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GleichberechtigungSpanien

Spanien: Digital gegen Gewalt an Frauen

Nicole Ris
7. März 2026

In Spanien gelten strenge Maßnahmen gegen Gewalt an Frauen. Aber auch hier werden noch Frauen getötet. Ein digitales Kunstprojekt will ihre Schicksale sichtbar machen - und KI-Früherkennung soll Femizide verhindern.

Nahaufnahme eines Handies mit der App und einer Buchseite, die eine kindlich wirkende Zeichnung eines Mordes an einer Frau zeigt
Der App war ein Buch der Künstlerin Jana Leo vorausgegangenBild: Nicole Ris/DW

Hinweis: Dieser Artikel enthält Schilderungen von Gewalt, die belastend wirken können. 

Der Bericht ist ebenso plastisch wie verstörend: "Plötzlich, während sie vor dem Fernseher saß, griff er sie mit zwei großen Messern an. Einem gezackten und einem Schinkenmesser. Er fügte ihr 67 Stichwunden zu, viele davon im Bereich von Herz und Lunge, weitere an Bein, Hals und Bauch. Anschließend reinigte er den Leichnam mit Wasserstoffperoxid und Alkohol, trug ihn ins Schlafzimmer und rief die Polizei. Das Paar hatte einen Sohn und zwei Töchter... In der Nachbarschaft war er für psychische Gewalt und krankhafte Eifersucht bekannt. 'Sie waren immer zusammen', berichtete eine Nachbarin. 'Und wenn nicht, schrie er sie an und wollte wissen, wo sie gewesen war.'" 

Jana Leo (r.) stellt in einer Madrider Bibliothek ihr Projekt vorBild: Nicole Ris/DW

Fall 078. Mitten in Madrid. Eine App zeigt diesen Frauenmord auf einer virtuellen Karte an. Hier, wo tausende Menschen jeden Tag entlanglaufen, wurde diese Frau von ihrem Partner ermordet. Ein Kreuz kennzeichnet nicht die genaue Stelle, aber die Umgebung. Es liefert zudem die drastische Beschreibung des Tatherganges als Text und als Audio. "Fall 078" ist eine von 157 Frauen, die in den vergangenen 20 Jahren in der Region Madrid getötet wurden. Sie alle sind in der App Art-rededor registriert, die jährlich aktualisiert wird.

Die Morde sichtbar machen 

"Ich möchte, dass jeder weiß wo in seinem Kiez eine Frau ermordet wurde und sie auf diese Weise besucht und ihre Geschichte kennenlernt", erzählt die Künstlerin Jana Leo, die zusammen mit ihrer Schwester Isabel diese App mit den offiziellen Daten entwickelt hat. Sie hofft, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass Femizide oft direkt nebenan passieren. Aufmerksamkeit sei wichtig, um Gewalt und Morde zu verhindern. Es ist ein gewagtes Projekt, das sie heute in einer Bibliothek in Madrid zusammen mit dem der App vorausgegangenem Buch vorstellt.

Die App macht sämtliche Femizide in Madrid sichtbarBild: Nicole Ris/DW

"Das ist mir unangenehm", sagt eine Teilnehmerin zunächst als sie sich die Karte auf dem Handy anschaut. Eine andere blättert durch das Buch und entdeckt dort tatsächlich den Mord an einer Nachbarin. Nummer 080. "Das ist jetzt ein seltsames Gefühl. Die Polizei stand damals plötzlich unten in der Tür und sagte, dass sie eine Frau gefunden hätten. Sie sei schon seit einigen Tagen tot." Obwohl bei einigen zunächst Unbehagen herrscht, folgt eine lebendige Diskussion. Auch darüber, wie junge Männer bereits an Schulen und Unis über die Bedeutung von Frauengewalt und Femiziden sensibilisiert werden müssten. Aber auch, wie sie ein Ventil finden können, wenn sie Wut gegenüber einer Frau spüren. Solche Art von Bildungsangebot wünschen sich hier viele auch in Unternehmen. 

