Antisemitismus: Europas Rabbiner fürchten Gewalt
11. März 2026
Langsam erhebt sich Binyomin Jacobs und zögert dann zu reden. Der 76-jährige Oberrabbiner der Niederlande steht im Fraktionssaal der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Reichstag in Berlin. Es ist ruhig hier. Das Parlament tagt nicht, die Abgeordneten des Bundestags sind nicht in der Stadt.
Etwa 110 orthodoxe Rabbiner, jüdische Religionsgelehrte, die zu einer Konferenz des "Rabbinical Center of Europe" (RCE) in der Stadt sind, besuchen den Saal der Unionsfraktion.
Ein wenig neben ihm, sagt Jacobs, sitze ein Rabbiner auf dem Platz, der bei Fraktionssitzungen dem Bundeskanzler zukomme, Friedrich Merz. "Emotionen kommen in mir hoch, Erinnerungen."
Er erzählt von einem Moment vor 48 Jahren: Da kam er zu einem Gedenken nach Westerbork. In dem Dorf im Nordosten der Niederlande war, als Nazi-Deutschland das Land besetzt hatte, ein "Polizeiliches Judendurchgangslager". Es war ein Konzentrationslager, aus dem Juden zigtausendfach in die Vernichtung transportiert wurden, in Konzentrationslager (KZ), wo sie ermordet wurden.
Jacobs schildert den Moment an diesem Ort, an dem einst auch das jüdische Mädchen Anne Frank war, Anne Frank, die im März 1945 in einem KZ starb. Er schildert, wie ein Mann ihn fragte: "Darf ich den Platz neben Ihnen nutzen?" Der Mann sprach mit deutschem Akzent, es war der deutsche Botschafter.
Juden begegneten im Nationalsozialismus Rettern und Verrätern
Die Deutschen: Jacobs, der ältere Herr mit dem weißen Bart, sagt, 80 Prozent seiner Familie seien von den Nazis ermordet worden. Es gebe ihn, weil seine Mutter von einer mutigen holländischen Familie versteckt worden sei.
"Mein Vater hat überlebt, weil ein deutscher Offizier ihn rettete. Ein deutscher Offizier, der in Holland war, um gegen Holland zu kämpfen. Es ist nicht alles schwarz-weiß", so der Rabbiner.
Er spricht vom Mut der Retter und von Holländern, die mit den Deutschen kollaboriert und Juden ausgeliefert hätten. Nun stehe er hier, neben dem Platz des Kanzlers. Seine Zuhörer erheben sich, klatschen, sie singen ein Gebet.
Rund 150 orthodoxe Rabbiner aus zahlreichen Ländern - zumeist aus Europa - sind bis Mittwoch in Berlin. Es sollten 180 sein, doch einige konnten wegen der Ausfälle im Flugverkehr nicht anreisen. So wird der Gruß eines der israelischen Oberrabbiner nur verlesen.
Gastgeber der Konferenz ist die Jüdische Gemeinde Chabad Berlin mit Yehuda Teichtal. Gut die Hälfte der Rabbiner gehört wohl selbst zu Chabad, das sich als orthodoxe Erneuerungsbewegung versteht. Themen sind religiöse Fragen, aber auch gesellschaftliche Herausforderungen. Jetzt der Besuch im politischen Herzen Deutschlands.
Beim Fototermin vor dem Brandenburger Tor , beim Gespräch im Fraktionssaal der Union - es schwingt stets die deutsche Geschichte mit. Durch das Tor seien einst die Nazis marschiert, sagt einer der Rabbiner. Sie halten inne zum Gebet, singen gemeinsam.
Zwei- oder dreimal in den letzten 15 Jahren gab es vergleichbare Fototermine am Brandenburger Tor mit vielen jüdischen Repräsentanten. Nie war die Polizeipräsenz so hoch wie jetzt. Selbst als die Rabbiner die wenigen Meter zum Reichstag hinübergehen, marschieren Uniformierte in mehreren Gruppen nebenher. Auch die Rabbiner müssen durch alle Sicherheitskontrollen. Dann sind sie im Gebäude, schauen, singen: im Aufzug, im Saal von CDU und CSU.
"Polizeischutz ist notwendig"
Für die Fraktion begrüßt der Berliner CDU-Bundestagsabgeordnete Adrian Grasse die Gäste; er befasst sich mit Antisemitismusforschung. Als er die Bedeutung des Kampfes gegen Judenhass in Deutschland schildert oder die Verantwortung der Politik anspricht, wird er vom Beifall unterbrochen.
Er erwähnt, dass Fraktionschef Jens Spahn (CDU) mit mehreren Abgeordneten kürzlich im Rahmen des Programms "Meet a Jew" junge Juden getroffen und ihnen zugehört habe. Es habe sie erschüttert, von deren Alltag zu hören, von der Angst, als Jude erkennbar zu sein.
Den Abend verbringen die Rabbiner im modernen Zentrum von Chabad Berlin. Sie berichten von ihren Sorgen. "Die Situation der jüdischen Gemeinden in ganz Europa ist schwierig", sagt Rabbiner Menahem Hadad aus Brüssel der DW. Sie sei schon vor dem 7. Oktober 2023 schwierig gewesen.
An diesem Tag waren zahlreiche radikalislamische Kämpfer der Hamas und anderer Terrormilizen aus Gaza nach Israel eingedrungen, hatten mehr als 1200 Menschen getötet und rund 250 weitere als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Es folgte der Krieg im Gazastreifen.
Nun, so Rabbiner Hadad, werde die Lage immer schwieriger. Er selbst nutze in der belgischen Hauptstadt keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr. Es gebe Stadtteile, die die Juden mieden. "Wir fühlen uns nicht sicher." Die Synagoge und die jüdische Schule stünden unter Polizeischutz: "Wir brauchen ihn."
Mendel Azoulay ist Rabbiner in Levallois im Nordwesten von Paris. Noch am Wochenende wurde dort ein koscheres Restaurant mit großen Buchstaben "SALE JUIF" beschmiert, "Dreckiger Jude".
Der 39-Jährige sagt der DW, er selbst sei bereits achtmal angegangen oder beschimpft worden. Polizei und Armee schützten die Synagoge. "Der Staat tut alles, was er kann. Er steckt Täter in den Knast. Aber es sind einfach zu viele."
Als Ehrengast spricht der Regierende Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner (CDU). Er erinnert daran, dass Berlin die Stadt sei, in der die Nazis den Terror gegen Jüdinnen und Juden vorbereitet und durchgesetzt hätten.
"In dieser Stadt mit dieser Vergangenheit treffen sich heute Rabbiner aus ganz Europa." Das erfülle ihn mit Dankbarkeit, so der Politiker. In Berlin wachse jüdisches Leben.
Seit dem 7. Oktober 2023 stehe die Stadt noch mehr unter Druck. In diesen schwierigen Zeiten "müssen wir deutlich machen, dass Hass, Hetze, Rassismus und Antisemitismus nicht zu freiheitlichen Werten gehören". Mehrmals erwähnt Wegner diese Herausforderung, jedes Mal unterbricht ihn Applaus.
Man müsse, so Wegner, als Politiker den Feinden der Demokratie und den Feinden jüdischen Lebens entgegentreten. "Wir dürfen nicht länger wegschauen. Wir dürfen nie wieder wegschauen."
Der wiederholte kräftige Beifall erklärt sich durch Nachfragen bei weiteren Rabbinern. Polizeischutz und Sicherheitsmaßnahmen - das gibt es vielerorts, das ist sozusagen üblich. Aber selten trauten sich Politiker, sich auch mit deutlichen Worten an die Seite der bedrohten Juden zu stellen. Auch Rabbiner Jacobs aus den Niederlanden lobt alle Schutzmaßnahmen. Aber ein Stadtoberhaupt von Amsterdam werde sich kaum so deutlich in der Sache äußern.
Panik im Taxi, das Ziel "Jewish Campus" zu nennen
Nicht alle wollen sich äußern, manche bitten um Verständnis. Im Saal sitzt auch jener Tagungs-Teilnehmer aus Großbritannien, der mit dem Flugzeug nach Berlin anreiste und am Airport beim Einsteigen in ein UBER-Taxi Panik bekam, als Ziel "Jewish Campus" zu nennen.
Der Generaldirektor des "Rabbinical Center", Rabbi Arie Goldberg, lobt im DW-Gespräch das Engagement deutscher Behörden und Politiker zum Schutz von Jüdinnen und Juden und jüdischer Einrichtungen. Nach seiner Schilderung gibt es mehrere Länder in Mittel- und Osteuropa, die versuchten, sich an Deutschland zu orientieren.
Gibt es muslimische Akteure, die auf jüdische Gemeinden zugehen? Goldberg nennt Montenegro und Albanien. Frankreich, Belgien oder Großbritannien erwähnt er nicht.
Als einer der letzten kommt am Abend auf der Bühne noch einmal Binyomin Jacobs zu Wort. "Wir werden nicht weglaufen", sagt er. Zwischen den Zeilen kann man seine Distanz zu Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu erahnen. Der fordere nach Meldungen zur schwierigen Lage der Juden in Frankreich gelegentlich, alle Juden aus Frankreich sollten nach Israel ausreisen, auch alle Juden aus Europa.
"Das müssen wir nicht", betont Jacobs. Er bleibe in Europa und er gehöre nach Europa. "Europa ist meine Heimat."