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Ausstellung zur deutschen Kolonialgeschichte

Julia Hitz
14. Oktober 2016

Rassenideologie, Völkermord, Kriege - die Kolonialgeschichte Deutschlands wurde lange unterschätzt. Eine Sonderausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin ist ein Meilenstein für ihre Aufarbeitung.

Ausstellung Deutscher Kolonialismus im Deutschen Historischen Museum
Bild: DW/J. Hitz

"Die Ausstellung soll die deutsche Bevölkerung wachrütteln, sie sensibilisieren und sagen: damit müssen wir uns auseinandersetzen - gerade in Zeiten von wieder anwachsendem Rassismus und Fremdenfeindlichkeit", so Jürgen Zimmerer, Historiker und Mitglied des Fachbeirates der Ausstellung im Deutschen Historischen Museum. Feindbilder und koloniale Stereotypen erlebten gerade eine Neuauflage und gerade deswegen sei die Frage nach den historischen Vorläufern so wichtig, betont Zimmerer: "Von dort aus führt auch ein Weg nach Auschwitz und in den Vernichtungskrieg der Nazis." Die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum korrespondiert auf den ersten Blick nicht mit diesem drängenden Appell. Sie ist leise, nicht laut, die Gestaltung dezent. Glaskästen statt Fotoprints. Sie will die Objekte für sich sprechen lassen. Kleine Geschichten sollen die große erzählen.

Die Vorboten des Holocaust

Die deutsche Kolonialherrschaft war relativ kurz, da alle Kolonien nach dem Ende des Ersten Weltkrieges unter dem siegreichen Bündnis aus Großbritannien, Frankreich, Belgien und Portugal aufgeteilt wurden. Einer der Gründe, warum die deutsche Kolonialgeschichte lange in den Hintergrund gedrängt wurde, sagt Zimmerer, der an der Hamburger Universität den Lehrstuhl für Globalgeschichte (Schwerpunkt Afrika) innehat und die Forschungsstelle "Hamburgs (post-)koloniales Erbe" leitet. Außerdem seien durch die Aufarbeitung des Dritten Reiches viele Energien gebunden gewesen. Aber es war auch die eurozentrische, die koloniale Sicht: "Die Argumente hießen dann: War ja nicht so wichtig, war ja nicht so schlimm, waren ja nur 30 Jahre. Wie absurd. Das Dritte Reich dauerte schließlich nur zwölf Jahre und keiner sagt, das sei nicht relevant gewesen. Aber für den Kolonialismus wurde dieses Argument immer wieder angeführt."

Auf T-Shirts gedruckte Statements für die Anerkennung des Genozids an den Herero und NamaBild: DW/J. Hitz

Namibia (ehemals Deutsch-Südwestafrika), Ghana und Togo in West- und Kamerun im zentralen Afrika wurden 1884, Tansania (ehemals Deutsch-Ostafrika) 1885 unter deutsche Schutzherrschaft gestellt. Der damalige Reichskanzler Otto von Bismarck stand innen- wie außenpolitisch unter Druck und machte deshalb 1884 den Weg für die Kolonisierung frei. Ungleiche Verträge, Rassismus und Gewalt prägten die ersten 15 Jahre unter deutscher Schutzherrschaft. Besonders grausam war die Entwicklung in Deutsch-Südwestafrika, die als die einzige Siedlerkolonie galt. Damit ging die Vorstellung einher, dass eine weiße Herrenschicht ein Land besitzen und ohne Rücksicht auf die indigene Bevölkerung völlig neu strukturieren könne, betont Zimmerer: "30 Jahre vor den Nürnberger Gesetzen gab es bereits eine "Rassengesetzgebung" in Südwestafrika, das Verbot von sogenannten Misch-Ehen, die Stigmatisierung von sexuellen Beziehungen von deutschen Männern und afrikanischen Frauen. Im Dritten Reich nannte man das, etwa auf Juden bezogen, 'Rassenschande'."

Es folgte der Vernichtungsbefehl gegen die Herero und Nama, die sich gegen die völlige Entrechtung zur Wehr gesetzt hatten. Bis 1908 kostete das bis zu 80 Prozent des Herero-Volkes das Leben, rund 80.000 Menschen. Mit 10.000 Opfern kam auch etwa die Hälfte der Nama ums Leben.Ein Völkermord - gut 30 Jahre vor dem Holocaust.

