnenbrille. In der Mitte seiner Stirn prangt ein dunkler Fleck aus Hornhaut - das Statussymbol besonders strenggläubiger Muslime. Der ehemalige Lehrer trat den Extremisten nach eigenen Angaben im Jahr 2008 bei, als äthiopische Truppen den Anti-Terrorkampf in Somalia anführten. Inzwischen sind 22.000 Soldaten der Afrikanischen Union im Land stationiert.

Unabhängig überprüfen lassen sich die Geschichten der beiden Männer nicht. Doch sie nehmen eine längere Anreise in Kauf, um sich mit der Deutschen Welle zu treffen. Es sei ihnen wichtig zu reden, erklären sie. Vor allem Gardere kommt schnell auf den Punkt. "Es gibt verschiedene Staatsformen wie die Demokratie oder die Diktatur durch das Militär. Aber alle sind von Menschen gemacht. Nur der islamische Staat basiert auf Gottes Wort. Gott ist das einzige Prinzip, und es ist die Pflicht der Muslime, Gottes Wort zu folgen."

Eine Mutter weint um ihre Tochter, die bei einem Anschlag der Al-Shabaab im Juni getötet wurdeBild: Picture alliance/dpa/F. A. Warsameh/AP/dpa

Ermordete Zivilisten

Befiehlt Gott das Zünden von Autobomben? Schickt Gott Selbstmordattentäter in somalische Städte, um Zivilisten zu töten? Gardere zögert mit seiner Antwort und schaut auf den Boden. "Die Gewalt ist der Hauptgrund, warum wir die Bewegung verlassen haben. Wir wollten gegen die Ungläubigen, gegen die Invasoren Somalias kämpfen, für einen islamischen Staat. Aber darum geht es heute nicht mehr. Heute tötet die Bewegung Zivilisten. Das unterstützen wir nicht."

Gardere trennte sich nach eigenen Angaben erst 2016 von den radikalen Islamisten, nach acht langen Jahren, in denen Al-Shabaab viele Terroranschläge verübte - in Somalia und in den Nachbarländern Kenia und Uganda, die Truppen für die Afrikanische Union nach Somalia entsandt haben, um gegen Al-Shabaab zu kämpfen.

Warum hat Gardere mit seiner Entscheidung so lange gewartet? "Es gab regelmäßig Seminare für uns. Dort haben sie uns ihre Ideen erklärt und uns immer wieder davon überzeugt, dass der Wandel durch Gottes Wort möglich ist. Wir haben fest an eine bessere Zukunft geglaubt und waren geduldig. Aber es wurde nicht besser."

"Abu" und "Gardere" wollen anonym bleibenBild: DW/S. Petersmann

Auch Abu glaubt an einen islamischen Staat. Er schloss sich Al-Shabaab nach eigenen Angaben im Jahr 2011 an. Damals hatte eine Hungersnot Somalia fest im Griff. Mehr als 250.000 Menschen verloren ihr Leben, viele davon starben an Cholera. "Damals reichte mein Gehalt, das ich als Lehrer verdiente, nicht, um meine Familie zu ernähren. Ich bin vor allem aus wirtschaftlichen Gründen beigetreten, weil ich mehr Geld verdienen wollte." Doch es habe auch noch einen zweiten Grund gegeben, fügt Abu an. "Die meisten Jugendlichen aus meinem Dorf waren schon bei Al-Shabaab. Sie machten Druck und führten sich auf wie Anführer, die sogar uns Älteren Befehle erteilen dürfen. Dagegen wollte ich was tun."

Steuern für Al-Shabaab

Abu und Gardere waren nach eigenen Angaben nur für kurze Zeit an der Waffe im Einsatz. Ob sie töteten, lassen sie offen. Später seien sie dann in der Steuerverwaltung der islamistischen Miliz eingesetzt worden. "Al-Shabaab fordert eine Steuer von der Bevölkerung. Für dein Haus. Für dein Land. Für dein Kind. Sie verlangen Schulgeld, wenn du dein Kind zur Schule schicken willst, rund fünf Dollar im Monat", berichtet Abu. Er habe sich schlecht gefühlt, als er das Geld eingetrieben habe. "Ich persönlich habe nichts davon abbekommen. Ich hatte wirklich gehofft, dass es meiner Familie unter Al-Shabaab wirtschaftlich besser gehen würde. Aber das war nicht so."

Abu ist 45 Jahr alt und Vater von vier Kindern. Auch er ließ Jahre verstreichen, bevor er 2015 ausstieg. Er habe so lange gewartet, weil die Regierung "keine Alternative" gewesen sei. In den Gebieten unter Kontrolle der Islamisten sei das Leben "friedlicher und sicherer" gewesen, "vor allem für Frauen". Alkohol- und Drogenkonsum seien hart bestraft worden. "Die Menschen glauben an Al-Shabaab, weil die Regierung schlecht ist. Die Menschen glauben, dass die Soldaten der Regierung plündern, töten und vergewaltigen", sagt Abu, und er ergänzt: "Al-Shabaab tötet niemals in den eigenen Gebieten." Somalia gehört zu den zehn Ländern, die am stärksten durch Terror betroffen sind. Nach dem 'Global Terror Index" kamen zwischen 2006 und 2015 fast 4000 Menschen durch Terroranschläge ums Leben.    

Diese Aufnahme entstand nach der Explosion einer Autobombe in Mogadischu am 30. Juli 2017Bild: Reuters/F. Omar

Einiges bleibt widersprüchlich im Gespräch mit Abu und Gardere. Die Wahrnehmung der beiden Aussteiger ist selektiv. Beide blenden in ihrer Argumentation wiederholt den alltäglichen Terror aus. Beide sind enttäuschte Islamisten, die sich noch immer einen Gottesstaat wünschen, in dem das islamische Recht der Scharia das Grundgesetz ist. Doch beide sagen auch, dass sie der neuen Regierung eine Chance geben wollen. Keiner von beiden redet schlecht über das gestiegene militärische Engagement der USA in Somalia - trotz der Angriffe mit Kampfdrohnen und Spezialkräften, die auch schon Zivilisten getroffen haben. 

Clan-Politik

"Al-Shabaab ist gespalten", behauptet Abu. Viele Anführer seien Opportunisten, denen es wie der Regierung nur um Geld und Macht gehe. "Diese Anführer sammeln Geld in der Region ein, in der sie kämpfen. Aber das Geld bleibt dann nicht dort, sondern sie schicken es in ihre Heimatregion zu ihrem eigenen Clan. Al-Shabaab macht genauso Clan-Politik wie die Regierung."

Seit Februar ist ein neuer Präsident im Amt, dessen Regierung angetreten ist, Somalia in einen demokratischen, föderalen Staat zu verwandeln. Terror und Clan-Gewalt sollen der Vergangenheit angehören. Die Regierung erhält massive Unterstützung aus dem Ausland - militärisch und finanziell.

Somalia hat seit fast drei Jahrzehnten keine nationale Regierung. Es wird viel Zeit kosten, einen funktionierenden Staat aufzubauen. Die Extremisten von Al-Shabaab sind unter Druck, doch sie sind immer noch in der Lage, komplexe Terroranschläge zu verüben - auch in der Hauptstadt Mogadischu. Abu und Gardere leben aus Sicherheitsgründen von ihren Familien getrennt. Sie hoffen, dass sie wieder als Lehrer arbeiten können. Sie hoffen auch auf finanzielle Unterstützung durch das Ausland, weil sie ausgestiegen sind. 

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