Vorbild Spanien

Spanien gilt im europäischen Vergleich als Vorbild bei der Bekämpfung von Femiziden. Als erstes Land in Europa hat es 2004 geschlechtsspezifische Gewalt als systemisches Problem anerkannt und entsprechende Gesetze und Maßnahmen eingeführt. Seit mehr als 20 Jahren gibt es detaillierte Statistiken. Die Zahlen sind leicht rückläufig; im vergangenen Jahr wurden 48 Frauen von Männern getötet.

Jana Leo und ihre Schwester Isabel führen die App vorBild: Nicole Ris/DW

461 spezialisierte Strafgerichte unterstützen im Kampf gegen Frauengewalt. Aber es gibt auch Skandale. 2025 etwa, als GPS-Armbänder eigentlich vorbestrafte Täter überwachen sollten, aber in dutzenden Fällen leicht zu manipulieren waren und die Täter nicht korrekt orteten. Oder dieses Jahr, als öffentlich wurde, dass von zehn ermordeten Frauen zwischen Januar und Februar mindestens sechs zuvor Anzeige bei der Polizei erstattet haben sollen. 

Gleichstellungsministerin Ana Redondo musste Stellung beziehen: "Manchmal stellen wir fest, dass wir nicht rechtzeitig ankommen und dass die Schutzmaßnahmen manchmal nicht agil und effektiv genug sind." 

KI zur Früherkennung

Auch deshalb schaut das Land weiter nach neuen Methoden. Künstliche Intelligenz könnte zu einem zusätzlichen Werkzeug werden. An der Universidad Carlos III in Madrid forscht ein kleines Team, wie die KI helfen kann an der Stimme von Frauen zu erkennen ob sie Opfer von Gewalt gewesen sind. 

"Das Trauma der Betroffenen lässt sich in der Stimme messen. Denn es hat die Art und Weise wie sie sich ausdrücken und anhören und ihr Reaktionsvermögen verändert", erklärt die Professorin Carmen Pelaez Moreno. 

150 Frauen, darunter 50 Opfer männlicher Gewalt, haben in den vergangenen Jahren an dem Forschungsprojekt teilgenommen, in das in das auch Psychologinnen und Psychologen eingebunden sind. In etwa 80 Prozent der Fälle erkannte die KI diejenigen, die von Gewalt betroffen waren. Carmen Pelaez Moreno sieht hier Potenzial. Frauen falle es oft schwer, sich selbst als Opfer von Gewalt zu erkennen. Mithilfe der Technologie könne man etwa in Arztpraxen, sozialen Einrichtungen oder bei der Polizei erste Warnsignale bekommen. 

Das Forscherteam an der Universidad Carlos III will Traumata an der Stimme erkennenBild: Universidad Carlos III Madrid

"Wenn ein Blutbild erstellt wird und sich herausstellt, dass der Eisenwert niedrig ist, wird das überprüft, weil vielleicht etwas Größeres dahinter steckt. So ähnlich funktioniert die KI auch - als Werkzeug, als Warnung: Guck hier genauer hin, es kann sein, dass die Person Gewalt erfährt", erklärt die Professorin. Um die KI in der Praxis zu nutzen, bedarf es aber mehr Finanzierung.  

Trotzdem gilt: Handeln, bevor es zu spät ist. Und: nicht vergessen. Die Künstlerin Jana Leo arbeitet daran die Orte, die auf ihrer virtuellen Karte hinterlegt sind, auch in Form von Plaketten in Madrid markieren. "Das macht man bei Kriegsgefallenen doch auch", sagt sie. Es soll ein weiterer Schritt sein, um die Aufmerksamkeit zu schärfen und die von Gewalt Betroffenen zu unterstützen. Denn die Dunkelziffer von Frauen, die aus Angst keine Hilfe suchen ist immer noch groß. 

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