Die kolonialen Verbrechen anerkennen

Deutsch-Südwestafrika: Geschichte eines Völkermords – erzählt durch ObjekteBild: DW/J. HitzDW/J. HitzDW/J. Hitz

Die Idee für die Kolonialismus-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum sei im Vorfeld der Ausstellung zum Ersten Weltkrieg entstanden, so der Projektleiter Arnulf Scriba. Aber das DHM steht auch in einer Bringschuld. Eine Gruppe von fünf Historikerinnen hatte seit 2009 die mangelhafte Auseinandersetzung mit der Kolonialzeit in der permanenten Ausstellung beklagt und immer wieder medienwirksam thematisiert. Die Interims-Präsidentin Ulrike Kretzschmar gelobt jetzt Besserung: "Die Erkenntnisse der Auseinandersetzung dieser Ausstellung werden in die Dauerausstellung einfließen." Die Überarbeitung ist für 2018 geplant.

Die politische Großwetterlage begünstigt die Ausstellung im Herzen der Hauptstadt - macht sie aber auch brisanter. Nachdem die Bundesregierung dieses Jahr den Völkermord an Herero und Nama offiziell als solchen benannt hatte und das Auswärtige Amt zur Zeit eine offizielle Entschuldigung in Form einer gemeinsamen Erklärung mit Namibia ausarbeitet, steht die Ausstellung inmitten der aktuellen Politik. Auch wenn Präsidentin Ketzschmar betont, das Museum wolle politisch neutral und wissenschaftlich objektiv bleiben. Wo die Ausstellung die Bögen zur Gegenwart schließt, wird die politische Sprengkraft spürbar.

Die Frage nach der Aufarbeitung auf Augenhöhe

Zwei afrikanische Historikerinnen haben an der Ausstellung mitgewirkt: Memory Biwa aus Namibia und Flower Manase Msuya aus Tansania. Letztere hat insbesondere bei Fragen des Maji-Maji-Aufstandes ihre Expertise beigesteuert: "Ich habe die unterschiedlichen Schilderungen und Darstellungen offen gelegt. Für uns gelten die Maji-Maji-Krieger als Helden, sie haben einen eigenen Gedenktag. Hier werden sie in den Schriften überwiegend als Rebellen bezeichnet." Flower Mansane findet insbesondere den Gegenwartsbezug der Ausstellung interessant und wichtig: "Ich glaube, dass es ein großer Schritt nach vorne ist. Die Deutschen brauchen allerdings wahrscheinlich noch mehr Diskussionen und weitere Ausstellungen, um eine realistische Einstellung zu ihrer Kolonialgeschichte zu bekommen."

Dieser Comic zeigt den Krieg von Süd-Tansania gegen die deutsche Kolonialherrschaft Bild: DW/J. Hitz

Bei einer Aufarbeitung auf Augenhöhe werden aber noch ganz andere Fragen relevant als jene der nationalen Narrative. Es geht auch um ganz fundamentale Aufbauarbeit, sagt Zimmerer: "Die ehemaligen Kolonialmächte profitieren ja immer noch von dem Umstand, dass sie Kolonialmacht waren und haben eben auch auf wissenschaftlichem Gebiet die besseren Möglichkeiten. Die Aufarbeitung und der Austausch auf Augenhöhe muss ganz wesentlich finanziert werden aus Europa und dazu braucht es einen Bewusstseinswandel."

Wegweisend?

Die Ausstellungsmacher sind sehr differenziert ans Werk gegangen, das zeigt sich auch am kritischen Umgang mit der eigenen Sammlung. Etwa die Hälfte der mehr als 500 Exponate stammt aus dem eigenen Haus. Dabei wird der problematische Erwerb - etwa als Kriegsbeute - stets ausführlich thematisiert. Gelungen sind auch die Darstellungen postkolonialer Verklärung.

Ob damit jedoch insgesamt der richtige didaktische Ansatz gewählt wurde, bleibt abzuwarten. Für ein solch explosives Thema wie den Kolonialismus scheint das objektbezogene Erzählen der Ausstellungsmacher das richtige Mittel. Oder zumindest das sichere. Der Mut, die großen Bögen zu erzählen, kann sich wohl erst zusammen mit der politischen Aufarbeitung und in ernsthafter Auseinandersetzung mit den anderen Perspektiven - sei es von damals Kolonisierten oder jetzt Globalisierten - entwickeln.

Die Ausstellung "Deutscher Kolonialismus. Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart" läuft vom 14. Oktober 2016 bis zum 17. Mai 2017 im Deutschen Historischen Museum in Berlin.

 

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