1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
KonflikteSomalia

Somaliland: Staat von Israels Gnaden?

29. Dezember 2025

Seit 1991 verwaltet sich Somalias Norden unabhängig von Mogadischu. Nun hat Israel als erster Staat Somaliland als unabhängigen Staat anerkannt. Worum geht es am Horn von Afrika?

Somaliland Hargeisa 2024 | Mann mit der Flagge von Somaliland vor dem Kriegsdenkmal in der Hauptstadt Hargeisa
Eine eigene Flagge hat Somaliland schon lange. Folgt nun die internationale Anerkennung als souveräner Staat?Bild: Luis Tato/AFP

Nicht aus heiterem Himmel, aber doch überraschend hat Israel Somaliland als souveränen Staat anerkannt. Die somalische Regierung in Mogadischu lehnt die Unabhängigkeit des abtrünnigen Gebiets entschieden ab. Im Staatsfernsehen sagte Somalias Präsident Hassan Sheikh Mohamud: "Somalia wird alle verfügbaren Mittel einsetzen, um sich über diplomatische Kanäle gegen die Aggression Israels zu wehren."

Auch seinen wichtigsten Verbündeten, US-Präsident Donald Trump, scheint Israels Premier Benjamin Netanjahu überrumpelt zu haben. Die Anerkennung Somalilands sei, zumindest derzeit, kein Thema für die USA, erklärte Trump in einem Telefoninterview mit der "New York Post" und fragte: "Weiß überhaupt jemand, was Somaliland eigentlich ist?"

Wir nehmen diese Frage auf und erklären, worum es in dem bisher wenig bekannten Gebiet am Horn von Afrika geht.

Was ist Somaliland eigentlich?

Das heutige Somaliland, völkerrechtlich ein Teil Somalias, entspricht weitgehend der ehemaligen britischen Kolonie gleichen Namens. Nach dem Sturz der somalischen Regierung in Mogadischu 1991 erklärte der nördliche Landesteil mit der Hauptstadt Hargeisa seine Unabhängigkeit.

Die Verfassung der "Republik Somaliland" sieht eine demokratische Staatsordnung auf Basis der Sharia vor; der Islam ist Staatsreligion. Trotz regionaler Clan-Rivalitäten gilt das Gebiet dank solider staatlicher Strukturen - etwa hinsichtlich Sicherheitskräften, Bildung und demokratischer Prozesse - als politisch stabilster Teil Somalias. Der Einfluss der islamistischen Terrorgruppe Al-Shabaab gilt als gering.

Sozioökonomisch steht das Gebiet nicht viel besser da als die umliegenden Länder. Die Mehrheit der Bevölkerung lebt von traditioneller Viehzucht. Daneben sind der Hafen von Berbera am Golf von Aden sowie Überweisungen von im Ausland lebenden Somaliern die wichtigsten Wirtschaftsfaktoren.

Warum wurde Somaliland nicht längst als souveräner Staat anerkannt?

"Diese Anerkennung ist nicht nur ein diplomatischer Meilenstein, sondern auch ein Moment großer historischer Gerechtigkeit und moralischer Klarheit", sagte Außenminister Abdirahman Dahir Adam dem israelischen Sender Kan. Auch Politologen und Völkerrechtler argumentieren, dass Somaliland alle Kriterien eines eigenständigen Staates erfülle: eine ständige Bevölkerung, ein definiertes Staatsgebiet, eine Regierung sowie die Fähigkeit, in Beziehung mit anderen Staaten zu treten. Dennoch verweigern ihm fast alle Staaten die völkerrechtliche Anerkennung.

Der Hafen von Berbera: ein wichtiger Meereszugang für Handel und SicherheitspolitikBild: Solomon Muchie/DW

Die Mitglieder der Afrikanischen Union (AU) lehnen die Anerkennung Somalilands aus ihrer Doktrin heraus ab, dass die Staatsgrenzen auf dem Kontinent nicht verändert werden dürfen. Der Hintergrund: Die Grenzen der afrikanischen Staaten orientieren sich weitgehend an der Gliederung durch die Kolonialmächte. Die politische Ordnung vor der Kolonialisierung wurde dabei kaum berücksichtigt. Daher sind ethnische Spannungen wie auch Anziehungskräfte unabhängig von Landesgrenzen in Afrika fast allgegenwärtig. Die Verschiebung einer Grenze - so die Befürchtung - könnte eine Kettenreaktion auslösen.

Obwohl die Regierung Somalilands - im Gegensatz zu anderen in der Region - als pro-westlich gilt, lehnen auch die NATO-Staaten, einschließlich der USA, eine Anerkennung bisher ausdrücklich ab. Ein Grund: Man befürchtet eine Schwächung der Regierung in Mogadischu gegenüber der islamistischen Al-Shabaab-Miliz.

