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Politik

Soziale Medien: Mehr Regulierung nach 20 Jahren

18. Februar 2024

Mit Facebook begann 2004 der Aufstieg der sozialen Medien. 20 Jahre später versucht die Politik, im Wettlauf mit den Technologieriesen aufzuholen - etwa mit dem Digital Services Act der EU.

Durch die Gläser einer Brille ist in weiß auf blauem Grund der Schriftzug des sozialen Internet-Netzwerks Facebook auf einem Laptopdisplay zu sehen
20 Jahre nach der Gründung: Jeder Dritte weltweit nutzt regelmäßig FacebookBild: picture-alliance/dpa/J. Büttner

20 Jahre ist Facebook nun alt. Es ist das weltweit größte soziale Netzwerk. Mehr als drei Milliarden Menschen sind mindestens einmal im Monat auf ihrer Facebook-Seite aktiv, mehr als jeder dritte Erdbewohner. Eine Erfolgsgeschichte. Aber die Feierlaune wurde Facebook-Gründer Mark Zuckerberg getrübt. Er wurde nur wenige Tage vor dem Jahrestag bei einer Anhörung im US-Senat mit drastischer Kritik konfrontiert. "Sie haben Blut an Ihren Händen", rief ihm der republikanische Senator Lindsey Graham zu. "Sie haben ein Produkt, das Menschen tötet."

Gegenstand der Anhörung: Der mangelhafte Schutz von Kindern und Jugendlichen auf den großen Internetplattformen. "Ihre Designentscheidungen, Ihre Versäumnisse, angemessen in Vertrauen und Sicherheit zu investieren, Ihr ständiges Streben nach Plattformbindung und Profit statt nach grundlegender Sicherheit haben unsere Kinder und Enkelkinder in Gefahr gebracht", brachte der Demokrat Dick Durbin, Mehrheitsführer im US-Senat, die Kritik auf den Punkt.

Die Gefahren sozialer Medien werden inzwischen breit diskutiert. In den USA werden sie für eine Krise der psychischen Gesundheit von Jugendlichen mit verantwortlich gemacht.

Der deutsche Psychologe und Risikoforscher Gerd Gigerenzer zählt im DW-Gespräch einige schädliche Wirkungen sozialer Medien auf. Nicht allein, dass immer mehr Menschen sich schlechter konzentrieren könnten. "Einige Studien zeigen, dass Unsicherheit, mangelndes Selbstwertgefühl, Depression und auch Suizidgedanken angestiegen sind", stellt Gigerenzer fest. Zu diesen Anzeichen könne man in den USA auch die gestiegene Selbstmordrate von Menschen zwischen 10 und 25 Jahren zählen. Die ist in dem Jahrzehnt zwischen 2011 und 2021 um 60 Prozent in die Höhe geschossen.

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03:47

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Hoffnungsvoller Beginn

Dabei hatte Facebook so harmlos begonnen. In den Anfangszeiten der digitalen Revolution, als das Internet Transparenz und Teilhabe versprach. Während traditionelle Medien nach dem Muster "einer kommuniziert mit vielen" funktionierte, schien diese neue Kommunikation von "allen mit allen" mehr Freiheit, Beteiligung und Demokratie zu bringen. Facebook begeisterte als soziales Netzwerk, wo man schnell Gleichgesinnte finden konnte, seine Urlaubsfotos teilte und auf dem Laufenden blieb, was der Freundeskreis gerade so machte.

"Bei Facebook hatte man am Anfang ein eher uneigennütziges Selbstverständnis: Man hoffte, dass die Vernetzung von Menschen die Welt besser machen würde", erinnert sich der Berliner Medienwissenschaftler Martin Emmer an die Anfänge.

Vernetzung mit weitreichenden Folgen. Zum Beispiel bei den zunächst von großen Hoffnungen getragenen Umwälzungen während des arabischen Frühlings 2011. Die wurden wegen der Rolle des Netzwerkes bei der Organisation von Demonstrationen und Widerstand zeitweise "Facebook-Revolutionen" genannt.

Facebook, vor allem im Tandem mit der rasanten Entwicklung des Smartphones, bot auf höchstem technologischen Niveau die Befriedigung eines uralten menschlichen Bedürfnisses. "Der Mensch ist ein soziales Wesen", erklärt Emmer. "Und diese Plattformen haben etwas geschafft wie kein anderes Medium vorher: Sie erlauben uns, uns mit anderen Menschen auf sehr vielen verschiedenen Ebenen, leicht abgestuft nach verschiedenen Freundesformen zu vernetzen. Am Leben anderer teilzuhaben."

Zwischen Empowerment und Entmündigung

Allerdings hat die Bereitstellung der Vernetzungsinfrastruktur einen Preis. Die User bezahlen zweimal: mit ihren Daten und mit ihrer Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut. Werbetreibende geben dafür gerne Geld aus. Vor allem, wenn die Botschaften dank präziser Persönlichkeitsprofile sehr gezielt an die potenzielle Kundschaft gebracht werden kann. Weshalb die Plattformbetreiber so viele Daten wie möglich von ihren Nutzern sammeln und jedes Like einen weiteren Datenpunkt liefert. Und mit dem detaillierten Wissen um Interessen, Neigungen und Abneigungen der User werden deren Timelines dann mit genau solchen Inhalten geflutet, die sie möglichst lange auf der Plattform halten. 

Wie diese Inhalte auf die Einzelnen und die Gesellschaft wirken, spielte für die Plattformbetreiber lange Zeit keine Rolle. Die wachsende Polarisierung der Gesellschaft, die zunehmende Verrohung politischer Diskussionen, die Verbreitung wüstester Verschwörungstheorien - all dies wird mit Facebook und Co in Verbindung gebracht.

Mit ihrer Kommunikationsmacht lassen sich soziale Netzwerke auch für politische Zwecke missbrauchen. 2016 wurden Vorwürfe laut, Russland habe Facebook genutzt, um den Ausgang der Präsidentschaftswahlen zu beeinflussen. Zwei Jahre später wurde Facebook in den Skandal um Cambridge Analytica verwickelt: Weitgehend ohne Kenntnis ihrer Nutzer hatte das Unternehmen die Daten von rund 50 Millionen Facebook-Profilen ausgewertet. Um durch äußerst individuell zugeschnittene Botschaften das Wählerverhalten zu beeinflussen. Und auch bei den US-Wahlen 2020 und der von Donald Trump verbreiteten Legende von den gestohlenen Wahlen spielten "Stop-the-Steal"-Gruppen auf Facebook eine Rolle.

Trump-Anhänger am Capitol in Washington - mobilisiert auch über soziale MedienBild: JT/STAR MAX/IPx/picture alliance

Superwahljahr 2024

2024 ist ein Superwahljahr. Bürger in Ländern, in denen über die Hälfte der Weltbevölkerung lebt, gehen an die Urnen: In Indien und Indonesien, in Pakistan und Russland, in der EU und in den USA. Der US-amerikanische Informatiker und Technologie-Kritiker Jaron Lanier macht sich Sorgen: "Es wird vermehrt deep-fakes durch künstliche Intelligenz geben und andere neue Anwendungen von Technologie zur Manipulation von Menschen. Und ich denke, viele Menschen werden darauf nicht vorbereitet sein", befürchtet Lanier im DW-Interview. Lanier hatte bereits 2018 vor den Gefahren von sozialen Medien gewarnt. Mit dem Buch "Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst".

Positiv bewertet Lanier, dass sich viele Menschen langsam bewusst würden, wie sie manipuliert werden. "Ob deren Zahl ausreicht, um einen Unterschied zu machen, weiß ich nicht", schränkt Lanier allerdings ein.

Auch für den Berliner Netzwerkwissenschaftler Philipp Lorenz-Spreen haben sich die Gesellschaften zu lange von den Datenkonzernen treiben lassen. "Dieses Web 2.0, dieses Internet, wo alle ihre Inhalte teilen können, haben wir 20 Jahre lang sich in eine fast rein kommerzielle Richtung entwickeln lassen; wir haben diese Aufmerksamkeitsökonomie wuchern lassen", resümiert Lorenz-Spreen.

Die Politik reagiert

Mittlerweile ist die Politik aufgewacht. Und versucht, im Wettlauf mit den Technologieriesen aufzuholen. 2022 hat die Europäische Union den Digital Services Act beschlossen. Am 17. Februar 2024 trat das Gesetz der EU zu Digitalen Diensten vollständig in Kraft. Damit sollen illegale Inhalte schneller entfernt werden, zum Beispiel Hassrede. Auch die Grundrechte der Nutzer sollen besser geschützt werden - inklusive der Redefreiheit. 

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Zudem sollen Forschende endlich Zugang zu den Daten der Internetgiganten bekommen. Lorenz-Spreen freut sich: "Da passiert etwas in Richtung Transparenz, dass wir überhaupt mal diese Blackbox ein bisschen öffnen können und hineinschauen, wie diese Maschine funktioniert."

Wie auch immer sie funktioniert: Sie ist hoch rentabel. Der Facebook-Mutterkonzern Meta, zu dem auch Instagram und WhatsApp gehören, hat mit Werbung im letzten Quartal 2023 so viel Geld verdient, dass Meta beschloss, zum 20. Gründungstag erstmals eine Dividende an seine Aktionäre auszuzahlen. Zumindest bei denen kam doch noch Feierlaune auf.

Dieser Artikel zum 20. Facebook-Geburtstag wurde zum Inkrafttreten des Digital Services Act aktualisiert

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