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Politik

Sorge vor Eskalation am Golf

13. Mai 2019

Saudi-Arabien hat erklärt, zwei seiner Öltanker seien Opfer eines Sabotageaktes geworden. Noch ist die Lage unklar. Doch längst ist eine Diskussion um mögliche Urheber entbrannt. Die Nervosität in der Region steigt.

VAE Öltanker vor der Küste nahe Fudschaira
Öltanker vor der Küste nahe Fudschaira (Archivbild)Bild: picture-alliance/AP Photo/K. Jebreili

"Sehr besorgt" sei die britische Regierung, dass in der Golf-Region "aus reinem Versehen" ein neuer Konflikt entstehen könnte, erklärte der britische Außenminister Jeremy Hunt am Montag-Vormittag. Er reagierte damit auf die Erklärung Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), zwei seiner Öltanker seien am Sonntag-Morgen vor der Küste von Fudschaira, einem Teilstaat der VAE, durch eine "staatsfeindliche Operation" beschädigt worden. Zudem seien zwei weitere Handelsschiffe in Mitleidenschaft gezogen worden. Nach Angaben Riads stammten zwei der attackierten Schiffe aus Saudi-Arabien. 

Einem Regierungsvertreter der Emirate zufolge handelte es sich bei den beiden anderen Schiffen um einen norwegischen Tanker sowie um einen Frachter aus den Emiraten. Die Emirate veröffentlichten ein Foto, auf dem der beschädigte Rumpf des norwegischen Schiffes "Andrea Victory" zu sehen war. Die Charterfirma Thome erklärte, der Tanker sei "von einem unbestimmten Objekt getroffen" worden. Der Besatzung gehe es gut, das Schiff drohe nicht zu sinken.

Seit der Sabotage-Meldung vom Sonntag hat es kaum weitere Informationen gegeben. Der saudische Energieminister Khalid Al-Falih sprach in einer von der Saudischen Presse Agentur am Montag veröffentlichten Erklärung von einer "gefährlichen Bedrohung der internationalen Seefahrt und Sicherheit." Der Akt habe weder Menschenleben gekostet, noch sei Erdöl ins Meer gedrungen, fügte er hinzu. Allerdings habe er "erheblichen Schaden" an der Struktur der beiden Schiffe verursacht. Die "Attacke" habe die weltweite Ölversorgung treffen sollen.

Sorge vor weiterer Eskalation

Die Erklärung aus Saudi-Arabien und den VAE nährt die Sorge vor einer weiteren Eskalation am Golf. Zugleich fällt sie in eine Zeit steigender Spannungen in der Region. Noch am Donnerstag hatte das US-amerikanische Marine-Amt (United States Maritime Administration, USMA) vor Angriffen auf Tanker gewarnt. Das Amt machte für die potentielle Gefahr vor allem einen Staat verantwortlich: Es bestünde eine "erhöhte Möglichkeit, dass Iran und/oder seine regionalen Stellvertreter" Öltanker, kommerzielle oder militärische Schiffe der USA oder seiner Verbündeten angreifen könnte, hieß es.

Das Geschehen fällt in eine Zeit, in der die USA den Flugzeugträger USS Abraham Lincoln in den Golf entsandten, um dort einen von der Trump-Administration befürchteten Angriff des Iran auf US-Einrichtung in der Region zu verhindern. Die Regierung in Teheran, so das Weiße Haus, mobilisiere nicht-offizielle Truppen für mögliche Aggressionen.

Spricht von Sabotage: der saudische Energie-Minister Khalid al-FalihBild: picture-alliance/dpa/L. Niesner

Bereits vor dieser Warnung hatten die USA versucht, den Iran nach der Aufkündigung des Atomabkommens von seinen Erdöl-Einkünften abzuschneiden. China, Indien, Japan, Süd-Korea und die Türkei, so der Wunsch Washingtons, sollten ihre Öl-Importe fortan nicht mehr aus dem Iran beziehen. Stattdessen, hieß es weiter, wollten die USA den Lieferausfall zusammen mit Saudi-Arabien und den VAE kompensieren.

Iran unter Veracht

Iran selbst reagierte auf die Sabotage-Erklärung Saudi-Arabiens und der VAE defensiv. Ein Sprecher des iranischen Außenministeriums sprach von einem "bedauerlichen Vorfall". Zugleich warnte er vor einem "Abenteurertum ausländischer Akteure".

Und doch: Es sei nicht ausgeschlossen, dass der Iran hinter dem Sabotageakt stünde, sagt der libysche Militäranalyst Charles Abi Nader. Der Iran sende zwei klare Botschaften aus, so Abi Nader im Gespräch mit der DW. "Zum einen erklärt er, dass er keinerlei Einschränkung seiner Öl-Exporte hinnehmen wird. Und zum anderen will er deutlich machen, dass die Sicherheit der gesamten Region gefährdet ist." Der Iran reagiere damit auf die Versuche, die Öl-Exporte der Golfstaaten auf seine Kosten zu erhöhen. "In Teheran sieht man dies als Bedrohung der wirtschaftlichen Stabilität des Landes. Alle Versuche, die Öl-Exporte von außen zu drosseln, wertet man in Teheran darum als Angriff." 

Auch Abdelbari Atwan, Chefredakteur der Internet-Zeitung "Rai al-youm", schließt nicht aus, dass der Iran hinter dem Sabotage-Akt stehen könnte. Er zitiert in seinem Kommentar Aussagen des als politischen Hardliner geltenden iranischen Ayatollah Yousef Tabatabai Nejad. "Diese eine-Milliarde-Dollar-Flotte kann mit einer einzigen Rakete zerstört werden", so der Theologe. Auch General Amir Ali Hajizadeh, Kommandeur der Luftkräfte der Islamischen Revolutionsgarde des Iran, habe erklärt, man könne den US-Flugzeugträger angreifen. Dieser sei "wie ein Stück Fleisch zwischen unseren Zähnen."

Die Rolle Israels

Sowohl Abdelbari Atwan wie auch der Militäranalyst Charles Abi Nader schließen aber auch andere Akteure nicht aus. Beide halten es auch für denkbar, dass Israel hinter dem Sabotage-Akt stehe. Auf diese Weise könne die Regierung in Jerusalem versuchen, die Spannungen zwischen dem Iran auf der einen und den USA sowie Saudi-Arabien auf der anderen Seite zu erhöhen, so ihre Vermutung. Israel hat sich seit jeher gegen die internationale Atomvereinbarung ausgesprochen. Die Regierung Netanjahu fürchtet, Iran könne die Vereinbarung hintergehen und insgeheim weiter an der Entwicklung der Atombombe arbeiten. Außerdem sieht sich Israel durch die libanesische Hisbollah bedroht, deren Kämpfer auf syrischem Gebiet bis an die Grenze zu Israel vorgerückt sind. Die Hisbollah gilt als Vasallengruppe der Regierung in Teheran. Bewiesen ist die Verantwortung Israels allerdings genauso wenig wie die des Iran.

Iranische Revolutionsgarden (Archivbild 2018)Bild: Getty Images/AFP

Fujairah als Symbol

Dass der aktuelle Sabotageakt just in Fudschaira stattfand, sei kein Zufall, sagt Charles Abi Nader. Die Meerenge von Hormus sei gut gesichert, dort sei ein Angriff oder ein Sabotageakt kaum möglich. Fudschaira aber liege östlich der Meeresenge, in einem weniger gesicherten Ort der Meeresstraße. "Die Urheber des Anschlags wollen damit zu verstehen geben, dass sie an mehreren Orten zuschlagen können. Sie geben damit zu verstehen, dass die gesamte Meerenge verwundbar ist."

Wer tatsächlich hinter dem Anschlag steht, ist derzeit offen. Klar ist nur: Die Verantwortlichen haben die Anspannung in der Region zusätzlich erhöht.

Kersten Knipp Politikredakteur mit Schwerpunkt Naher Osten und Nordafrika