Für China ist Somalia ein Partner und Stützpunkt der "Maritimen Seidenstraße". Außerdem lehnt China separatistische Bewegungen weltweit ab, aus Sorge, einen Präzedenzfall für eigene abtrünnige Provinzen zu schaffen. Auch die faktisch unabhängige "Republik China" auf der Insel Taiwan - seit 2020 mit Somaliland verbündet - wird von keinem weltpolitisch bedeutsamen Staat anerkannt. An diesem Montag bekräftigte ein Sprecher des Außenministeriums in Peking: "Kein Land sollte aus eigennützigen Interessen die internen separatistischen Kräfte anderer Länder ermutigen oder unterstützen.

Russland pflegt seit Sowjetzeiten enge Beziehungen zu Somalia und meidet Konflikte mit der Afrikanischen Union. Separatistische Tendenzen behandelt Russland streng nach der eigenen Interessenslage. So erkennt die Regierung von Wladimir Putin die "Republiken" Abchasien, Südossetien, Luhansk und Donezk an.

Welche internationalen Beziehungen pflegt Somaliland bisher?

Somaliland bemüht sich seit seiner Unabhängigkeitserklärung um die internationale Anerkennung.

Die engsten Beziehungen unterhält es zum Nachbarland Äthiopien. Das mit mehr als 130 Millionen Einwohnern zweitbevölkerungsreichste Land Afrikas ringt seit der Unabhängigkeit Eritreas 1993 um einen sicheren Meereszugang. Im Januar 2024 unterzeichneten Äthiopien und Somaliland eine Absichtserklärung, nach der Addis Abeba bereit wäre, im Gegenzug für den Zugang zum Roten Meer Somaliland als unabhängigen Staat anzuerkennen.

Enge Beziehungen zum Nachbarn: Im Oktober wurde der Präsident von Somaliland Abdirahman Mohamed in Addis Abeba mit militärischen Ehren vom äthiopischen Außenminister Gedion Timotheos empfangen.Bild: Ministry of Foreign affairs of Somaliland

Einige EU-Staaten sowie die USA und das Vereinigte Königreich unterhalten lose politische Kontakte und überschaubare Entwicklungszusammenarbeit mit Somaliland. Nach der Anerkennung durch Israel haben sie aber die nationale Einheit Somalias betont.

Mit den Vereinigten Arabischen Emiraten verbindet Somaliland eine militärische Kooperation. Der gemeinsamen Erklärung, in der mehr als 20 vorwiegend muslimischen Staaten - darunter die Türkei, Saudi-Arabien und Ägypten - Israels Schritt verurteilt haben, haben sich die VAE nicht angeschlossen. Der Golfstaat will hier offenbar seinen Einfluss am Horn von Afrika geltend machen. 

Der angrenzende Golf von Aden ist als Zufahrt zum Suezkanal eine der bedeutendsten Schiffsrouten des Welthandels. Die Huthi-Rebellen, die den gegenüberliegenden südlichen Jemen kontrollieren, sowie somalische Piraten machen ihn aber auch zu einem der gefährlichsten Teile der Weltmeere.

Warum hat Israel Somaliland anerkannt?

Nach den Worten der israelischen Regierung habe sie Somalilands Souveränität "im Geiste" der Abraham Accords anerkannt. Die 2020 von US-Präsident Trump vermittelten Abkommen sollen die politische Annäherung zwischen Israel und mehreren hauptsächlich muslimischen Staaten(VAE, Bahrein, Marokko und Sudan) fördern. Weitere arabische Staaten wollten folgen, doch im Lichte des Gazakriegs sind die Normalisierungsabkommen unter Druck geraten. Saudi-Arabien hat den Prozess offiziell ausgesetzt.

Für Israel sind Verbündete in der Region essenzielle Sicherheitsfaktoren. Dem Roten Meer und dem Golf von Aden gilt besondere Aufmerksamkeit, zumal die mit Israel verfeindeten Huthi-Rebellen dort erheblichen Einfluss ausüben. 

In der Hauptstadt Hargeisa feierten Menschen am 26.12.2025 die Anerkennung Somalilands durch IsraelBild: Farhan Aleli/AFP/Getty Images

Beobachter bringen die Anerkennung jedoch auch mit Plänen zur dauerhaften Umsiedlung der Palästinenser im Gazastreifen in Verbindung, die Donald Trump im Februar 2025 zusammen mit Israels Premier Netanjahu präsentiert hatte. Somalia und Sudan werden laut Medienberichten als mögliche Ansiedlungsgebiete gehandelt. Während die sudanesische Regierung angab, sie habe eine entsprechende Anfrage zurückgewiesen, erklärten die Regierungen von Somalia und Somaliland, gar nichts von solchen Avancen zu wissen. Der Außenminister Somalilands betonte am Sonntag jedoch, dass die Regierung in Hargeisa keiner Ansiedlung von Menschen aus dem Gazastreifen in Somaliland zugestimmt habe.

Die Anerkennung zu diesem Zeitpunkt ist besonders heikel, da Somalia zu Beginn 2026 turnusmäßig die Präsidentschaft des UN-Sicherheitsrates übernimmt - das Gremium kam am Montag bereits zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen.

Jan D. Walter Jan ist Redakteur und Reporter der deutschen Redaktion für internationale Politik und Gesellschaft.
Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen